28.06.2015
Motorrad-Pfarrer

Auf dem Motorrad die Kurve zur Kirche kriegen? Ja, auch das passiert, sagt der Kasendorfer Pfarrer Stefan Lipfert. »Da bleibt was hängen, bis dahin, dass Leute wieder eintreten.« Wie das?
Pfarrer Stefan Lipfert
Bringt Kirche und Krad zusammen: der Kasendorfer Pfarrer Stefan Lipfert.

Mit »Kirche und Krad«, einem offenen Treffen im Raum der Kirche für Menschen, die Motorräder mögen. Bei gemeinsamen Ausfahrten, Pilgerfahrten, Motorradgottesdiensten kommt man sich näher, redet über Gott und die Welt. Vor allem Männer erreicht die Kirche auf diesem Weg. Sie sind 35 bis 65 Jahre alt, stehen gut im Beruf, suchen oft neue Orientierung und die Gemeinschaft. Kirche soll sich als lebendige Gemeinschaft zeigen, nicht belehrend, sondern annehmend, sagt Lipfert. Kirche müsse bei den Menschen sein, Schnittstellen suchen, Offenheit demonstrieren.

Der 55-Jährige ist einer der Verantwortlichen für »Kirche und Krad«. Motorräder sind seine Leidenschaft. Die Garage ist randvoll mit Maschinen, rund ein Dutzend insgesamt, die der Pfarrer, der sich schon in jungen Jahren das Kfz-Handwerk angeeignet hat, selbst in Schuss hält.

Motorrad fahren hat eine geistliche Dimension? Klar, sagt Lipfert. »Motorrad fahren ist Entgrenzung - auch ein Thema der Religion.« Die Kunst, mit Kräften umzugehen, die Grenzen von Kräften zu spüren. Vorteile im banalen Alltagsleben hat das Zweirad auch: Man bekommt leichter einen Parkplatz.

Theologie statt Kernphysik

Lipfert, ein gebürtiger Lichtenfelser, ist seit sechs Jahren Pfarrer in Kasendorf im Landkreis Kulmbach. Warum er Pfarrer wurde? »Das Interesse am Menschen.« Als sein Physiklehrer vom Theologiestudium erfuhrt, polterte er: »Verschwendung von Intelligenz.«

Lipfert war ein Physik-Talent, ein Kernphysik-Studium wäre denkbar gewesen. »Aber ich bin froh, dass ich das nicht gemacht habe.« Auch wenn er sich über die Kirchenverwaltung schon mal ärgern muss. Zum Beispiel darüber, dass er immer wieder Formulare ausfüllen soll, obwohl sich doch nichts geändert hat. »Wir sind wohl ein papierverarbeitender Betrieb.« Auf die Landeskirche insgesamt lässt Lipfert aber nichts kommen. Sie sei ein sehr verlässlicher, treuer Dienstherr.

1400 Mitglieder betreut Lipfert in Kasendorf und acht umliegenden Dörfern. Er ist Dekanatsjugendpfarrer, hat einen Kindergarten mit 140 Kindern, der gerade für 1,2 Millionen Euro generalsaniert wird, macht »Kirche und Krad« und betreut eine Bienen AG an der Schule. Denn Lipfert ist auch Imker. Sein Wissen will er weitergeben und versuchen, dass über das Interesse der Kinder schließlich alle Dörfer der Kirchengemeinde wieder einen Imker haben.

Entscheidend ist die Gemeinde

Seine Kirche ist gut besucht, sagt der Pfarrer. Es würde ihm aber auch nichts ausmachen, wenn weniger kämen. Entscheidend sei doch, »was die Gemeinde selber lebt«. Wichtig sei, für die Jugend Angebote zu schaffen, mit denen sie sich entfalten könne, sagt Lipfert. Er selbst hat das auch so erlebt. Der Liturgische Chor in Lichtenfels hat ihn in den Gottesdienst gezogen. »Ich konnte gut singen, das hat Spaß gemacht.« Der Pfarrer habe die Jugend machen lassen. Sie bauten sich eine Teestube, »das war für uns der Hype«.

Lipfert geht zum Bibelkreis, in der 11., 12. Klasse steht fest: Er will Pfarrer werden. In Burggrub macht er sein Vikariat, in Wildenheid (Neustadt bei Coburg) hat er seine erste Pfarrstelle. 18 Jahre bleibt er, dann kommt Kasendorf. Pfarrer, das hat für ihn viel mit Berufung zu tun. »Ich lass' mich auf dieses Lebenskonzept ein. Das ist für mich eine Existenzform, die durch alle Ritzen wabert in meinem Leben.«

Immer wieder hat Lipfert erlebt: Da ist jemand, der seine Hände im Spiel hat. Gott beschreibt er am liebsten als Gefühl: »Das Gefühl, dass ich verstanden werde. Das Gefühl, dass jemand einen immer wieder überraschen kann.«

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Sonntagsblatt