Die EKD hat letzten Montag eine bundesweite Klima-Kampagne, die gezielt Menschen ansprechen soll, die digital und technikaffin sind, aber für die Klimaschutz bisher kein persönliches Thema war. Was erhoffen Sie sich davon? Und ganz konkret: Wie gestalten Sie diese Kampagne aktiv mit?

Wolfgang Schürger: Ehrlich gesagt, der Zeitpunkt der Kampagne ist für uns schwierig. Anfang September ist in Bayern ungünstig – Schulbeginn, Wiederaufnahme der Arbeit, andere Verpflichtungen. Wir gestalten die Kampagne deshalb nur ergänzend mit. Wir haben beim Gemeinschaftswerk Publizistik (GEP) in Frankfurt einige unserer Umwelt-Projekte vorgeschlagen, die sie kontaktieren können.

Also vermitteln Sie diese Projekte weiter?

Genau. Es sind unterschiedlichste Projekte – aus Gemeinden und Diakonie. Unser Problem ist, dass wir als evangelische Kirche keine zentrale Reporting-Struktur haben. Es passiert viel Gutes in der Fläche, aber auf Leitungsebene wissen wir oft nicht, was konkret passiert. Deshalb überlegen wir, wie man eine Art Datenbank aufbauen kann, in der Gemeinden ihre Praxisbeispiele eintragen können – nicht nur im Klimabereich, sondern auch in Jugendarbeit oder anderen Feldern.

Zum Thema Wahrnehmung: Der Begriff "Klima" ist mittlerweile ein Reizwort. Viele sprechen von "Klimamüdigkeit". Wie sehen Sie das?

Dem würde ich nicht zustimmen. Immer mehr Menschen merken den Klimawandel auch in Deutschland: Starkregen, Dürren, Hitzetage, sinkende Grundwasserstände. Ich war letzte Woche in den Alpen unterwegs und habe mit Menschen gesprochen, die dort schon lange unterwegs sind. Sie sagen: Es ist erschreckend, wie stark die Gletscher zurückgehen. Die Wahrnehmung ist da, es braucht nur die richtigen Impulse – die Social-Media-Kampagne der EKD kann da möglicherweise entscheidenden Anstoß geben.

Die Kampagne richtet sich stark an den Einzelnen: Das Motto "Du zählst" drückt aus: ‚Du kannst etwas tun.‘ Aber viele Menschen wünschen sich inzwischen strukturelle Veränderungen – also größere politische oder gesellschaftliche Hebel. Wie balancieren Sie das beim Klimathema?

Es braucht verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen, besonders wenn größere Investitionen anstehen. Rein spekulativ könnte die laufende Debatte über die Abschaffung von Zuschüssen für Wärmepumpen sogar dazu führen, dass Menschen sich noch einmal intensiver informieren und konkreter handeln — etwa Förderangebote nutzen und notwendige Genehmigungen einholen.

Blicken wir auf das Klimaschutzgesetz, das die Landesynode Frühjahr 2024 verabschiedet hat. Es deckt viele Bereiche ab: Gebäude, Mobilität, Bildung – aber viele Vorgaben hängen von politischen Rahmenbedingungen ab. Wo stoßen Sie als Kirche bei der Umsetzung an Grenzen?

Am ehesten im Bereich klimafreundliche Mobilität. Wenn ich im ländlichen Raum auf Konferenzen den Vorschlag mache, Gemeindeveranstaltungen und Termine an die Busfahrpläne anzupassen, ernte ich oft Gelächter. Nach 18 Uhr oder am Wochenende fährt eben vielerorts gar kein Bus. Dann kann ich nicht erwarten, dass Menschen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu kirchlichen Veranstaltungen kommen. Gemeinden haben dann zwei Möglichkeiten: entweder selbst etwas auf die Beine stellen, etwa einen ehrenamtlich betriebenen Nachbarschaftsbus, oder als gesellschaftlicher Akteur Druck machen – beim Verkehrsverbund oder bei der Kommune anklopfen und sagen: Wir brauchen besseren Nahverkehr. Bei Gebäuden sind wir hingegen stärker selbst gefordert. Da geht es um Fragen wie: Welche Gebäude wollen wir langfristig halten? Und wie machen wir sie klimafit?

Aber ist das bei alten, oft denkmalgeschützten Gebäuden nicht extrem schwierig?

Technisch gibt es heute viele Möglichkeiten. Historische Kirchen wurden über Jahrhunderte nicht dauerhaft beheizt – sondern nur temporär. Mit Ökostrom, Bankheizungen oder Infrarotlösungen kann man schnell klimaneutral werden. Wärmepumpen haben große technologische Fortschritte gemacht und sind inzwischen auch in Altbauten einsetzbar. Dicke Mauern können sogar von Vorteil sein.

Ändert das Klimaschutzgesetz auch das Engagement der Gemeinden? Und gibt es Sanktionen, wenn einige die Ziele nicht erfüllen?

Nein, bisher nicht. Wir hoffen, dass das Gesetz motiviert. Andere Kirchen arbeiten mit Bonus-Malus-Systemen, auch CO₂-Abgaben. Wir setzen zunächst auf Motivation und auf den Effekt, dass sich Investitionen in den Klimaschutz unmittelbar auszahlen.

Sie bieten auch Online-Fortbildungen zum Klimaschutz an – etwa zum Thema "Klimafreundliches Heizen ohne fossile Energieträger". Wen erreichen Sie damit?

Vor allem unsere ehrenamtlichen Umweltbeauftragten, aber zunehmend auch Menschen aus den regionalen Verwaltungen. Viele Heizungen sind über 20 Jahre alt. Ihre Lebensdauer beträgt in der Regel 25 Jahre – der Erneuerungsbedarf ist enorm. Das wissen die Verantwortlichen, und deshalb ist das Interesse groß.

Hinter all den technischen Fragen geht es beim Klimaschutz schließlich auch immer um Haltung. In der Kirche wird dafür oft der Begriff "Schöpfung” verwendet. Aber droht dieser nicht, zur Floskel zu verkommen? Viele Menschen außerhalb der Kirche können damit wenig anfangen.

Im Gegenteil, ich halte den Begriff für sehr anschlussfähig. Er macht deutlich, dass es nicht nur um technische Maßnahmen geht, sondern um eine tiefere Verantwortung: Wir sind Teil der Natur, Teil eines großen Ganzen. Wenn wir von "Schöpfung" sprechen, rücken wir diese Verbundenheit in den Mittelpunkt. Wir sprechen von den "Mitgeschöpfen", also auch von Tieren, Pflanzen, Ökosystemen, die durch unser Handeln beeinflusst werden. Das lädt ein, über die eigene Haltung nachzudenken: Welche Verantwortung habe ich gegenüber der nichtmenschlichen Kreatur? Und wie gestalte ich meinen Lebensstil, damit er nicht nur mir, sondern auch dem Planeten dient? Für viele ist genau diese ganzheitliche Sicht ein neuer Impuls – weit über Technik hinaus.

Was liegt Ihnen beim Thema Klimaschutz besonders am Herzen?

Als Theologe ist mir die Haltung wichtig, also nochmal der Blick auf die Schöpfung. Albert Schweitzer sprach von Ehrfurcht vor dem Leben. Daraus ergeben sich Handlungsmaximen. Wenn ich aus Achtsamkeit heraus handle, überlege ich mir zweimal, welches Fleisch ich esse und wie das Tier gelebt hat. Schöpfungsverantwortung ist mehr als Klimaschutz. Es geht darum, wie wir alle gut leben können auf diesem Planeten.

Haben Sie manchmal das Gefühl, gegenüber politischen Entwicklungen beim Klimaschutz ohnmächtig zu sein?

Noch nicht. Wir haben als Kirche Einfluss, etwa durch Gespräche im Bundesumweltministerium. Unsere Stimme wird gehört, gerade weil man uns abnimmt, dass wir nicht aus Eigeninteresse handeln. Das unterscheidet uns von manchen Verbänden.

Gibt es noch einen Punkt, den Sie betonen möchten?

Ja. Uns ist wichtig, das Klimaschutzgesetz systematisch mit Leben zu füllen – keine Schnellschüsse, sondern durchdachte Maßnahmen, die mit regionalen Gebäudekonzepten verzahnt sind. So entstehen zukunftsfähige Modelle.