20.10.2018
Ehrenamt

Was auf der Tagesordnung von Kirchenvorständen steht

Keine Kirchengemeinde ist gleich: die eine ist arm, die andere reich, eine auf dem Land, die andere an einer abgasbelasteten Großstadtstraße. Aber gleich ist: alle brauchen einen Kirchenvorstand. Aber was tun die gewählten Ehrenamtlichen in so einem Gremium?
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Die Kandidaten sind gefunden, die Wahlzettel versandt. Am 21. Oktober können die evangelischen Christen im Freistaat mit ihren Kreuzchen bestimmen, wer sie im Kirchenvorstand vertritt. Wer nicht im Gremium sitzt, weiß selten, wie es darin zugeht. Das Kirchenkabarett "Das weiß-blaue Beffchen" hat einen Sketch über die Sitzung eines Kirchenvorstands im Programm - in dem sind die Protagonisten coole Dampfplauderer oder den Herrn Pfarrer anhimmelnde Damen, die Entscheidungen auf den Sankt-Nimmerleinstag vertagen oder die Verantwortung ihrem Seelsorger zu schieben.

Der Evangelische Pressedienst (epd) wollte wissen, wie es wirklich ist, und beobachte eine Kirchenvorstandssitzung in der Südstadt in Nürnberg - und eine in Büchenbach im Dekanat Schwabach. Beide Sitzungen beginnen kurzer Besinnung. Die Stadt-Kirchenvorstände treffen sich im fensterlosen Besprechungsraum, haben nach knapp zwei Stunden ihre Tagesordnung abgearbeitet und gehen danach in den Biergarten. Die auf dem Land sitzen im Gemeindsaal, lassen sich von den Strahlen der Abendsonne die Nasen kitzeln, hören den Brunnen auf dem Kirchplatz plätschern, die dreistündige Sitzung endet um 22.30 Uhr.

Tagesordnung- Finanzen im Vordergrund

"Also ihr Lieben", Pfarrer Bernd Reuther, erster Pfarrer in der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche in Nürnberg, klappt sein Notebook auf und öffnet die Datei mit der Tagesordnung. Es geht unter anderem um Finanzen. Die Lage der Kirchengemeinden im Süden Nürnbergs ist nicht rosig. Um beinahe ein Viertel ist die Zahl der Gemeindeglieder in den vergangenen Jahren zurückgegangen, deshalb gibt es immer weniger Schlüsselzuweisungen der Landeskirche.

Schon lange wird an Strukturen gearbeitet, um zusammen mit den Nachbargemeinden einen bevorstehenden Personalabbau zu verkraften. Bernd Reuther informiert, die Männer und Frauen im Gremium haken nach. Beim Tagesordnungspunkt "Rückblick auf die Kirchweih" wird es lebhafter. Der Musikverstärker "hat die Grätsche gemacht", das kostet wieder. Aber nicht nur der Marmeladenverkauf war ein Erfolg. Auch Gulasch und Kuchen gingen gut. "Da hat sich die Vesperkirche ausgewirkt, es waren viel mehr Besucher da", sagt Vertrauensfrau Christa Schmeißer. Seit die Gemeinde im Winter sechs Wochen lang das große Sozialprojekt Vesperkirche in Nürnberg ist, kennen sie auch viele Nichtkirchgänger.

Kirchenvorsteher Nürnberg Gemeindefest
Kirchweihfest der Kirchengemeinde Gustav-Adolf-Gedächtniskirche in Nürnberg

"Wir versuchen Zukunft zu gestalten"

Ein Projekt, das den Kirchenvorstand in den vergangenen sechs Jahren viel Schweiß gekostet hat, das aber die Leute auch zusammenschweißt. Evelyne Meissner erinnert sich: "Wir haben im Kirchenvorstand jahrelang nach einer zündenden Idee gesucht, was man machen kann. Von Urnen in der Kirche war die Rede. Aber Menschen in der Kirche gefällt mir besser". Kirchenvorstandskollegin Heidimaria Lattemann findet auch, dass mit der Vesperkirche viel bewegt wurde: "Wir versuchen Zukunft zu gestalten, das finde ich schön". Daher lässt sich die quirlige Frau, die eigentlich nicht einem Gremium angehören wollte - "weil ich allein schneller und effizienter bin" - wieder in den Kirchenvorstand wählen. Sie liebe diese "diszipliniert-freundschaftliche Runde".

Genau hier scheint der Reiz zu liegen: weil sie den harmonischen und fairen Umgang miteinander schätzen, sind auch in Büchenbach (Landkreis Roth) alle Mitglieder gerne im Kirchenvorstand, sagen sie. "In diesem Gremium gibt es keine Kämpfe, keine Richtungsstreitereien", erklärt der Vertrauensmann in Büchenbach, Lothar Budde. Seit 18 Jahren ist er schon dabei. "Hier kann ich meine Talente einbringen", erklärt er sein Engagement.

Weitere Themen mit ähnlichen Problemen

Auf der Tagesordnung steht in Büchenbach an diesem Abend erst die Anschaffung eines Kopierers für den Kindergarten und dann - viel bedeutender - die Diskussion über ein Geschäftsführermodell, das für alle Kindergärten im Dekanat Schwabach eingeführt werden soll. Das soll den Pfarrer entlasten, der dann beispielsweise nicht mehr die Dienstbesprechungen mit den Erzieherinnen führen würde. Nicht alle Räte sind begeistert. Eine Entscheidung sollte aber an diesem Abend ohnehin nicht fallen.

Weiteres Thema sind die Friedhofsgebühren, die den Besitzern von Gräbern transparenter gemacht werden sollen. Und wenn man gleich beim Gräberfeld angelangt ist, es müsste hier auch ein Garagentor ersetzt werden. Ludwig Neger kennt sich mit solchen Dingen aus, der erste Kostenvorschlag erscheint dem Kirchenvorstand zu hoch, ein zweiter wird eingeholt. Und auch hier auf dem Land: ein Rückblick auf das Gemeindefest: "Wie weit sind die Ballons geflogen", will Kirchenvorstand Klaus Braun wissen. Und wie kann man in Zukunft den Chor der Kindergartenkinder verstärken? Da ist die Musikanlage nicht gut genug. Man sieht, die Probleme ähneln sich.

Mit einem Abendkanon und dem Vaterunser schließt die Versammlung in Büchenbach. In der Stadt folgt noch ein geselliger Biergartenabend im Hummelsteiner Park. Und vom Ausflug aufs Land kehrt die stille Beobachterin der Sitzung mit einer Riesen-Zucchini zurück, ergattert aus dem Garten von Kirchenvorstand Budde.

Kirchenvorstand Gemeindefest Nürnberg Essen

Was ist ein Kirchenvorstand?

2,1 Millionen wahlberechtigte Protestanten in Bayern sind bis zum 21. Oktober aufgerufen, ihre Kirchenvorstände neu zu wählen. In rund 1.530 evangelischen Kirchengemeinden müssen rund 9.000 Kirchenvorsteher neu gewählt werden, wie das Referat für die Kirchenvorstandswahlen mitteilt. Etwa 2.000 werden nach den Wahlen noch in die Gremien berufen. 17.000 Kirchenmitglieder stellen sich zur Wahl. Sie steht unter dem Motto "Ich glaub. Ich wähl".

Wahlberechtigt sind alle getauften Evangelischen ab 16 Jahre. Jugendliche, die konfirmiert sind, können bereits mit 14 Jahren zur Wahl gehen. Je nach Größe der Gemeinde sind drei bis zwölf Mitglieder im Kirchenvorstand. Die Gemeinden können noch weitere Mitglieder in das Gremium berufen, das die Gemeinde leitet. Die Amtszeit der neu gewählten Kirchenvorstände dauert sechs Jahre.

Der Kirchenvorstand ist das Leitungsgremium der Kirchengemeinde. Die gewählten Kirchenvorstände und ein kleiner Teil berufene Mitglieder gestalten das Leben ihrer Gemeinde. Der Kirchenvorstand trägt die Verantwortung und trifft verbindliche Entscheidungen für alle Aufgaben und Aktivitäten, für rechtliche und geistliche Fragen der Gemeinde. Auch der Pfarrer oder die Pfarrerin sitzen in dem Gremium, das aus seinen Reihen eine Vertrauensmann oder eine Vertrauensfrau wählt.

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