26.05.2018
Kommentar

Amerikanischer Traum – amerikanisches Trauma

Europa und die USA – in der Gegenwart und in der Zukunft. Kommentar von Stephan Bergmann
Boxhandschuhe mit den Flaggen von USA und EU.
Donald (Trump, US-Präsident) vs. Donald (Tusk, EU-Ratspräsident): atlantischer Schlagabtausch über Handel und Verträge.

Donald gegen Donald. So weit ist es gekommen: EU-Ratspräsident Tusk über US-Präsident Trump: "Mit solchen Freunden, wer braucht da noch Feinde?" Nach den jüngsten Washingtoner Entscheidungen sind die Risse im transatlantischen Bündnis tiefer denn je. Der Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit Iran hat den Rest gegeben. Von Trumps Aufkündigung des Pariser Klimavertrags über den Handelsstreit bis heute – die Eskalation schreitet immer weiter voran.

Für die EU kommt das alles zur Unzeit, ist sie doch gerade am meisten mit sich selbst beschäftigt und hat kaum Kraft für wirksamen Widerstand – zumal wenn es um den wichtigsten Verbündeten geht. Trump weiß das und nützt die Schwäche der EU weidlich aus.

Kein Wunder: Das europäische Einigungsprojekt wird von Populisten und Nationalisten torpediert und droht zum Scherbenhaufen zu werden. Obendrein schert London aus und wird wohl selbst Italien zum unsicheren Kantonisten. Sparkommissar Deutschland hingegen sitzt zwar im EU-Reformzug, bremst aber immer wieder Lokführer Macron. Wie soll eine solche EU dem amerikanischen Präsidenten da noch Paroli bieten?

Der Versuch einer geschlossenen Front in der Iran-Politik wirkt eher verzweifelt als selbstbewusst. Bezeichnenderweise erwecken die Europäer in Sachen Trump und Iran den fatalen Eindruck, als ginge es ihnen mehr um Wirtschafts- als um Friedens- und Menschenrechtsfragen. Den Möchtegern-Friedensnobelpreisträger Trump wird’s freuen.

Sicher: Ohne die Weltmacht USA sind die Europäer nur noch halb so stark, Moskau und Peking sind da eher die falschen Nothelfer. Umso mehr muss sich die EU jetzt endlich reformieren und politisch schlagkräftiger werden, wenn sie sich von den USA unter Trump emanzipieren will.

Gleichzeitig müssen die Europäer allerdings dem anderen Amerika signalisieren, dass sie weiter zum westlichen Bündnis und damit auch zu den ureigenen amerikanischen Werten der Freiheit stehen. Zu den Werten und dem Lebensstil, die gerade wir Deutschen so gern kopiert haben. Die vielen US-Bürger, die sich für eine offene Gesellschaft, für Frieden und Umweltschutz engagieren, erwarten das zu Recht. Ebenso die jungen Leute, die sich mutig gegen die Waffenlobby in den USA stellen. Freilich: Trump gäbe es nicht ohne seine Wähler. Sie gilt es aufzuklären und wieder auf das Amerika, das wir alle schätzen, einzuschwören. Vielleicht könnten ja da auch die europäischen Kirchenbünde über ihre Partnerkirchen in den USA aktiv werden.

Für Antiamerikanismus ist jetzt jedenfalls nicht die Zeit. Es wird und muss auch wieder ein Amerika nach Trump geben.

 

Was denken Sie? Schreiben Sie an Sonntagsblatt-Gastkommentator Stephan Bergmann: sonntagsblatt@epv.de

 

 

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