15.12.2017
Kommentar

Der Jerusalem-Eklat als Lehrstück für Europa

Friede auf Erden? Wenn man sich kurz vor Weihnachten die erneute Eskalation im Heiligen Land anschaut, könnte man verzweifeln. Ein Kommentar von Stephan Bergmann
Palästinensische und die israelische Flagge
Hat US-Präsident Donald Trump mit der Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels ohne Not Öl ins Feuer des Nahostkonflikts gegossen?

Eine erneute Eskalation im Heiligen Land. Ausgelöst vom US-Präsidenten – ohne Not. Mit seiner Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels hat er Öl ins Feuer gegossen und die ganze Region in Wallung gebracht. Die schlimmen antisemitischen Ausschreitungen der letzten Tage rechtfertigt das freilich in keiner Weise.

Im Dauerkonflikt zwischen Israel und den Palästinensern geht es nicht zuletzt um den religiösen Symbolgehalt Jerusalems. Wenn Trump mit der einseitigen Positionierung zugunsten Israels seinen evangelikalen Wählern daheim einen Gefallen tun wollte, so könnte er damit nicht nur die Muslime verprellt, sondern auch den Christen im arabischen Raum einen Bärendienst erwiesen haben.

Christen könnten noch mehr zwischen die Fronten geraten

Ob im Irak, in Ägypten oder im Libanon: Die antichristliche Stimmung ist ohnehin schon genügend aufgeheizt, und im Heiligen Land selbst werden jetzt noch mehr palästinensische Christen zwischen die Fronten geraten.

Bezeichnend ist auch, dass sich nun die Türkei als oberster Hüter der Muslime aufführt und als Retourkutsche auf den Jerusalem-Entscheid der USA offenbar wieder in Erwägung zieht, die urchristliche Hagia Sophia fürs islamische Freitagsgebet zu öffnen.

Auch wenn sich Donald Trump mit seinem Alleingang noch nicht endgültig vom Nahost-Friedensprozess verabschiedet hat, so hat er doch neue Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern und wohl auch zwischen den Religionen in der Region zumindest in Kauf genommen.

Europa muss retten, was zu retten ist

Jetzt müssen die Europäer ran, retten, was noch zu retten ist. Die Auswirkungen der neuen amerikanischen Außenpolitik zeigen am Beispiel Jerusalem, aber auch Iran und Nordkorea symptomatisch, wie dringend es einer selbstbewussten Außen- und Sicherheitspolitik der Europäer als Gegengewicht bedarf.

Die EU muss endlich stark und geschlossen auftreten und zum treibenden Motor für den Weltfrieden werden. Dafür sollte sie nicht wie Russland und die USA auf mehr Rüstung und Waffenexporte setzen, sondern auf Abrüstung, gewaltlose Konfliktbearbeitung und Prävention.

Und sie muss noch stärker als bisher die Vereinten Nationen als öffentliche Bühne für internationale Transparenz und friedliche Koexistenz nutzen. Trotz manch berechtigter Kritik an den UN als zahnloser Tiger sind sie es, die unterschiedlichste Staaten zusammenbringen, Millionen Menschen in Not helfen und Kriegsverbrechen bestrafen oder zumindest aufdecken. Der UNO kommt deshalb zu Recht auch in der evangelischen Ethik vom gerechten Frieden eine Schlüsselrolle zu.

Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten.

 

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