26.05.2013
Kreative Gemeinde

Jugendarbeit: "Man muss Heilige Kühe schlachten"

Ganztagesschulen, mehr schulische Anforderungen und deswegen weniger Jugendliche, die sich außerhalb des Unterrichts kirchlich engagieren: Dieses Problem kennt die Kirchengemeinde in München-Freimann nicht. Mit dem Konfirmandenunterricht legt sie den Grundstein für eine besondere Jugendarbeit.
Hände und Füsse im Kreis auf Wiese

Das Abendmahl beginnt mit einem Kichern. 21 Jungen und Mädchen im Alter von 14 Jahren sitzen im Schlafsack sternförmig um einen runden Teppich gruppiert, in dessen Mitte ein Abendmahlskelch, ein Brotkorb und angezündete Kerzen stehen.

Pfarrer Norbert Ellinger möchte den Konfirmanden seiner Gemeinde an diesem Abend erklären, was es mit dem Abendmahl auf sich hat. Danach wird in der Kirche übernachtet.

Ellinger setzt an mit den Worten: "Wir beginnen den Abend im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes - Amen." Die 14-Jährigen sind verunsichert: Sollen sie nun auch "Amen" sagen? Oder sagt das nur der Pfarrer? Ein paar sprechen es mit, lachen danach verschämt.

Mit Ellinger kam das neue Konzept

Vieles ist noch ungewohnt für die Konfirmanden. Ungewöhnlich in der Gemeinde der Hoffnungskirche in München-Freimann ist auch die Art des Konfirmandenunterrichts. Als Ellinger vor zehn Jahren als Pfarrer an der Hoffnungskirche anfing, übernahm er gleichzeitig das neue Konzept der Jugendarbeit, das sein Vorgänger entwickelt hatte: Konfirmation ohne den klassischen wöchentlichen Unterricht. Stattdessen: Freizeiten und Übernachtungen, organisiert und mitgestaltet von Jugendlichen aus der Gemeinde.

Am Anfang sei das natürlich eine zeitliche Investition gewesen, sagt Ellinger. Doch anschließend bedeute der Ansatz eine zeitliche Ersparnis. "Wir brauchen keinen einzigen Hauptamtlichen zusätzlich." Es bedeute aber auch, dass man als Gemeinde Heilige Kühe schlachten müsse. "Die Jugendlichen werden dann eben nicht mehr, wie es die Tradition vorsieht, am Palmsonntag oder zwischen Ostern und Pfingsten konfirmiert - sondern im September", sagt Ellinger.

An diesem Abend, bei der "Night in Church", sitzen zehn Jugendleiter und 21 Konfirmanden um den Kelch und das Brot versammelt. In der Runde befinden sich auch die beiden jüngsten Kirchenvorsteher der Gemeinde, Malte Jordan und Melanie Szep. Beide sind erst 21 Jahre alt.

"Lord, I lift your name on high"

Als Kirchenmusikerin Gudrun Linke den ersten Liedervorschlag macht, hallt ein begeistertes "Ja" durch den Raum. Das Lied aus dem Liederheft "Kommt, atmet auf!" kennen alle auswendig. Die Gruppe steht auf und macht dazu einstudierte Bewegungen, streckt die Arme in die Höhe, faltet die Hände, wippt mit den Knien.

Nach einigen Songs geht es zum eigentlichen Anlass der Übernachtung: dem Abendmahl. Die Jugendleiter haben dazu in den Ecken des Kirchenraums vier Stationen aufgebaut, an denen jeder Bestandteil des feierlichen Rituals erklärt wird.

"Stell dir vor, du müsstest Abschied nehmen von deinen Freunden und Freundinnen", sagt Ellinger. "Wie geht es dir da?" Dazu gibt es an jeder Station noch ein sinnliches Erlebnis extra: Am Altar dürfen die Jugendlichen einen "kleinen Schluck" Wein nehmen. An der zweiten Station gibt es Brot. Bei der dritten Station etwas Meerrettich - und in der vierten und letzten Ecke Gummibärchen.

Neben der "Night in Church", der Übernachtung in der Hoffnungskirche, sind die Freizeiten ein weiterer zentraler Bestandteil der Konfirmandenarbeit. Sechs Tage fahren die Jugendlichen im April nach Simbach, 13 Tage in den Sommerferien ins Allgäu. "Die Freizeit war bisher das Beste", schwärmen Gabi, Selina, Martina und Michèle. Ohne Eltern, nur die Gruppe.

Ein Traum für 14-Jährige

Fast alle von ihnen würden nach der Konfirmation auch gerne weiter in der Gemeinschaft aktiv sein, als Jugendleiter. "Die meisten Konfirmanden wollen das - nach der Konfirmation Jugendleiter werden", erzählt Ellinger. Diesen Wunsch könne er aber nicht allen erfüllen. Aus jedem Konfirmationsjahrgang könne er etwa drei bis vier neue Mitglieder hinzunehmen.

"Mehr Kapazität haben wir nicht", sagt Ellinger. Wer dabei sein darf, entscheiden die Jugendleiter in Abstimmung. Kriterien dabei sind, dass der Betreffende teamfähig ist, sich auf andere einstellen kann und in die Gruppe passt. "Und er muss auf Zack sein", sagt Ellinger.

Insgesamt 40 Jugendleiter sind derzeit aktiv. Und häufig wechseln diese dann von der Jugendarbeit in den Kirchenvorstand. "Unser Altersdurchschnitt bei den Kirchenvorstehern liegt bei 35 Jahren", berichtet Ellinger.

Genau das sei für ihn die Bestätigung, dass das Konzept aufgehe: "Konfirmanden, Jugendleiter, junge Kirchenvorsteher - das fließt alles ineinander über." Die Jugendleiter können das bestätigen: "Mich hat die Freizeit überzeugt, davor hatte ich nicht so viel mit Kirche zu tun", erzählt Stefan Spitzwieser. Vor sieben Jahren wurde er konfirmiert.

Und Jugendleiterin Sina Schreiber bestätigt: "Wir sind eine gute Gemeinschaft, wir fühlen uns hier aufgehoben." Aber beiden ist auch klar: "So etwas Besonderes werden wir wohl woanders nicht wieder finden."

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