8.04.2018
Märchen aus 1001 Land

Buchprojekt gibt zugewanderten Frauen eine Stimme

Es war einmal ..., so beginnen Märchen überall auf der Welt. Ein Buchprojekt hat 33 Geschichten zusammengetragen, aus Kasachstan, Armenien oder Tansania. Sagen und Legenden, nacherzählt von Frauen, die jetzt in Nürnberg leben.
Märchenbuch

"Mein Märchen heißt 'Das Baumwollmädchen und die Katze'", sagt Kristina Kipke, ihre Augen leuchten. Die 30-Jährige mit deutschen Wurzeln erinnert sich gerne zurück an ihre Kindheit in Kasachstan. Das Märchen von der Katze, die Milch möchte und am Ende beim Huhn landet, bringt die junge Frau auch jetzt wieder zum Strahlen: "Ohne Getreide für das Huhn kein Ei für den Verkäufer, keinen Kaugummi für die Kinder am Brunnen, kein Wasser für den Baum, kein Blatt für die Kuh, keine Milch für die Katze", erzählt sie.

"Ich habe das Märchen zum ersten Mal im Kindergarten gehört und danach immer und immer wieder erzählt. Diese Aneinanderreihung der einzelnen Stationen klingt in Kasachisch echt lustig." Vor einem Jahr hat sich Kipke das Märchen wieder lebhaft in Erinnerung gerufen. Jetzt liegt es schön illustriert vor ihr - auf Seite 128 im Buch: "Märchen aus 1001 Land". Davor steht eines aus Papua-Neuguinea, danach eines aus Tartastan.

"Ich habe erst mal nachschauen müssen, wo Tartastan ist", sagt Gerda Fickenscher und lacht. Die Frauenbeauftragte des Evangelisch-Lutherischen Dekanats Nürnberg zeigt auf eine kleine Landkarte im Märchenbuch. An der Wolga, zwischen Okzident und Orient, liegt die autonome russische Republik. Neben der Karte stehen ein paar persönliche Gedanken der Märchenerzählerin aus Tartastan.

Insgesamt 33 Frauen aus aller Welt stellt das Buch vor - und ihre Geschichten.

Fickenscher hat sie gemeinsam mit Britta Fartaj von der Asyl- und Flüchtlingsberatung der Stadtmission in Nürnberg zusammengestellt. Die Frauen stammen aus Syrien, Rumänien, Tansania, Italien, Vietnam, Russland oder Indien. "Wir haben angefangen mit Flüchtlingsfrauen und schnell gesagt: Wir wollen es erweitern auf Frauen, die wegen der Liebe nach Nürnberg gekommen sind, zum Studium, zur Berufsausbildung oder als EU-Bürgerin im Zuge der Freizügigkeit oder eben auch auf Aussiedlerinnen", zählt Fartaj auf.

Sie zeigt auf das Bild einer alten Dame aus Siebenbürgen. Ihr und allen anderen Frauen wollten die beiden Initiatorinnen eine Stimme geben und zeigen: Wir haben etwas gemeinsam.

"Das finde ich das Interessante", sagt Fartaj, "die kulturelle Vielfalt darzustellen und trotzdem zu sagen, überall auf der Welt erzählen Eltern und Großeltern ihren Kindern Märchen und ziehen Lehren daraus".

Überrascht von den vielen Gemeinsamkeiten der Geschichten war auch Haykanush Goroyan. "Viele Märchen im Buch gibt es auch bei uns in Armenien", sagt die zweifache Mutter, die seit 2015 in Nürnberg lebt. Ihre Parabel im Buch heißt: "Die wichtigste Sache der Welt".

Auf Armenisch klingt das wie "amina pitana, bana" und geht so: Ein alternder König ruft seine drei Söhne zu sich. Er will die Thronfolge regeln. Demjenigen, dem es gelingt, die wichtigste Sache der Welt zu ergründen, der bekommt das Königreich. "Der erste Sohn hat Brot gefunden als wichtigste Sache, der zweite Erde, weil es ohne Erde kein Brot in der Welt gibt. Der dritte und jüngste Sohn bringt seinem Vater das Licht - und besteigt als neuer König den Thron", erzählt die Armenierin.

Das Licht als Symbol für Erkenntnis

Die Suche nach der Wahrheit als Sinn des Lebens - und nicht etwa der materielle Besitz. Eine solche "Moral von der Geschicht?" kommt im Nürnberger Märchenbuch nicht nur einmal vor. "Man soll Gutes tun, man soll sich besinnen auf die wesentlichen Sachen. Bei der Katzengeschichte: Ich bekomme nur was, wenn ich was anderen abgebe", analysiert Fartaj. Solche Botschaften werden bei fast allen Märchen deutlich.

Als bemerkenswerten Unterschied benennt Frauenbeauftragte Gerda Fickenscher den starken Gemeinschaftssinn in den asiatischen Märchen. "Wenn man etwas gemeinsam macht, dann kann man es besser bewältigen. Diese Botschaft kommt in Grimms Märchen nicht so deutlich rüber."

Ihre Kollegin Fartaj erzählt vom bösen Löwen in Afrika, der die Stelle des bösen Wolfs in europäischen Märchen einnimmt. Und statt eines listigen Fuchses gibt es in Indien eine listige Schlange.

Was ihr wichtig ist: "Selbst wenn man seine Heimat wegen Krieg oder dem politischen System verlassen musste, jedes Land hat auch schöne Seiten, an die man sich gerne erinnert und die die Menschen auch vermissen."

Das kann Haykanush Goroyan bestätigen. Im Buch schreibt sie über die vielen sonnigen Tage in ihrer Heimat Armenien, über den besonderen Geschmack des Wassers, die vielen öffentlichen Trinkbrunnen, die sie schmerzlich vermisst.

"Das ist sehr wichtig für uns, weil es eine Möglichkeit ist, unser Land, unsere Kultur und unsere Sprache vorzustellen. Vielen, vielen Dank für diese Möglichkeit", sagt sie an die beiden Initiatorinnen gerichtet. Und Kristina Kipke fügt hinzu: "Das Buch ist eine Bereicherung für die Welt. Es ist schon unterwegs nach Kasachstan. Per Post, zusammen mit einer Tafel Schokolade."

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