30.04.2018
Musik & Trends

Sacred Harp Singing: Was ist das?

Sacred Harp Singing ist eine Gesangstradition aus den amerikanischen Südstaaten. Im ländlichen Alabama und Georgia überdauerte sie andere Trends wie Gospel und Folk und erlebt derzeit in Europa ein Revival. Ein Chor trifft sich regelmäßig in München.
Sacred Harp All Day Singing München
Wie die alten amerikanischen Siedler präsentieren sich die Singers beim Sacred Harp All Day Singing München 2014.

Die jüngste deutsche Sacred Harp Gruppe trifft sich seit 2014 einmal pro Monat im Spirituellen Zentrum St. Martin in München. Von Anfang an dabei war Naomi Kaye-Honova. "Ich bin keine echte Sängerin mit einer super Stimme", sagt die 30-jährige Kalifornierin, die mit Mann und Kind in der Landeshauptstadt lebt. Doch beim Sacred Harp Singing spielt das keine Rolle: "Es geht um den Spaß und Genuss, ohne Leistungsdruck."

Die erste deutsche Gruppe gründete sich 2011 in Bremen, weitere in Hamburg, Berlin, Frankfurt, Köln und München folgten. Beim Sacred Harp gibt es weder Chorleiter noch Proben noch Publikum, im Zentrum steht das Singen als Gruppenerlebnis. Der archaische Klang, der dabei entsteht, ist eine Mischung aus Seeräuber-Shanty und Choral, Gänsehautfaktor garantiert. Das hat sich auch Hollywood schon zunutze gemacht: Bei Blockbustern wie "Cold Mountain" oder "Gangs of New York" liefern Sacred Harp Singers den rauen Grundton zum Film. Mit heiligen Gesängen hat Sacred Harp trotz vieler religiöser Texte eigentlich nichts zu tun: Mit der "Heiligen Harfe" ist die Stimme gemeint – das Instrument, das jedem Menschen in die Wiege gelegt wird.

Naomi Kaye Honova
Naomi Kaye Honova ist von Anfang an bei den Munich Sacred Harp Singers dabei.

Sacred Harp Singing: Singen als Gruppenerlebnis

Wenn sich die durchschnittlich 12 Sängerinnen und Sänger der Münchner Gruppe – zu der auch Leute aus Nürnberg und Landshut anreisen – treffen, teilt sich jeder selbst einer Stimmlage zu. Sopran und Tenor sind dabei häufig mit Männern und Frauen gemischt besetzt. Liederbuch der Gruppe ist das Standardwerk "Sacred Harp", 1844 in den USA erstmals veröffentlicht und seither immer fortgeschrieben. Alle Sänger sitzen sich in einem Quadrat, dem "Square" gegenüber. Wer sich ein Lied aussucht, leitet es – in der Mitte stehend – selbst an.

Die Melodie ist mit rudimentären "Shape Notes" notiert, die das Lesen vom Blatt erleichtern sollen. Ganz so einfach ist das aber auch nicht: "Chorsängern reichen zwei Treffen, aber ich habe etwa ein Jahr gebraucht, bis ich mich gut mit den Noten und Melodien zurechtgefunden habe", erzählt Naomi. Von 14 bis 17 Uhr dauert ein Treffen, bei nur einer Pause ergibt das einen Nachmittag voller Vibration und Klang. Neben dem Singen selbst ist es die Offenheit der "Singers", die Naomi beeindruckt. "Wir haben bei einer Reise von New York nach Kalifornien oft bei Sacred Harp Leuten übernachtet und miteinander gesungen." Singen verbindet – weltweit.

Die erste deutsche Sacred Harp Convention fand 2014 in Bremen statt.

Sacred Harp in München

Singen für Jedermann

Sacred Harp in St. Martin: In der Regel findet immer am ersten Sonntag im Monat um 14 Uhr ein Singen im Spirituellen Zentrum (Arndtstr. 8 Rgb.) statt, das nächste Mal am 6. Mai. Gute Gelegenheit für eine etwas längere Einführung ist im Juni: Am Sonntag, 10. Juni, stellen die Münchner "Singers" um 14 Uhr Sacred Harp im Rahmen der Stadtteilwoche IsarLudwig vor. Ein ganztägiges All-Day-Singing mit einstündiger Einführung und Teilnehmern aus ganz Deutschland gibt es dann am Samstag, 6. Oktober, ab 10.30 Uhr.

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