14.08.2019
Hippies und Religion

"Woodstock"-Ausstellung in Nürnberger Egidienkirche

Was haben Hippies und eine evangelische Kirche gemeinsam? Sehr viel, glaubt jedenfalls Elliott Landy. Der 77-jährige US-Amerikaner war im Jahr 1969 mit der Kamera live dabei, als vom 15. bis 17. August das Open-Air-Musikfestival "Woodstock" stattgefunden hat. Pünktlich zum 50-Jährigen des Ereignisses hat der Fotograf nun eine Ausstellung konzipiert. In der Nürnberger Egidienkirche wird sie vom 16. August bis 30. September zu sehen sein.
Nürnberger Egidienkirche - Ausstellung zu "Woodstock"
So könnte die Nürnberger Egidienkirche aussehen, wenn die Ausstellungsmacher vom Concertbüro Franken das Gotteshaus in einen hippiesken Tempel verwandelt haben, der neue spirituelle Erfahrungen möglich machen soll.

Rund 500 000 Menschen erlebten in diesen drei Tagen im August 1969 das Woodstock-Festival auf den Feldern eines Bauernhofs in Bethel im US-Bundesstaat New York, das als Höhe- und gleichzeitig Endpunkt der Hippie-Bewegung in den USA gilt. Menschen kamen aus der ganzen Welt angereist, um 32 Bands und Solokünstler zu sehen, die ein breites musikalisches Spektrum von Folk, Rock bis hin zu Country abdeckten. Eine Programvielfalt, die bis heute beispielhaft für moderne Musikfestivals wie beispielsweise Rock im Park ist – auch wenn bei diesen Festivals mittlerweile Hip-Hop und Electro-Beats dominieren, die es 1969 in dieser Form noch nicht gab.

Eigentlich war Woodstock als kommerzielles Festival mit etwa 50 000 Besuchern geplant worden. Zehn Mal so viele Menschen aber kamen. Genaue Besucherzahlen sind nicht bekannt, da die Absperrungen dem Ansturm junger Musikbegeisterter nicht standhielten und etliche Besucher ohne Ticket das Festival besuchten. Auf den Zufahrtstraßen herrschte Verkehrschaos, während des Festivals regnete es immer wieder und das gesamte Gelände entwickelte sich zu einer Schlammgrube. Die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln und Medizin war problematisch, und es gab nicht genügend sanitäre Anlagen.

Synonym für ein friedfertiges Miteinander

Eigentlich ein Szenario, das heute zu Chaos führen würde. Dennoch entwickelte sich Woodstock zu einem friedlichen drei Tage dauernden Festival. Seitdem steht das Festival als Synonym für ein friedfertiges Miteinander und den gewaltlosen, lebensbejahenden Protest.

"Es ging dabei um die Musik, aber ebenso um soziale Verantwortung, künstlerischen Ausdruck und Jugendlichkeit. Im Kern ging es aber um die Freiheit, du selbst zu sein, und das an einem Ort voller Kreativität und Toleranz", schreibt Woodstock-Organisator Michael Lang in Landys aktuellem Buch "Woodstock-Vision", das zur Ausstellung nun im Zweitausendeins-Verlag erschienen ist.

In Woodstock traten viele Künstler auf, die Mitte 1969 zur Speerspitze der Jugendkultur gehörten. Legendär der Auftritt von Jimi Hendrix, der bei seiner elektrifizierten Version der US-amerikanischen Nationalhymne seiner Gitarre Klänge entlockte, die wie Bomberangriffe und Luftschutzsirenen hallten und von den Besuchern als Anklage gegen den Vietnamkrieg gedeutet wurden. Joan Baez, beliebte Folk-Sängerin und Muse von Bob Dylan, sang im sechsten Monat schwanger auf gleich zwei Bühnen ihre Songs. The Who waren bei ihrem Auftritt bereits Megastars. Sänger Roger Daltrey gab im Lederfransenhemd und mit wallender Lockenmähne den hedonistischen Rock-Frontman, Pete Townsend zertrümmerte seine Gitarre.

Besucher in Woodstock
Die Besucher in Woodstock hatten mit mehreren Regengüssen, fehlender Verpflegung und mangelnden sanitären Anlagen zu kämpfen. Der Stimmung tat das aber keinen Abbruch.

Vom britischen "Who"-Chef, der mit den Hippies wenig anfangen konnte, sind übrigens einige der wenigen Misstöne zum Festival überliefert. "Blickt man auf die Flower-Power-Zeit zurück, merkt man, wie bescheuert das war. Ich konnte weder Timothy Leary noch Abbie Hoffman leiden, und ich konnte Woodstock nicht leiden", wird Townsend in Landys Buch zitiert. Damit spielt er auf den damals als Heilsbringer verklärten LSD-Papst Leary ebenso an wie auf den Polit-Aktivisten Hoffman, der den Auftritt der "Who" nutzte, um die Bühne zu erklimmen und für die Freilassung des Dichters John Sinclair zu protestieren, der wegen Drogenbesitzes in Haft saß.

Welt-Karrieren wurden in Woodstock gestartet: Der bislang unbekannte Joe Cocker schrie seine emotionale Version des eigentlich braven Beatles-Songs "With a little help from my friends" in die Menge. Carlos Santana und Band hatten ihren ersten größeren Auftritt und hinterließen mit einer pulsierenden Mischung aus afrikanischen Rhythmen, schwitziger Hammondorgel und singenden Gitarrensoli ein begeistertes Publikum. Richie Havens improvisierte spontan über ein Gitarrenriff und sang dazu "Freedom", was den Nerv der Zeit mit voller Wucht traf.

Ein Moment tiefer Spiritualität

Der damals 28 Jahre alte Elliott Landy war als offizieller Konzertfotograf vor Ort und knipste Bilder von Bands, Einzelinterpreten und Publikum, die später die Cover der Soundtracks zum Festival-Film zierten und die heute noch in verschiedenen Publikationen zu finden sind. "Woodstock war ein besonderes Ereignis der menschlichen Kulturgeschichte und ein Moment tiefer Spiritualität. Diese spüre ich, wenn Menschen miteinander friedlich sind und glücklich zusammen an dem Ort, an dem sie gerade sind. Für mich bedeutet das Ziel von Spiritualität und Religion gleichermaßen, diesen Zustand der Harmonie zu erreichen – das war in Woodstock der Fall", sagt Landy im Gespräch mit dem Sonntagsblatt.

Die sogenannte Hippie-Generation, die dort zusammenkam, habe gemäß dieser Werte zusammengelebt. Alle hätten Antworten auf die Frage gesucht, worum es im Leben überhaupt geht und wie das Leben besser wird. Die Hippies beschrieben diesen Prozess als den Übergang vom Zeitalter im Tierkreiszeichen des Fisches hin zum Wassermannzeitalter, das für Fortschritt und eine Umwälzung der Geistesbewusstheit steht.

Janis Joplin live in Woodstock
Janis Joplin live bei ihrem Auftritt in Woodstock. Rund ein Jahr später war die begnadete US-amerikanische Rock-Sängerin tot.

Wieso passt eine Ausstellung über dieses Festival dann aber gut in eine Kirche? Dazu Elliott Landy: "Ich sehe Woodstock im Nachhinein als ein Ereignis an, bei dem sich große kosmische Weisheit offenbart hat. Dieselben Erfahrungen macht man aber auch in Kirchen, wo sich diese Weisheit in der menschlichen Kultur manifestiert. In diesem Fall eben in einer christlichen Kirche, das könnte aber genauso in einer jüdischen oder muslimischen geschehen."

Alle diese Orten hätten gemein, das hier Menschen spirituelle Erfahrungen machen, die ihnen helfen können, ihr Leben zu meistern. Und das funktioniere nicht zuletzt durch gewisse Regeln des Zusammenlebens, wie sie auch in der christlichen Religion gelehrt werden. "Im gesamten Zeitalter im Zeichen des Fisches, das vor etwa 2000 Jahren begonnen hat, haben weltliche wie religiöse Figuren den Menschen ein Vorbild abgeben wollen, wie man sein Leben lebt. Wir haben von der Bibel, der Thora oder dem Koran gelernt, aber auch beispielsweise vom Hinduismus. Im Wassermannzeitalter schließlich, dessen Startpunkt die Hippies vorausgesehen haben, wurde diese Trennung überwunden: Wir sind alle eins und können verschiedene Dinge und Konstellationen ausprobieren. Warum also nicht auch eine Bilderausstellung in einer christlichen Kirche?", meint Landy.

Was Woodstock mit Jesu Geburt zu tun hat

160 Fotografien und Video-Animationen von Woodstock, aber auch von Künstlern wie Bob Dylan, The Band, Janis Joplin, Van Morrison und Jim Morrison werden jetzt in der Wanderausstellung gezeigt. "Woodstock kam ja nicht aus dem Nichts, sondern war bereits das Resultat eines gesellschaftlichen Aufbruchs", meint Landy.

Dazu werden großflächige Fotografien von Künstlern wie Jimi Hendrix oder Joe Cocker die Fensterrahmen und den Kirchenraum füllen, sagt Pfarrer Thomas Zeitler. In der Kulturkirche will er ein "hippieskes Ambiente" schaffen. Tanz- und Vortragsveranstaltungen befassen sich mit der Spiritualität der Hippies und theologischen Ansätzen der Jugendbewegung der 1960er-Jahre.

Oft würden die religiösen Aufbrüche der 1960er-Jahre mit einer Abwendung vom Christentum gleichgesetzt, da diese Generation sich fernöstlichen Meditationstechniken und -weisheiten ebenso wie New Age hingegeben habe und die Hippie-Kommune als Ersatzgemeinde angesehen habe. Allerdings habe diese Zeit ihre Spuren bis in die heutigen Gemeinden hinterlassen. "Frauenordination, Schwulensegnung, Sacro-Pop, spirituelle Zentren – das alles wäre ohne die Impulse der Hippie-Generation nicht denkbar", meint Zeitler. Man denke auch an die heute gängigen Kommentargottesdienste – die Nürnberger Veranstaltungen haben ihren Ursprung übrigens ebenfalls im Jahr 1969.

Pfarrer Thomas Zeitler vor der Egidienkirche
Pfarrer Thomas Zeitler mit offener Mähne vor der Egidienkirche.

Die Egidienkirche in Nürnberg sei als ein Experimentierort genau der richtige Ort für diese Ausstellung. Hier könne man dem Wunsch nach individueller und verantworteter Spiritualität nachkommen, sich begegnen und auseinandersetzen. Nicht zuletzt "Bethel", der Name des Ortes, an dem Woodstock stattfand, bedeute übersetzt "Haus Gottes". Hier schließe sich also der Kreis.

Auch wenn Jerry Garcia 1995 gestorben ist, ist vom Bandleader der Rockgruppe Grateful Dead, die ebenfalls auf Woodstock zu Gast war, eine nahezu religiös verbrämte Rückschau zum Festival erhalten, die auch in Landys Buch zur Ausstellung abgedruckt ist. Darin heißt es: "Wie uns Jesus vor 2000 Jahren ein Beispiel gab, kann uns auch Woodstock etwas lehren. Maria und Josef mussten damals von Tür zu Tür gehen, auch Woodstock stieß zunächst auf wenig Gegenliebe – doch beide fanden ihren Bestimmungsort, in Bethlehem und in Bethel, die Ähnlichkeit der Namen scheint wie eine kosmische Offenbarung."

Transzendentaler Augenblick

Nicht zu vergessen ist bei all der Euphorie rund um das Festival, dass es nicht zuletzt dem im Jahr 1970 erschienenen, über drei Stunden dauernden Kinofilm zu verdanken ist, dass Woodstock auch heute noch in aller Munde ist. Dazu gehören auch die beiden Soundtracks, die in der Folge erschienen sind. Viele Fans der Hippie-Sause sind dies erst durch die mediale Weiterverarbeitung geworden.

Ein Glücksritter Hollywoods, der noch vor seinen großen Erfolgen als Regisseur als einer der Filmemacher und späterer Cutter des Woodstock-Films live mit dabei war, ist Martin Scorsese. In seinem Buch "Woodstock – Chronik eines legendären Festivals" schreibt er: "Ich glaube, ohne unseren Film wäre das Konzert in Woodstock nicht mehr als eine Fußnote der soziokulturellen Geschichte der Sechzigerjahre geworden." Trotz dieser Nüchternheit bekennt Scorsese aber auch, in einer Art spirituellen Überhöhung des Festivals, ähnlich der, wie es beispielsweise Landy und Garcia formuliert haben, dass Konzert und Film zu einem "transzendentalen Augenblick" in seinem Leben geworden sei.

Woodstock-Fotograf und -Biograf Elliott Landy
Woodstock-Fotograf und -Biograf Elliott Landy heute.

Zu ihrem Auftritt nach Woodstock wegen des Verkehrschaos nicht rechtzeitig geschafft hatte es Folk-Bardin Joni Mitchell, die ihre Konzert-Absage und die damit verbundenen gemischten Gefühle anschließend in den Song "Woodstock" verpackt hat, der später auch von Crosby, Stills, Nash & Young gecovert wurde und klingt, als sei sie dabei gewesen. Ihre Inspiration zu dem Stück beschreibt sie als göttliche Eingebung. "Damals hatte ich gerade meine Phase als wiedergeborene Christin. Plötzlich blickten so viele Menschen auf der Suche nach einer Leitfigur auf uns Künstler, und ich nahm das aus unerfindlichen Gründen ernst und entschied, ich bräuchte einen Ratgeber, und so wandte ich mich an Gott. Woodstock war ein modernes Wunder, eine neue Version der Geschichte von der Speisung der Fünftausend. Aus diesem Gefühl heraus schrieb ich den Song", wird sie im selben Buch zitiert.

Und Elliott Landy? War Woodstock das große "Ding" seines Lebens? "Nein, es gab noch viele wichtigere Dinge: zum Beispiel meine Frau oder meine Kinder, viele gute Bekanntschaften zu anderen Menschen und natürlich die immer wieder neuen Erfahrungen mit der Fotografie", sagt der 77-Jährige. Bis heute vermischten sich die alten Zeiten, der Job, die Familie. "Ich arbeite mit meiner Frau an meinen Büchern, helfe ihr als Fotograf. Bei all dem ist Woodstock natürlich über all die Jahre immer sehr wichtig für mich gewesen."

DIE AUSSTELLUNG mit Landys Bildern wird nur in Europa gezeigt: In den Niederlanden steht Emmen auf dem Programm, in Italien Rom und Bari. Deutsche Ausstellungsorte sind Papenburg, Karlsruhe und Nürnberg. In Planung sind außerdem noch Amsterdam, Berlin und Luxemburg. Mehr im Internet unter: www.woodstock-exhibition.com

Woodstock in St. Egidien: Fakten und Rahmenprogramm

ALS KOMMUNIKATIVER ORT soll 50 Jahre nach dem Woodstock-Festival die Nürnberger Egidienkirche dienen, die dieses Ereignis noch einmal einfängt und wiedergibt. 160 Fotos und Video-Animationen, bisher nicht gesendetes Filmmaterial von Radio Bremen, eine Lichtinstallation in der Kuppel sowie persönliche Andenken des Woodstock-Organisators Michael Lang werden gezeigt. Komplettiert wird die Schau mit übergroßen Porträts der wichtigsten Künstler der 1969er-Generation.

EGIDIUS MEETS WOODSTOCK lautet das Motto am Sonntag, 1. September ab 10 Uhr. Zum traditionellen Egidiusfest lädt die Kirchengemeinde zu zahlreichen Mitmachangeboten wie Yoga am Morgen, einer Protest-Song-Bühne, Lesungen von Texten über engagierte Literatur der 68er-Generation bis zu einem Textillabor ein. Eigene Texte können bis 25. August an das Veranstaltungsteam unter rebekka.steinmann@elkb.de eingereicht werden.

DER EGIDIER KULTURGOTTESDIENST befasst sich am Samstag, 7. September, um 18 Uhr mit dem Thema "Von Wassermännern und Neuen Zeiten". Pfarrer Thomas Zeitler predigt auch über die Verbindung Hippies – Religion.

EIN KLASSISCHES SITAR-KONZERT mit Sitarspieler Lutz Strathmeyer findet am Freitag, 13. September um 20 Uhr statt. Zu Gehör kommen dann indische Raga-Musik und instrumentale Balladen.

BEIM "WOODSTOCK-WAVE" kann man am Sonntag, 29. September ab 17 Uhr das Tanzbein schwingen. Unter Anleitung von Sophia R. Käss kann man sich in Selbstentfaltung im Durchtanzen von Flowing, Staccato, Chaos, Lyric und Stillness üben. Anmeldung erbeten unter: kultur.egidienkirche.nuernberg@elkb.de

DIE ÖFFNUNGSZEITEN: Dienstag bis Freitag von 11 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Montag geschlossen. Karten gibt es unter www.concertbuero-franken.de sowie an den bekannten Vorverkaufsstellen. Die Ausstellung ist von Freitag, 16. August bis Montag, 30. September geöffnet.

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