12.09.2018
Kirchenmusik

Orgelbau und Orgelmusik gehören zum "Immateriellen Kulturerbe" der UNESCO

Orgelbau und Orgelmusik stehen auf der UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes. Warum das wichtig ist, erklärt Landeskirchenmusikdirektor Ulrich Knörr im Interview.
Landeskirchenmusikdirektor Ulrich Knörr an der Orgel im Lahm

Orgelbau und Orgelmusik gehören zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Am 14. September 2018 wird bei einem Festakt in Berlin Verbänden und Organisationen die offizielle UNESCO-Urkunde zur Verleihung dieses Titels überreicht. Warum ist dieser Titel wichtig?

Knörr: Orgeln und  Orgelmusik binden sich seit Jahrhunderten an den Kirchenraum und an die Feier unserer Gottesdienste. Mit der Anerkennung als Immaterielles Kulturerbe durch die UNESCO wird die besondere Bedeutung der Orgel für Gottesdienst, Kirchenkonzert und – durch ihre individuelle äußere Gestaltung bedingt – für die Architektur des Kirchenraums noch einmal besonders herausgestellt. Diese "weltliche" Anerkennung zeigt aber auch, dass die Orgel  im allgemeinen Musikleben ihren Platz hat oder haben sollte (Stichwort: Konzertsaalorgel) und dass die für sie von bedeutenden Komponisten geschaffenen musikalischen Werke hier wie dort eine intensive Pflege erfahren sollen.

Was kann eine Orgel, was andere Musikinstrumente nicht können?

Knörr: Ihr Klangspektrum kann durch die verschiedenen Register, die einzeln und in allen möglichen Kombinationen erklingen können, dem Anlass entsprechend immer wieder verändert werden. Die einzelnen Register können Instrumente imitieren und ergeben einzeln und im Zusammenklang ein ganzes Orchester vom leisesten Pianissimo bis zum gewaltigen Fortissimo. Dabei reicht der Tonumfang von den tiefsten Tiefen eines 32´-Registers (Pfeifenlänge etwa 10 Meter) bis zu den klanglich kaum noch wahrnehmbaren Höhen eines 1´- Registers (Pfeifenlänge noch wenige Millimeter) je nach Größe der Orgel und des Raums, für den sie gebaut wurde.

Wie fördert die bayerische evangelische Landeskirche den Orgelbau und die Orgelmusik?

Knörr: In unserer Landeskirche sind amtliche Orgelsachverständige tätig als Berater der Gemeinden bei allen anstehenden Orgelfragen (Neubauten, Umbauten, Restaurierungen, Reinigungen etc.). Unsere hauptberuflichen Kantorinnen und Kantoren sind als professionell ausgebildete Organistinnen und Organisten Interpreten der Orgelmusik in ihrer ganzen Fülle, sie veranstalten als Multiplikatoren Konzertreihen mit Orgelmusik, pflegen durch ihr liturgisches Orgelspiel Literatur und Improvisation im Gottesdienst und bilden nebenberufliche Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker am Instrument Orgel aus in Literaturspiel und liturgischem Orgelspiel, Orgelbaukunde und Orgelpflege. Finanziell können anstehende Orgelprojekte von der Landeskirche nicht bezuschusst werden.

Verraten Sie uns noch Ihre Lieblingsorgel und Ihr Lieblings-Orgelwerk?

Knörr: Sehr schwierige Frage! Aber doch eine Lieblingsorgel ist die historische, zur Zeit Johann Sebastian Bachs vom mitteldeutschen Orgelbauer Herbst geschaffene Orgel der Schlosskirche in Lahm im Itzgrund (Dekanatsbezirk Michelau). Das Lieblingsorgelstück ist die von Johann Sebastian Bach als Abschluss seines "Dritten Teils der Klavierübung" konzipierte Fuge Es-Dur. Wenn ich diese Fuge mit ihren drei Themen höre oder selber spiele, dann verstehe ich durch diese Musik mehr von der Unergründlichkeit unseres Glaubens an den dreieinigen Gott.

 

Zum Festakt zur Anerkennung des Orgelbaus und der Orgelmusik in Berlin:

Am 14. September 2018 überreicht die Beauftragte für Internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt, Irmgard Fellner, die offizielle UNESCO-Urkunde an den Bund Deutscher Orgelbaumeister, die Gesellschaft der Orgelfreunde, die Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands und dem Bundesinnungsverband für das Musikinstrumenten-Handwerk.

Nach der Falknerei und der Genossenschaftsidee sind Orgelmusik und Orgelbau das dritte deutsche Kulturgut auf der internationalen Liste der Weltkulturorganisation UNESCO. In Deutschland gibt es etwa 400 handwerkliche Orgelbaubetriebe mit rund 1.800 Mitarbeitern. Ihre Orgeln bespielen etwa 3.500 hauptamtliche und 10.000 ehrenamtliche Organisten. Orgelbau und Orgelmusik gehören seit drei Jahren schon zur deutschen Liste, die derzeit 68 Kulturformen wie das Hebammenwesen und das Brotbacken umfasst. 

Antrag kam von der Evangelischen Landeskirche in Baden

Den Antrag hatte der Orgelsachverständige der Evangelischen Landeskirche in Baden und der Erzdiözese Freiburg, Michael Kaufmann, formuliert. Im Südwesten Deutschlands gibt es laut Angaben der Kirche mit 7.000 bis 8.000 Instrumenten die größte Orgeldichte. Etwa 60 der rund 400 deutschen Orgelbaubetriebe haben ihren Standort in Baden-Württemberg. Die Oscar-Walcker-Schule in Ludwigsburg ist die zentrale Ausbildungsstätte für den Orgelbau.
 
Orgeln sind laut Kaufmann ein "Gesamtkunstwerk aus Architektur, Technik und Klang". Jedes Instrument werde individuell für einen Raum konzipiert und an diesen angepasst – und sei damit meistens der teuerste Ausstattungsgegenstand. Orgeln seien musikalischer Glanzpunkt von orchestraler Strahlkraft und gleichzeitig hochkomplexe Maschinen. "Um sich zu koordinieren, müssen Kopf und Körper des Organisten im Einklang sein", sagt Kaufmann.
Herbstorgel in Lahm

Zur Orgel in der Lahmer Schlosskirche (Dekanat Michelau)

Die Orgel aus dem Jahre 1732 der Lahmer Schloßkirche in Itzgrund ist das einzige fast original erhaltene Werk der mitteldeutschen Orgelbauerfamilie Herbst. Sie zählt zu den kostbarsten Orgelwerken in ganz Europa. Weitere Informationen zur Herbstorgel in Lahm finden sich auf dieser Webseite.

Diese Orgel markiert den Höhepunkt des künstlerischen Schaffens von Heinrich Gottlieb Herbst. In ihr finden sich eine Reihe von Registern, denen J.S.Bachs Vorliebe galt: Quinta Thöne 16´und 8´, Viola di Gamba 8´oder Posaunen-Bass 32´,16´, u.a. Nicht ganz zu Unrecht kann man deshalb auch von einer "Bach-Orgel” sprechen, auch weil sein Großneffe, Johann Lorenz Bach, lange Jahre hier als Musiker wirkte. Bis heute bietet diese Orgel ein beeindruckendes Klangerlebnis:


Klangbeispiel: J.S.Bach Toccata und Fuge in d-moll gespielt von Prof. Hartmut Leuschner-Rostoski.

 

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