29.11.2018
Kunst und Religion

Schweinfurter Museum zeigt Egon Schieles Ausstellung "Freiheit des Ichs"

Der Expressionist Egon Schiele war ein Bürgerschreck. Der vor 100 Jahren verstorbene österreichische Maler provozierte mit verstörenden, extrem verrenkten, teilweise pornografisch anmutenden Darstellungen des menschlichen Körpers. Aber auch Spuren der christlichen Ikonografie finden sich in Schieles Werk.
Egon Schiele, Selbstbildnis mit gesenktem Kopf (1912)

Kaiser Franz Joseph kommentierte 1910 einen Frauenakt Egon Schieles: "Das ist ja ganz entsetzlich." Wenn Schiele die Gelegenheit gehabt hätte, hätte er dem Kaiser möglicherweise geantwortet: "Auch das erotischeste Kunstwerk hat Heiligkeit!" – so schrieb der Künstler in einem Brief 1911.

Dass Schiele ein religiöser Mensch – wenn auch nicht im kirchlichen Sinn – war, zeigt die Ausstellung "Freiheit des Ich" im Schweinfurter Museum Georg Schäfer. Die rund 40 Grafiken und Ölgemälde gehören zu den Beständen des Leopold-Museums in Wien, der weltweit größten Schiele-Sammlung. Das Schweinfurter Museum knüpft mit der Ausstellung an die 2016 gezeigte Schau "Lockruf der Décadence" an.

Die Wiener Moderne, zu deren prominentesten Vertretern Schiele gehört, war geprägt von der Spannung zwischen "Schönheit und Abgrund", dem Motto des Wiener Themenjahrs 2018. Schieles Werke tendieren eher zum Abgrund, denn sie erkunden mit ihrer teils extremen Mimik und rätselhaften Gestik experimentell die Tiefen bzw. Untiefen des um 1900 in die Krise geratenen Ich.

Rätselhafte Geste

Die drei Abteilungen der Schweinfurter Ausstellung – Selbst- und Körperdarstellung, Gefühlswelt und Subjektivität – präsentieren berühmte Werke wie Schieles "Selbstbildnis mit gesenktem Kopf" aus dem Jahr 1912. Mit dem Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand bildet der Künstler ein V. Eine Anspielung auf den in der byzantinischen Kunst häufigen Segensgestus Christi? Der Kunsthistoriker Stefan Kutzenberger weist im Ausstellungskatalog darauf hin, dass sich der Maler mit der V-Geste auf den Christus Pantokrator in der Istanbuler Chora-Kirche bezogen haben könnte. "Demzufolge wäre Schieles Geste ein Zeichen für die Ausstrahlung künstlerischer Kraft, und tatsächlich aktualisiert sich das romantische Rollenbild vom Künstler als Priester in den Jahren um 1900 sehr eindrücklich", schreibt der Kunsthistoriker, der auch eine "banalere" Erklärung anführt: Mit seinem Freund Dominik Osen, Maler und Pantomime, erprobte Schiele, welche expressionistischen Posen den größten Effekt erzielten – die eine Erklärung schließt die andere allerdings nicht aus.

Der Katholik Schiele – der 1915 nach protestantischem Ritus heiratete – griff für seine Selbstporträts bevorzugt auf religiöse Inszenierungsmuster zurück. Kutzenberger betont, dass Schieles "Rollen" – Heiliger, Prophet, Prediger, Rufer, Anarchist, Eremit – nichts über Schiele selbst oder seinen tatsächlichen Lebenslauf aussagen: "Das dargestellte Selbst Schieles, oder zumindest sein Selbstbild, bleibt allein das Ergebnis von sozialen Zuschreibungen von außen, von willig gespielten Rollenbildern, womit er sich in bester Gesellschaft mit viel später aufkommenden postmodernen Diskursen wiederfindet."
Schieles Doppelselbstporträts sind von seiner intensiven Auseinandersetzung mit dem um 1900 modernen Okkultismus und Spiritismus geprägt: "Ich habe tatsächlich heute einen schönen spiritistischen Fall erlebt, ich war wach doch gebannt von dem Geist, der sich vor meinem wach werden im Traum angemeldet hat; solange er mit mir gesprochen hat, war ich starr und sprachlos", schreibt Schiele in einem Brief an seine Schwester.

Egon Schiele, Tote Mutter (1910)

Spuren der christlichen Ikonografie finden sich in Schieles Werk häufig: Das Ölgemälde "Mutter mit zwei Kindern II" aus dem Jahr 1915 greift den mittelalterlichen Typus der Pieta auf. Ein "Weihnachtsbild" der etwas anderen Art – "Tote Mutter I" (1910) – zeigt eine tote Mutter, die noch im Tod ihre Hand schützend über ihr Kind gelegt hat. Schiele selbst hielt das Ölgemälde für eins seiner besten Bilder.

INFO

Die Ausstellung im Schweinfurter Museum Georg Schäfer geht noch bis zum 6. Januar 2019. Dienstags bis sonnerstags ist das Haus von 10 bis 17 Uhr geöffnet, donnerstags sogar bis 21 Uhr.

Führungen werden donnerstags um 19 Uhr sowie samstags und sonntags um 14 Uhr angeboten. Besonderes Highlight: Am 23. Dezember um 14 Uhr findet eine Kuratorenführung mit Wolf Eiermann.

Mehr unter: www.museumgeorgschaefer.de

Literaturtipps

Wolf Eiermann (Hg.), Lockruf der Décadence. Deutsche Malerei und Bohème 1840-1920, München 2016; Wolf Eiermann (Hg.), Egon Schiele. Freiheit des Ich. München 2018.

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