6.11.2018
80 Jahre Reichspogromnacht

Wandel-Doku-Theater an vier ehemals jüdischen Orten in Franken

Jüdische Mitbürger, Nachbarn, stramme Nazis und ein guter Pfarrer: Das ist die Besetzung eines ungewöhnlichen Theaterprojekts an vier Orten eines ehemaligen Rabbinats in Franken zum Tag des Gedenkens an das Pogrom gegen die Juden vor 80 Jahren.
Zum Gedenken an die Reichsprogromnacht vor 80 Jahren hat die Theaterwissenschaftlerin und Historikerin Martina Switalski ein ungewöhnliches Stück verfasst. Am kommenden Freitag (9. November) wird es als Wandeltheater und Protesttheater gegen Ausgrenzung, Rassismus und Gewalt, innerhalb von vier Stunden in Forth, Schnaittach, Hüttenbach und Ottensoos (Landkreis Nürnberger Land) aufgeführt. Im Bild: Der „Chor“ der sieben Todsünden.

Auf der Bühne im Gemeindehaus packt SA-Mann Fritz Pauline Schnaittacher an den grauen Haaren und ringt sie nieder. Währenddessen tritt SA-Mann Hans mit seinen Stiefeln der Schwester Rosa Schnaittacher in den Bauch. Um sie in die Erlanger Polizeiwache zu bringen, hat man die Frauen mit Mistgabeln auf ein Pferdefuhrwerk getrieben, und dort in Erlangen hat man voller Bosheit den jüdischen Frauen Schweinefleisch angeboten. "Knöchle und Kraut - uns!", ruft Jaqueline Majbour in ihrer Rolle als Rosa entsetzt.

Der gewaltsame Angriff auf die beiden alten Damen in Forth, einem Ortsteil der fränkischen Marktgemeinde Eckental (Landkreis Erlangen-Höchstadt), ist im November 1938 so wirklich passiert. Sie mussten tatsächlich ihr Haus zu einem Zehntel des Marktwertes verkaufen. In Theresienstadt sind die Frauen später ermordet worden. Eine Zeitzeugin, die als achtjähriges Mädchen damals die Misshandlungen der alten jüdischen Schwestern miterlebte, lebt heute noch.

Martina Switalski, Theaterwissenschaftlerin und Historikerin, hat das Schicksal der Frauen verwoben in ein ungewöhnliches Stück, das sie zum Gedenken an die Reichspogromnacht vor genau 80 Jahren verfasst hat. Am kommenden Freitag (9. November) wird es als Wandeltheater und Protesttheater gegen Ausgrenzung, Rassismus und Gewalt, innerhalb von vier Stunden in Forth, Schnaittach, Hüttenbach und Ottensoos (Landkreis Nürnberger Land) aufgeführt. Die jüdischen Gemeinden in diesen vier Orten bildeten einst ein gemeinsames Rabbinat. Und aus jeder der Gemeinden hat Switalski ein Schicksal für die vielen Ermordeten herausgegriffen. An jeder Station werden die Namen aller Ermordeter der Massenvernichtung des Dritten Reichs aus dem jeweiligen Ort verlesen.

Wahre Geschichte als Wandeltheater

Von Forth geht es weiter nach Schnaittach, wo die Folgen der Nürnberger Gesetze auf die jüdische Bevölkerung am Beispiel der jüdischen Geschäftsfrau Emma Ullmann dargestellt werden. In Hüttenbach stehen die Reaktionen der arischen Mitbürger im Zentrum des Geschehens. In Ottensoos schließlich dreht sich die Handlung in der St. Veitskirche um den Pfarrer Wilhelm Dietzfelbinger, der von der NS-Zeitung "Stürmer" als "Judenknecht" bezeichnet wurde. Der Besuch der Hochzeitsfeier seiner jüdischen Nachbarin brachte ihn in Verruf. Anton Dietzfelbinger, ein Urenkel dieses Pfarrers, wirkt in dem Stück mit.

Er ist nicht der einzige Nachfahre, der dabei ist. Switalski hat auch Carol McKnight zu ihrem Doku-Wandel-Protest-Theater eingeladen, Ururenkelin von Bertha Schnaittacher, der früheren Besitzerin des Schnaittacher Hauses in Forth. "Dieses Haus ist mit einem politischen Auftrag verbunden, es darf niemals zerstört werden", sagt die Historikerin Switalski.

Nach 80 Jahren in die Zukunft wirken

Ihr und den Mitwirkenden ist wichtig, dass die nachkommenden Generationen von den Geschehnisse vor acht Jahrzehnten erzählt bekommen und die Erinnerungen hochhalten. "Sie sollen erfahren, was Schlimmes passieren kann - in der Nachbarschaft", sagt Schauspielerin Martina Salzmann von der Theatergruppe Forthissimo, die unter anderem in die Rolle der Pauline Schnaittacher schlüpft.

Viele seien begeistert vom Theaterprojekt an den vier Orten. Aber sie habe auch Stimmen gehört, die sagten, es müsse doch auch mal Ruhe sein mit immer dem gleichen Thema, sagt Schauspielerin Jaqueline Manjour. "Aber Ruhe wird von selbst, wenn keiner mehr da ist, der sich an diese Zeit erinnern kann". Einige Leute werden wohl schockiert sein, wenn die SA-Männer gewalttätig auftreten, nimmt Axel Gosoge an, der einen der Braunhemden spielt. "Aber gerade in einer Zeit, in der rechtes Gedankengut wieder hoffähig wird, muss man zeigen, was dahintersteckt".

Theater-Tipp

Theater-Wandel-Doku an vier ehemals jüdischen Orten in Franken

Termin der Aufführung:

9. November 2018 von 16 bis 20 Uhr,

Idee und Regie: Martina Switalski, Ausführende: Forthissimo, Theater Edelweiß Schnaittach, Chorgemeinschaft GVe Eintracht Hüttenbach/Liederkranz Simmelsdorf, Freundeskreis ehemalige Synagoge Ottensoos e.V. Musik: Sheynhoven.

Ein Bustransfer ist organisiert (Zustieg Ottensoos 15 Uhr, Hüttenbach 15.15 Uhr, Schnaittach 15.30 Uhr und Ankunft Forth 15.45)

Aufführung: 16 Uhr Forth evangelisches Gemeindehaus, 17 Uhr Schnaittach Kolbmannshof, Nürnberger Str.34, 18 Uhr Hüttenbach Platz der ehemalige Synagoge, Haunachstr. 47

19 Uhr Ottensoos St. Veitskirche, dann ehem. Synagoge, Dorfplatz 5 zur Abschlussverpflegung, Musik und Gespräch. Busreservierung: artistakultur@gmx.de

Mehr Infos unter www.synagoge-ottensoos.de

 

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