10.10.2018
Kunst und Kirche

Warum Altkanzler Gerhard Schröder ein Geschenk an die evangelische Kirche nicht los wird

Die Planungen für das von Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) angeregte "Reformationsfenster" für die Marktkirche in Hannover haben einen Rückschlag erlitten. Der Erbe des Architekten Dieter Oesterlen (1911-1994) hat seinen Widerspruch gegen das Buntglasfenster bekräftigt, das Schröder der evangelischen Kirche schenken will.
Markus Lüpertz: Entwurf »Reformationsfenster« für die Marktkirche Hannover (links Detail »Weiße Gestalt und Fliege«, rechts das gesamte Fenster).
Markus Lüpertz: Entwurf »Reformationsfenster« für die Marktkirche Hannover (links Detail »Weiße Gestalt und Fliege«, rechts das gesamte Fenster).

Der in Tokio lebende Erbe, der Rechtsanwalt Georg Bissen, hält das Fenster für nicht vereinbar mit dem architektonischen Konzept seines Stiefvaters. Da Bissen weitere Gespräche ablehne, werde der Kirchenvorstand nun alle rechtlichen Möglichkeiten prüfen, ob das Fenster "nicht doch mit dem Urheberrecht in Vereinbarkeit zu bringen ist", sagte Marktkirchen-Pfarrerin Hanna Kreisel-Liebermann. Sie zeigte sich enttäuscht über die Reaktion Bissens, der die Urheberrechte an der Neugestaltung der Kirche durch Oesterlen nach dem Zweiten Weltkrieg verwaltet. Der Kirchenvorstand werde nun prüfen, ob er vor Gericht eine Chance gegen den Widerspruch hätte "und welchen Aufwand das zeitlich, nervlich und finanziell bedeutet", so Kreisel-Liebermann.

Für das Fenster liegt seit Monaten ein Entwurf des Künstlers Markus Lüpertz (77) vor, einem Freund Schröders (74). Er setzt sich in zahlreichen Symbolen mit Leben und Werk Martin Luthers auseinander. Für Diskussionen sorgen dabei vor allem fünf Fliegen als Symbol des Bösen und der Vergänglichkeit. Lüpertz ist protestantisch aufgewachsen und später zum Katholizismus konvertiert. Luther habe einer Legende zufolge einst mit einem Tintenfass nach dem Teufel in Form einer Fliege geworfen, erklärte der Künstler im Juni bei der Vorstellung des Entwurfs. Das Fenster deute Luthers Kampf gegen das Böse, von dem der Mensch aus Sicht des Reformators umgeben sei.

Evangelische Marktkirche in Hannover
Die evangelische Marktkirche in Hannover.

Aus Sicht des Architekten-Erben wird das Reformationsfenster die Atmosphäre des Kirchenraums erheblich verändern. Dessen Einfachheit und Geschlossenheit werde damit wesentlich beeinträchtigt. Der kirchliche Denkmalschutz hatte dem Einbau des Kunstwerks jedoch im Sommer unter der Auflage zugestimmt, dass helle und sehr lichtdurchlässige Materialien verwendet werden.

Altkanzler Schröder ist Ehrenbürger Hannovers. Allein die Kosten für Material, Herstellung und Einbau werden auf rund 100 000 Euro geschätzt. Zur Finanzierung will Schröder Vortragshonorare von Verbänden und Unternehmen in Deutschland weitergeben.

"Reformationsfenster" ist umstritten

Der Architekt Dieter Oesterlen leitete von 1946 bis 1952 den Wiederaufbau der im Krieg schwer beschädigten Marktkirche. Dabei ließ er den Ziegelstein im Inneren vollständig freilegen und sorgte so für ein nüchternes Erscheinungsbild. Die meisten Fenster der Kirche haben seither nur eine einfache Verglasung, es gibt jedoch auch einige bunte Fenster. Das geplante "Reformationsfenster" soll eines der schlichten Fenster ersetzen.

Oesterlens Neugestaltung der Kirche stellt eine künstlerische Leistung dar, die urheberrechtlich geschützt ist. Gültig ist das Urheberrecht bis 70 Jahre nach dem Tod des Architekten und wird somit auch auf die Erben übertragen. Grundsätzlich hat der Urheber ein Recht darauf, dass das von ihm geschaffene Werk im Ausdruck nicht verändert wird. Andererseits kann er nicht jegliche Änderung am Basis-Bauwerk willkürlich verbieten.

Markus Lüpertz Entwurf für ein Luther-Fenster in der Marktkirche Hannover
Die Kirche will es, der Architekten-Erbe nicht: Lüpertz-Entwurf für ein Luther-Fenster in der Marktkirche Hannover.

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