22.03.2019
Kommentar

30 Tage? Von wegen! Die Wahrheit über DiscoverEU

Das Programm "DiscoverEU" soll jungen Menschen eine Reise durch Europa ermöglichen. Doch die Zugtickets bieten nur wenig Spielraum. Ist das Konzept zu Ende gedacht? Ein Erfahrungsbericht von Paul Krauß.
Erfahrungsbericht DiscoverEU

Doping für Europa: eine gute Idee

Die Idee hinter DiscoverEU hat mich sofort überzeugt: jungen Menschen eine Reise durch Europa ermöglichen. Die Initiative der EU-Kommission will Grenzen überwinden, per Bahn, aber vor allem in den Köpfen. Ein Plädoyer für mehr Offenheit und Toleranz. Gegen Abschottung, gegen Nationalkonservativismus, gegen Fremdenhass. 

Jugendliche nach ihrem 18. Geburtstag auf eine längere Entdeckungstour à la Interrail zu schicken, egal, aus welchen Verhältnissen sie stammen, das ist Doping für die europäische Idee. Träume werden erfüllt, Erfahrungen gesammelt, Kontakte geknüpft, Abenteuer erlebt.

Teenager lernen die Vorteile eines vereinten Europas ganz konkret kennen: Sicheres, freies Reisen ohne Passkontrollen und Schlagbaum, oft der Euro als einheitliches Zahlungsmittel und meist gute Verbindungen im Schienennetz. Dazu die finanzielle Unterstützung durch das DiscoverEU-Programm. Soweit die Versprechen einer gelungenen Marketingstrategie, soweit der Anspruch von DiscoverEU an sich selbst.

Wenn nur alles so funktionieren würde...

Das durch die EU-Kommission bereitgestellte Budget für die Förderung ist begrenzt, die Nachfrage hoch. In der ersten Bewerbungsrunde im Sommer 2018 registrierten sich etwa 100.000 Interessierte über ein Online-Portal. Etwa 15.000  Zugtickets wurden über ein Auswahlverfahren vergeben. Viele gingen leer aus. Ich gehöre zu den glücklichen Gewinnern. Mein Kumpel Jacob ist ebenfalls mit an Bord. Gemeinsam wollen wir vier Wochen auf Reisen gehen – schließlich wirbt die Aktion mit einem Ticket, das eine Gültigkeitsdauer von 30 Tagen hat.

"Interrail", das bedeutet Freiheit. Eigentlich.

Für meinen Vater bedeutet das Wort "Interrail" vor allem eines: Freiheit. Er ließ sich als junger Mann einen Monat durch Europa treiben, ohne große Vorbereitung und (fast) ohne Einschränkungen. Zahlreiche Länder hatte er damals besucht – erst in Marokko ging das Geld aus.

Wir wiederum dürfen auf der Homepage von DiscoverEU auswählen zwischen zwei Optionen. Für die "feste" Option müssen wir genaue Reisepläne vorlegen. Alle gewählten Zugfahrten dürfen in Summe ein Budget von etwa 260 Euro nicht übersteigen. Weil wir möglichst unabhängig reisen möchten, entscheiden wir uns für Variante zwei: den sogenannten "Flexi Pass".

Seinem Namen wird das Zugticket nicht gerecht. Die Enttäuschung ist groß. Innerhalb der versprochenen vier Wochen dürfen wir unser Ticket lediglich an sieben Tagen nutzen. Sieben Reisetage in einem Monat, die Fahrt aus Deutschland hinaus und wieder zurück eingerechnet. Außerdem dürfen wir maximal vier Länder besuchen.

Auf der Seite des Unternehmens "Interrail" machen wir uns schlau. Dort würde solch ein Ticket 258 Euro kosten, ohne ein Länder-Limit. "Ein 260€-Zuschuss soll Jugendlichen aus ganz Europa eine Entdeckungstour ermöglichen?", frage ich meine Kumpel. "Wer hat denn diesen Deal mit Interrail ausgehandelt? Gab es nicht einmal Mengenrabatt?" Natürlich freuen wir uns trotzdem. 

Ein schlechter Deal

Wir erhalten einen Umschlag mit unseren DiscoverEU-Tickets. Besser gesagt, zwei ganz normalen Interrail-Tickets, die uns exakt sieben Tage Bahn fahren lassen. Ein Schreiben liegt nicht bei. Kein Hinweis auf das Programm, an dem wir teilnehmen, kein Hinweis auf die kleine Portion Verantwortung, die irgendwie deutlich werden müsste. Denn mit unserer Anmeldung haben wir uns verpflichtet, in unserem Umfeld und über Social Media als "Jugendbotschafter" von unserer Reise zu berichten.

Warum gibt es nicht ein farbiges Bändchen fürs Handgelenk oder zum Umhängen, mit dem wir andere Teilnehmende des Programms erkennen können? Symbolwirkung inklusive Selbstbewusstseinsschub? Fehlanzeige! Wir leisten gerne einen Beitrag zu einer offeneren, jugendlicheren, lebendigeren europäischen Union. Was wir für diese Aufgabe neben den Tickets erhalten? Einen Hashtag. #DiscoverEU.

Wunschdenken trifft Wirklichkeit.

Erst einmal müssen wir allerdings umplanen. Einfach losfahren, das ist mit sieben kostbaren Reisetagen undenkbar. Wir wollen von Nürnberg nach Paris. Das kostet den ersten Reisetag. Naja, geht ja nicht anders, und lohnt sich. Einen Reisetag. Aber nur, wenn wir Paris innerhalb eines Tages auch wirklich erreichen. Mit dem Bummelzug kaum zu schaffen. Eine Nachtfahrt könnte uns unter Umständen sogar zwei Tage kosten. Am Schalter der deutschen Bahn fragen wir nach. "Von hier?", fragt der Mann am Schalter, "nach Paris?" Wir nicken. "Das hättet ihr schon lange reservieren müssen. Mindestens drei Monate im Vorfeld." 

Wir sind überrascht. "Die Bahngesellschaften erlauben pro Fahrt und Schnellzug nur eine bestimmte Zahl von Fahrgästen mit Interrail-Ticket", erklärt uns der Kundenberater. Schließlich kosten diese ja verhältnismäßig wenig. Diese Kontingente seien schnell ausgebucht. DiscoverEU verlost standardmäßige Tickets, einen Unterschied zu den selbstgekauften gibt es nicht. Ausnahmen folglich ausgeschlossen.

Also doch nicht Paris?

Wir stellen fest: online können Kunden der deutschen Bahn Fahrten ins Ausland via Interrail nicht reservieren. Längere Fahrten erst während der Reise zu buchen, könnte damit schwieriger werden als angenommen.

Langsame Verbindungen müssen wir vermeiden, Schnellzüge reservieren, sonst sind die sieben Tage schnell aufgebraucht. Wir durchkämmen Internetforen und Ratgeber, Reiseführer und Atlanten. Mehrmals lande ich in der DB-Warteschleife, nur, damit die Mitarbeiterin am anderen Ende der Leitung bestätigt, was wir selbst schon zu spüren bekamen: So einfach wird das alles nicht. "Nach Italien hätte ich noch eine Verbindung", erklärt mir die Dame. "Okay, dann geht’s eben nach Mailand statt nach Paris", sage ich. Unseren Reisemonat nach hinten zu verschieben, lässt das Ticket nicht zu. Jeder Tag, den wir nach dem Stichdatum verstreichen lassen, wird uns am Ende schmerzlich fehlen. Als wir uns schließlich für Städte und Verbindungen entschieden haben, werden wir am Bahnschalter erneut mit der Realität konfrontiert. Viele der obligatorischen Reservierungen in Schnellzügen kosten weitere Euros. Bezahlen müssen wir aus eigener Tasche.

Nach einer Stunde am Kundenschalter in unserem Heimatort ist das Werk vollbracht: sieben Fahrten sind reserviert, wir schaffen sechs Städte in Italien, Frankreich und Spanien. Vorausgesetzt, wir verpassen keinen einzigen Zug. Von unserer Entdecker-Euphorie ist nicht mehr viel übrig. Flexibles Reisen sieht anders aus.

Spontanität bleibt auf der Strecke

Wie Jugendliche aus sozial schwachen Familien eine solche Reise bewerkstelligen sollen, ist mir schleierhaft. Die Kosten für Unterkünfte und Nahrungsmittel, die Eintrittspreise beim Sightseeing und die Zug-Reservierungen müssen selbst finanziert werden. Der Gewinn ist eine Finanzspritze, ein Motivationsschub, ein Zuschuss eines nicht ganz so großzügigen Sponsors, aber definitiv kein Hauptgewinn.

In der Praxis wäre es bereits ein großer Zugewinn, die Zahl der Reisetage für die Botschafter*innen zu erhöhen. Mehr Tage bedeuteten mehr Freiheiten, und mehr Möglichkeiten, wirklich zu #entdecken. Ich kann nicht einfach aus dem TGV nach Paris aussteigen, weil die Landschaft interessant aussieht, ich doch lieber nach Marseille möchte oder nette Leute kennengelernt habe, die andere Ziele ansteuern. Die Spontanität bleibt buchstäblich auf der Strecke.

Wieso eigentlich nicht, liebe EU?

Warum nutzen die EU-Verantwortlichen nicht ihren Einfluss, um bessere Konditionen für die Tickets auszuhandeln und die Jugendbotschafter stärker für ihre Sache zu begeistern? Die Initiatoren sollten den Sprung wagen von einer prestigeträchtigen Wirtschaftssubvention für die Tourismusbranche hin zum wahren Brückenbauen zwischen den Nationen. Dann kann DiscoverEU zu einem einzigartigen Abenteuer werden. Einem Abenteuer Europa, das weite Kreise ziehen kann, mitten hinein in die Gesellschaft und tief in andere Generationen. Die Idee ist gut. Lasst uns Jugendliche Europa entdecken! Aber nicht nur die, die es sich leisten können. Und gebt uns dabei etwas mehr Rückenwind. In der Zukunft wird sich diese Investition in die europäische Idee auszahlen.

DiscoverEU - Daten und Fakten

Die dritte Runde DiscoverEU begann 2019. Erneut bewarben sich weit mehr Jugendliche, als Tickets von der EU finanziert werden. 

Unter 80.000 jungen Menschen wurden 14.500 Zugtickets verlost. Zwischen April und Oktober werden 2.349 junge Deutsche auf Entdeckungstour gehen – und versuchen, wie Jacob und ich 2018 – das beste aus ihrem Gewinn zu machen. 

16 Millionen Euro hat das Europäische Parlament für DiscoverEU 2019 eingeplant. Und auch in den nächsten Jahren soll das Projekt weiter verfolgt werden. Geändert hat sich bislang wenig. Lediglich die Beschränkung auf vier Länder bei der flexiblen Variante wurde für die aktuelle Aktion aufgehoben.

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