2.03.2018
Kommentar

Essener Tafel - Hilferuf mit bitterem Beigeschmack

Was sich aus den Vorgängen um die Essener »Tafel« lernen lässt. Kommentar von Markus Springer
Die »Tafel« im Essener Wasserturm, davor Lieferfahrzeuge des Lebensmittelverteilers, die Unbekannte Ende Februar 2018 mit mit den Worten »Nazis« und »Fuck Nazis« beschmiert haben.
Die »Tafel« im Essener Wasserturm, davor Lieferfahrzeuge des Lebensmittelverteilers, die Unbekannte Ende Februar 2018 mit mit den Worten »Nazis« und »Fuck Nazis« beschmiert haben.

 

Manche Geschichten sind einfach nur traurig. Die Geschichte der Essener »Tafel« ist so eine. Ihr ehrenamtlicher Vorsitzender Jörg Sartor und seine Mitstreiter haben mit ihrer Entscheidung, nur noch Deutsche als Neukunden zur Lebensmittelverteilung zuzulassen, eine bundesweite Debatte ausgelöst. Wobei »Debatte« die Sache nicht trifft. Eher war es eine jener emotional bis hasserfüllt geführten öffentlichen Konfrontationen, die sich in diesen Tagen oft entzünden, wenn es um Migranten oder Flüchtlinge geht. Sie ist in vielerlei Hinsicht beispielhaft, wie im Jahr 2018 die Dinge stehen im Land.

Was ist der wahre Skandal von Essen?

Was ist der wahre Skandal von Essen? Dass man sich dort entschieden hat, Hungrige nach Staatsangehörigkeit zu selektieren? Dass es in einem so reichen Land wie dem unseren überhaupt privat organisierte Armenspeisungen braucht? Ist es die Bankrotterklärung des Sozialstaats, dessen Aufgabe die Sicherung eines menschenwürdigen Existenzminimums eigentlich wäre? Oder dass die Ärmsten in unserer Gesellschaft – ob Deutsche oder Flüchtlinge – in eine Konkurrenz gedrängt werden um die »Brosamen«, die von den Tafeln für sie abfallen?

Wer wie die Essener Tafel eine Gruppe von Menschen pauschal ausschließe, fördere Vorurteile und Ausgrenzung, monierte die noch amtierende SPD-Sozialministerin Katarina Barley. Recht hat sie – aber sollten sozialdemokratische Politiker wie Frau Barley nicht eher die Gelegenheit nützen, sich einmal selbst die Frage nach dem Zustand des Sozialstaats zu stellen? Und der eigenen politischen Verantwortung für diesen Zustand?

Knapp 950 Tafel-Initiativen gibt es heute, fast fünf Mal so viele wie vor 20 Jahren. 1,5 Millionen Bedürftige beziehen im Überflussland Deutschland kostenlos »überflüssige« Lebensmittel.

Symbol für das Scheitern von »Wir schaffen das«

»Jeder gibt, was er kann«, steht auf den Fahrzeugen der Essener Tafel. »Nazis« und »Fuck Nazis« haben Unbekannte nun darunter gesprüht. Dem wohlfeilen Rassismusvorwurf von links hallt Applaus von rechts entgegen. Über den muss man nur so viel sagen: Es ist eine erbärmliche Schande, Not gegen Not auszuspielen. Für Nächstenliebe ist die Staatsangehörigkeit kein Kriterium. Wer das infrage stellt, stellt die Menschenwürde infrage.

Was Essen aber auch ist: ein Symbol für das Scheitern von »Wir schaffen das«. So alternativlos die Grenzöffnung im Spätsommer 2015 war – die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel war und ist eine Katastrophe. Sie war es lange vorher, weil ihr politische Weitsicht und die Bereitschaft zur Solidarität mit den Mittelmeerstaaten fehlten; und sie ist es heute: Da lässt man die Ärmsten der Armen um das »Gnadenbrot« der Tafeln rangeln. Nicht nur in Essen.

Die Tafel dort hat eine fürchterlich falsche Lösung gefunden für ein Problem, für das sie nichts kann. Versagt hat vor allem die Politik.

Manche Geschichten sind einfach nur traurig. Aber es lässt sich viel aus ihnen lernen. Wenn man nur will.

 

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