27.06.2018
Kommentar

Gesellschaft für bedrohte Völker besteht seit 50 Jahren

Ob Ostnigeria oder Myanmar: Minderheiten wurden und werden in der Geschichte der Menschheit oft gnadenlos verfolgt, vertrieben, ermordet. Eine Lobby haben sie selten. Die Gesellschaft für bedrohte Völker versucht seit 1968, diesen Mangel auszugleichen: Mit Kampagnen und spektakulären Aktionen. Auch 50 Jahre danach ist das dringend nötig. Ein Kommentar von Reimar Paul.
Minderheiten in Afrika

 

In Ostnigeria, das sich als Republik Biafra für unabhängig erklärt hat, tobt 1968 ein blutiger Bürgerkrieg. Hunderttausende Menschen sterben durch Bomben, an Hunger und Krankheiten. Die Weltöffentlichkeit wird durch Fernsehbilder von Kindern mit aufgeblähten Bäuchen aufgeschreckt. Weil Großbritannien das nigerianische Militär mit Waffen beliefert, besetzen Ende Juni 1968 Mitglieder des Komitees »Aktion Biafra Hilfe« das britische Generalkonsulat in Hamburg.

Mit dabei ist der Student Tilman Zülch. Die Besetzung habe den britischen Botschafter mehr geschockt »als das Sterben im Hungerkessel von Biafra«, erinnert sich der heute 78-Jährige an die damalige Aktion. Zülch baut das Biafra-Komitee in der Folgezeit zur Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) aus – eine Organisation mit dem Anspruch, weltweit Menschenrechte von ethnischen und religiösen Minderheiten zu schützen und durchzusetzen.

Unterstützt von einer Handvoll ehrenamtlicher Helfer, bleibt Zülch zehn Jahre lang der einzige Vollzeit-Aktivist. Mit wenig Geld prangert er in Flugblättern Gräueltaten in Afrika und Asien an. Heute werden professionell Kampagnen organisiert. In der Göttinger Geschäftsstelle sind rund zwei Dutzend Frauen und Männer beschäftigt.

Mit spektakulären Aktionen schaffen es die Menschenrechtler mit Zülch an der Spitze immer wieder in die Schlagzeilen. 1988 decken sie die Mitverantwortung deutscher Firmen beim Giftgaseinsatz gegen Kurden im Irak auf. 1992, im sogenannten Kolumbus-Jahr, überqueren zwei Aktivisten den Atlantik mit einem Bambusfloß, um den südamerikanischen Indianern eine Versöhnungsbotschaft zu überbringen.

Und 1995, vor der Hinrichtung des nigerianischen Bürgerrechtlers Ken Saro-Wiwa im Ölfördergebiet, demonstriert die GfbV vor der Shell-Zentrale in Hamburg mit Galgen-Attrappen. Unter dem Motto »Auf keinem Auge blind« setzt sich die Menschenrechts­organisation für Völkermordopfer im Sudan und muslimische Uiguren in China, für bedrängte Christen in Pakistan und für Kurden in der Türkei ein.

Immer wieder muss die GfbV auch Kritik einstecken. Als sie Indianer aus Nicaragua nach Europa einlädt, die gemeinsam mit »Contras« die sandinistische Befreiungsfront FSLN bekämpfen, protestieren Dritte-Welt-Gruppen. Im Jugoslawien-Krieg werfen Friedensinitiativen der Gesellschaft ein einseitiges und polarisierendes Engagement zugunsten der bosnischen Muslime und Kosovo-Albaner vor.

Doch das Positive überwiegt. Wie aktuell und notwendig Menschenrechtsarbeit ist, zeigt die Vertreibung von 700 000 Rohingya aus Myanmar.

Es braucht nach wie vor Aktivisten wie Zülch – und Organisationen wie die Gesellschaft für bedrohte Völker.

 

ShareFacebookTwitterGoogle+Share

Weitere Artikel zum Thema:

Weltbund will Versöhnungsprozess begleiten

Der scheidende Präsident des Lutherischen Weltbunds, Munib Younan, bei der Vollversammlung des LWB in Windhuk, Namibia.
Die am 15. Mai im Rahmen der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Windhuk veröffentlichte Erklärung zum Völkermord in Namibia wird von vielen als Meilenstein gesehen. Der scheidende LWB-Präsident Munib Younan sagte: "Das Papier ist historisch und sehr wichtig für uns."
Sonntagsblatt