12.09.2018
Kommentar

Gesundheitsminister Spahn will jeden zum Organspender machen

Heide Hollmer war auf einem Ausflug, als der lebensrettende Anruf kam: Man hat ein Spenderherz gefunden, habe es am Telefon geheißen. Den Tag werde sie niemals vergessen. Auch Jahre danach erinnert sich die Frau detailliert, dass es an einer Tankstelle bei Eckernförde an der Ostsee war, als sie sich für die OP bereit machen musste. Sie war in den Vierzigern, als es hieß, dass sie ohne Transplantation nicht mehr lange leben würde. Ein geschenktes Leben, dachte ich, als ich sie vor Jahren kennenlernte.
Organspende

Es ist eher die Ausnahme, einen Menschen zu treffen, dem ein Organ transplantiert wurde. Die meisten müssen sich mit dem Thema nicht auseinandersetzen. Es kostet sogar Überwindung.

Gesundheitsminister Jens Spahn will nun jeden in die Verantwortung nehmen. Wer in Zukunft nicht Nein sagt, soll automatisch zum Organspender werden. Der CDU-Politiker hat sich für eine "doppelte Widerspruchslösung" ausgesprochen. Während bisher als Organspender gilt, wer sich aktiv dafür entscheidet, müsste nach einer Neuregelung aktiv widersprechen. Im Fall eines fehlenden Widerspruchs würden, wie bisher und als "doppelte Schranke", die Angehörigen gefragt.

Nur 36 Prozent besitzen Organspendeausweis

Noch nie war die Zahl der Organspender in Deutschland so niedrig. Gerade einmal 36 Prozent besitzen in Deutschland einen Organspendeausweis. Entsprechend schwer ist es, Spenderorgane zu finden und zu bekommen.

Ja, zweifellos lassen sich Menschenleben mit Organspenden retten. Aber ist Schweigen schon Zustimmung? Eine Politik, die vorwiegend am Ergebnis orientiert ist, macht die Organspende damit kurzerhand zur Pflicht, ohne auf die Freiheit des Einzelnen zu achten.

Der evangelische Theologe Wolfgang Huber hat es mit der Wehrpflicht verglichen. Die habe man zwar verweigern können, trotzdem sei sie Pflicht gewesen. Für Huber handelt es sich bei Spahns Vorstoß um eine "Organ-Bereitstellungspflicht". Von einer freiwilligen Spende könne nicht mehr die Rede sei. Er forderte, wieder Vertrauen in die Organtransplantation herzustellen. Die habe nach Skandalen gelitten.

Ohne Aufklärung wird man dabei nicht weiterkommen. Immer noch dominieren Ängste: Was bedeutet der unumkehrbare Ausfall aller Hirnfunktionen medizinisch, der die Entnahme von Organen erlaubt? Einfach weitermachen wie bisher geht jedenfalls nicht. Wir müssen uns der Zumutung stellen, mit dem Thema in Berührung zu kommen – eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Übrigens: Heide Hollmer lebt heute noch mit Spenderherz. Die 59-Jährige arbeitet im Kieler Bildungsministerium. Und ich habe seither einen Spenderausweis.

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Künftig sollen alle Menschen automatisch potentielle Organspender sein. Das möchte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) so einführen. Damit würde er dem derzeit in Österreich geltenden Recht folgen. Bisher ist es die Entscheidung eines jeden Einzelnen, ob ihm nach dem Tod Organe entnommen werden dürfen. Eine Gewissensfrage, bei der auch der Glaube eine Rolle spielt.
Sonntagsblatt