20.11.2017
Kommentar

Die Politik hat den Begriff Heimat entdeckt. Warum man trotzdem mit der »Heimat« keine Politik machen kann. Kommentar von Gabriele Ingenthron.
Heimat: Kinderzeichnung eines Hauses.
»Was ist also die Heimat? Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht«, könnte man sagen in Abwandlung eines Augustinus-Zitats zur Frage, was »Zeit« sei. Ist Heimat dort, wo die Menschen sind, die wir lieben? Ist Heimat vertrauter Dialekt, Glaube, vertraute Sprache, Literatur, Musik, Landschaft?

 

Puh. Welch ein Eiertanz. Welch ein Kampf ums goldene Kalb. Die Politik hat den Begriff Heimat entdeckt: Jede Partei in Deutschland singt plötzlich das Hohelied der Heimat. Mit welchem Inhalt der Begriff gefüllt wird, hängt von der politischen Ausrichtung ab und davon, welche Wählerschichten man kapern will. Diese ganze Voodoo-Diskussion reicht von »Unser Land, unser Volk« bis »Wir lieben dieses Land«.

Was hat der Heimatbegriff eigentlich in der Politik verloren? Heimat ist ein großes Gefühl, sie ist vollgepackt mit Erinnerungen aus der Kindheit. Heimat ist dort, wo Körper und Seele verwurzelt sind. Wo sich der eigene Charakter ausgeprägt hat durch die ihn umgebende Kultur.

Lieder, Leute, Landschaften und Literatur prägen die Menschen, die dort aufwachsen. Sie erziehen wie Vater und Mutter ihre Kinder.

Heimat ist auch der Ort, wo man auf bestimmte Weise deutsch geworden ist, »diszipliniert«, so wie uns andere Kulturen eben sehen.

Aber jeder füllt Heimat für sich ganz alleine aus. Ein großes Gefühl mit Geborgenheitsreserve: erste Liebe, erste Freundschaft. Jeder verfügt selbst über Heimat.

Politik will also ein Gefühl institutionalisieren. Aber Heimat ist keine Folklore, wie Politik sich das vorstellt. Der CSU-Slogan »Laptop und Lederhose« ist ein Klischee. Heimat ist mehr als das.

Heimat ist auch kein stählerner, ausgrenzender Begriff wie bei der AfD, wenn sie von »Überfremdung« spricht. Heimat ist ein weicher Begriff. Und Deutschland ist längst ein Einwanderungsland. Seit den 1960er-Jahren kommen Einwanderer nach Deutschland. Jeder fünfte Deutsche hat einen Migrationshintergrund. Man sollte nicht leugnen, was Realität ist.

Wenn man junge Menschen fragt, was ihre nationale Identität ist, dann sagen viele, dass sie sich als Europäer fühlen. Vielleicht passt das besser in eine Gesellschaft, in der so viele Menschen zerrissene Lebensläufe haben.

Der alte Heimatbegriff passt schlecht in eine Zeit, in der die Kinder gleich nach der Schule ausziehen, in ein anderes Bundesland gehen oder gleich ins Ausland. In der sich Liebende nicht in der Nachbarschaft kennenlernen, sondern übers Internet finden und sich an einem dritten Ort gemeinsam etwas aufbauen. In der immer weniger Menschen sagen, München oder Hamburg ist meine Heimat, weil meine Großeltern dort begraben liegen und ich dort geboren und geblieben bin.

Heimat verändert sich. In Deutschland ist eine neue Art von Heimatgefühl am Entstehen. Dieses mit politischen Inhalten zu füllen würde es ersticken, der Gesellschaft und jedem Einzelnen schaden.

 

Was denken Sie? Schreiben Sie an Sonntagsblatt-Redakteurin Gabriele Ingenthron: gingenthron@epv.de

 

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