31.05.2017
Kommentar

Warum die Kirche die Diskussion mit der AfD nicht scheuen sollte. Kommentar von Markus Springer
Anette Schultner, Sprecherin der »Christen in der AfD«, beim Kirchentag 2017 in der Berliner Sophienkirche.
Anette Schultner, Sprecherin der »Christen in der AfD«, beim Kirchentag 2017 in der Berliner Sophienkirche.

Der Kirchentag in Berlin und Wittenberg war ein kräftiges Lebenszeichen des Protestantismus. Er war in seiner Vielfalt und seinem Optimismus eine bunte Protestveranstaltung gegen düstere Zukunftsängste, wie sie Populisten gerne schüren.

Wichtig und richtig war dabei auch die Entscheidung, die AfD vom Kirchentag nicht auszuschließen: Der Berliner Landesbischof Markus Dröge diskutierte mit Anette Schultner, der Sprecherin der »Christen in der AfD«.

Kaum überraschend brachte die Diskussion in der Sophienkirche wenig Neues: Dröge kann im Parteiprogramm der Rechtspopulisten wenig vom christlichen Menschenbild erkennen. Und für Schultner, Ex-CDU-Mitglied und Angehörige einer Freikirche, sind die Kirchen ein »überpolitisierter Arm der linken Parteien«. Bezeichnend ist eher, dass dieser Vorwurf in der Diskussion unwidersprochen blieb.

In der AfD scheint das Verhältnis zu den Kirchen jedenfalls weiter ungeklärt. Rettung des christlichen Abendlands? Oder doch lieber öffentliche Aufrufe zum Kirchenaustritt wie beim AfD-Parteitag Ende April?

Vor und während des Kirchentags hielt sich die politische Spitze der AfD zurück – um nach dem Christentreffen umso heftiger auszukeilen. Margot Käßmann, die in einer Kirchentags-Bibelarbeit die AfD-Forderung nach einer Erhöhung der biodeutschen Geburtenrate kritisiert hatte, sei, twitterte der Kovorsitzende Jörg Meuthen, »zwei Dinge gewiss nicht: eine aufrichtige Christin und klug (...) Man könnte das schon fast als krank bezeichnen.« In einem Atemzug warf Meuthen den Kirchen dann noch vor, sie »diffamierten« die AfD.

Rückzug in bequeme Gesprächsverweigerung also? Nein, sie ist und bleibt falsch.

Denn: »Populismus ist nicht nur eine Vereinfachung – sondern eine Vereinfachung, die falsch ist.« So hat es der Linken-Politiker Gregor Gysi beim Kirchentag auf den Punkt gebracht.

Wenn 40 Prozent der Bundesbürger meinen, eine Islamisierung der Gesellschaft wahrzunehmen, und knapp 30 Prozent der Aussage zustimmen, man könne in Deutschland seine Meinung nicht mehr frei äußern, ohne Ärger zu bekommen, kann man, wenn man anderer Ansicht ist, darauf unterschiedlich reagieren. Mit einer Publikums- respektive Wahlvolkbeschimpfung. Oder mit der Frage, warum solche Überzeugungen Zulauf haben und woher sie rühren.

Andere von komplexeren Positionen zu überzeugen ist mühevoll, aber lohnender und außerdem auf die Dauer wirksamer, als abweichende Meinungen auszugrenzen und zu tabuisieren.

Denk- und Sprechverbote – auch »Alternativlosigkeiten« – sind dagegen niemals gut für Demokratien. Und auch nicht für die Kirche. Guten Rat gibt es bei Luther: »Die Geister lasset aufeinanderprallen, aber die Fäuste haltet stille!«

 

Was denken Sie? Schreiben Sie an Sonntagsblatt-Redakteur Markus Springer: mspringer@epv.de

 

 

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