20.09.2017
Kommentar

Dass Pflegekräfte notorisch überlastet sind, ist längst bekannt. Vor der Bundestagswahl versprechen die Parteien, das Problem anzugehen - wieder einmal. Aber wird sich nach der Wahl wirklich etwas ändern? Kommentar von Andreas Jalsovec
Pflegenotstand

 

Je näher eine Wahl rückt, desto größer werden in der Regel die Versprechungen der Kandidaten. Das ist auch bei der jetzigen Bundestagswahl nicht anders. So spielten soziale Themen im Wahlkampf lange Zeit kaum eine Rolle. Doch kurz vor dem Urnengang wird den Wahlkämpfern offenbar bewusst, dass Themen wie Rente, Wohnungsnot oder Pflegenotstand vielen Menschen unter den Nägeln brennen. So überboten sich die Spitzenkandidaten zuletzt darin, in diesen Bereichen künftig Verbesserungen zu versprechen.

Bestes Beispiel dafür ist die Situation in der Pflege. Ein angehender Krankenpfleger hatte in der ARD-Sendung »Wahlarena« über die teils unerträglichen Zustände in Krankenhäusern und Altenheimen berichtet. Die Würde des Menschen werde dort tagtäglich »tausendfach verletzt«, klagte der junge Mann: »Es gibt Menschen, die liegen stundenlang in ihren Ausscheidungen.« Grund sei der Personalmangel und die Überlastung der Pflegekräfte.

Der drastische, aber keineswegs übertriebene Bericht reichte aus, dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sich dafür aussprach, die Missstände in der Pflege zu beseitigen. Eine höhere Bezahlung der Pflegekräfte und ein besserer Personalschlüssel seien notwendig. Ähnliches kam von Merkels Konkurrent Martin Schulz (SPD): Er will die Pflege alter Menschen zum zentralen Thema der nächsten Wahlperiode machen.

Pflege braucht ein Notprogramm

Man darf gespannt sein, wie viel am Ende von diesen Last-minute-Versprechungen übrig bleibt. Der junge Krankenpfleger ist ja nicht der erste Pflegebedienstete, der die Missstände im eigenen Beruf anprangert. Schon lange gehen Krankenschwestern und Altenpfleger immer wieder auf die Straße, um auf schlechte Bezahlung, zu wenig Zeit für die Patienten und fehlendes Personal in den Abteilungen hinzuweisen.

Entscheidendes geändert hat sich bislang nicht. Im Gegenteil: Die Situation in Krankenhäusern und Pflegeheimen ist für junge Menschen mittlerweile oft so abschreckend, dass sich nur wenige für den Pflegeberuf entscheiden wollen. Gleichzeitig ist es längst keine Seltenheit mehr, dass Pflegekräfte ihren Job hinschmeißen, weil sie dem Druck nicht mehr gewachsen sind.

Es reicht daher nicht aus, wenn die Politik künftig eine Mindestausstattung mit Personal auf den Pflegestationen verspricht. Die Pflege braucht ein Notprogramm – und sie braucht es schnell. Nötig sind deutlich mehr Geld für die Pflegekräfte und eine umfassende Imagekampagne, die den Stellenwert des Berufs ins Bewusstsein der Menschen bringt. Bleibt es nur bei Versprechungen, droht dem System der Kollaps.

Was denken Sie? Schreiben Sie an Andreas Jalsovec ajalsovec@epv.de

 

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