17.06.2012
Kommentar

Pure Provokation

Dass sich Würzburger Flüchtlinge die Münder zunähen, geht zu weit!
Hungerstreik

Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, wenn er nur noch diesen einen Weg sieht: nichts mehr zu essen, um seine Anliegen durchzusetzen. Dabei spielt es erst mal keine Rolle, ob die Forderungen berechtigt sind. Die Frage ist, wie es so weit kommen kann, dass sich jemand so unverstanden, alleingelassen oder drangsaliert fühlt, dass er keinen anderen Ausweg sieht, als freiwillig wochenlang zu hungern. Oder ist es doch nur politisches Kalkül, sich selbst zu verstümmeln, indem man sich die Lippen zusammennäht?

Mit dem Mittel des Hungerstreiks demonstrieren iranische Flüchtlinge in Würzburg seit fast drei Monaten gegen die Asylpraxis in Deutschland und vor allem im Freistaat Bayern. Sie fordern einerseits ihre Anerkennung als politische Flüchtlinge, andererseits allgemein die Schließung der Gemeinschaftsunterkünfte, einen sofortigen Abschiebe-Stopp in alle Länder und ein Ende der »menschenunwürdigen Residenzpflicht«.

Es muss sich etwas ändern, klar.

So weit, so verständlich. Denn der Umgang mit Asylbewerbern gerade in Bayern ist durchaus fragwürdig. Etliche Menschenrechts- und Flüchtlingsorganisationen beklagen seit Jahren die teils rigide Asylpraxis. Wer selbst einmal eine der Gemeinschaftsunterkünfte von innen gesehen hat, kann nachvollziehen, weshalb Menschen, die ohnehin oft von ihrer Flucht traumatisiert sind, dort depressiv oder selbstmordgefährdet werden - Mehrbettzimmer, Gitter vor den Fenstern, Stacheldrahtzäune. So stellt sich niemand seine neue Freiheit nach einer Flucht vor.

Doch der Zweck heiligt nicht die Mittel. Hungerstreiks an sich sind schon grenzwertig: Weil sich die Streikenden in Lebensgefahr bringen, setzen sie ihr Gegenüber zwangsläufig massiv unter Druck. Doch oft trifft das die Falschen, etwa Mitarbeiter in Behörden, die nur Gesetze vollziehen dürfen - so falsch oder unmenschlich sie deren Ausgestaltung auch persönlich finden mögen.

Pure Provokation

Mit dem Zunähen ihrer Lippen beim nun dritten Hungerstreik seit Beginn des Protests haben die Iraner in Würzburg eine Grenze überschritten. Zu solch drastischen Mitteln bestand kein Grund, die Behörden waren bereits auf die Iraner zugegangen und haben bislang fünf als politische Flüchtlinge anerkannt.

Warum also verschärfen die Iraner ihren Protest nun noch einmal? Warum riskieren sie damit, dass die bisherigen Unterstützer ihnen den Rücken kehren? Hungerstreiks sind immer eine Ultima Ratio, man verweigert als letzten Ausweg die Nahrung. Was nun aber in Würzburg geschieht, ist all das nicht mehr. Es ist pure Provokation.

Dossier Flucht und Asyl

Weltweit sind etwa 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Auch in Bayern suchen viele Schutz. Wie geht es den Flüchtlingen hier? Welche Erfahrungen machen Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit? Lesen Sie das und mehr in unserem Dossier "Flucht und Asyl" .

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