25.10.2017
Kommentar

Eine erste kritische Bilanz des Reformations-Jubiläumsjahrs. Gastkommentar von Alexander Jungkunz
Luther-Statue vor der Frauenkirche in Dresden
Luther-Statue vor der Frauenkirche in Dresden.

 

Uff. Geschafft. Endlich. – So dürften nach dem 31. Oktober viele vor allem Kirchennahe durchatmen, wenn es zu Ende geht: das Reformationsjubiläum. Das Luther-Jubeljahr.

Aber was heißt da »Jahr«? Die evangelische Kirche hat daraus, in protestantischer Gründlichkeit, gleich eine Lutherdekade gemacht; neun Jahre lang wurden da so ziemlich alle Themen schon mal durchgehechelt, pardon: durchdekliniert – bis dann, als das eigentliche Jubiläumsjahr kam, eigentlich fast alles schon mal dran gewesen war.

Dabei ging es da erst richtig los. Mit einer Flut von Ausstellungen, teils schlecht besucht, oft sehr gut gemacht: lohnende Streifzüge durch eine sehr ferne, teils wieder sehr nahe Epoche. Mit vielen neuen Büchern, die den Blick weiteten. Thomas Kaufmann mit seinem großen Panorama dieser Zeit, Heinz Schillings Blick auf das, was 1517 sonst noch los war in der Welt (jede Menge), Lyndal Ropers eindringliche, oft er- und abschreckende Luther-Biografie, auch die wunderbar verständliche Annäherung von Christian Nürnberger und Petra Gerster an das Ehepaar Luther: bereichernde Lektüren.

Was noch: Jede Menge und etwas zu viele »events«. Essen wie bei Luther. Musik aus Luthers Zeit. Luther-Musicals. Und und und.

Ganz wichtig: der Blick auf die Narben der Konfessionsspaltung. »Healing of memories«: Da gab es sehr berührende, hoffentlich heilsame Gottesdienste.

Und natürlich die sicht- und spürbare Annäherung zwischen Katholiken und Protestanten, personifiziert durch das Münchner Bischofs-Duo Marx und Bedford-Strohm, Glücksfälle für eine politisch wache Kirche. Kurz vor knapp kam da ja vor dem Jubel-Jahr noch die Annäherung, der Weg hin zum »Christusfest«, das die Katholiken erstmals mit den Protestanten feiern konnten, völlig undenkbar bei allen Vorgänger-Jubiläen. Ein gewaltiger Fortschritt.

Und theologisch? Da gab es wenig, zu wenig dazu, wie Luther und seine Kernbotschaften heute durchzubuchstabieren wären. Ansätze gäbe es genug: Auch wir erleben eine Zeit des Umbruchs, der Medien-Revolution. Damals der Buchdruck, heute die Digitalisierung – da wäre mehr drin gewesen: Wie steht es denn um die Freiheit eines Christenmenschen in Zeiten der sozialen Netzwerke? An wen bindet er sich, wovon macht er sich wie frei?

Zum Ausblick die spannende Frage: Wie wird wohl das Reformationsjubiläum 2117 aussehen?

Wer wird es überhaupt noch feiern? Die eine, dann vereinte christliche Kirche?

 

Alexander Jungkunz ist Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten.
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Sonntagsblatt