19.01.2017
ZEITZEICHEN

Typisch deutsch ist typisch Luther

Von der blühenden Orchesterlandschaft bis zum nach Farben sortierten Altglas: Die Briten staunen mal wieder über die seltsamen Deutschen. Und stellen fest, dass wir Deutsche ohne Luther gar keine richtigen Deutschen wären.

Die Errungenschaften von Martin Luthers Reformation sind vielfältig: Gewissensfreiheit, das heutige Berufsverständnis, die deutsche Sprache, das Bildungswesen, der mündige Bürger – ohne Luther wäre das alles nicht so gekommen.

Doch Luther hat Deutschland nachhaltiger geprägt, als das vielen bewusst ist.

Das schreibt die Londoner Wochenzeitschrift The Economist. Vieles, was heute als typisch deutsch gelte, sei einst typisch protestantisch gewesen, Musik etwa. Mit 130 öffentlich finanzierten Orchestern verfüge Deutschland über einen musikalischen Reichtum wie kein zweites Land.

Luther sei es gewesen, der das Singen und Musizieren als »göttlich inspirierte Waffe gegen den Teufel« entdeckt habe. Er habe das Singen eingeführt – sowohl im Gottesdienst als auch zu Hause. Diese Tradition lebe bis heute fort.

Ein weiteres Erbe Luthers sei die reiche deutsche Buchkultur. Deutschland hat den zweitgrößten Buchmarkt der Welt nach den USA. Zu verdanken sei das Luther, der die Bibel ins Deutsche übersetzt und so jedem zugänglich gemacht habe.

Auch die Sparsamkeit vieler Deutscher wurzelt demnach im Reformator. Anders als für seinen Schweizer Zeitgenossen Johannes Calvin sei materieller Reichtum für Luther kein Zeichen besonderer Erwählung gewesen. Vielmehr sollten Christen laut Luther ihren Reichtum für die Allgemeinheit einsetzen und der Gemeinschaft etwas zurückgeben.

Ein Ergebnis dieser Erkenntnis sei ein sehr ausgeprägtes Sozialsystem in Deutschland und im ebenfalls stark lutherisch geprägten Skandinavien.

Schließlich habe der Reformator den Deutschen auch ihren Sinn für Ordnung eingeimpft, denn der Gott der Bibel sei ein Gott der Ordnung. Die deutsche Ordnungsliebe zeige sich unter anderem darin, dass »sie ihr Altglas nach Farben trennen und Weltmeister im Recyceln sind«.

ShareFacebookTwitterShare
Sonntagsblatt