21.02.2018
Kommentar

Vom Umgang mit dem schwierigen Begriff "Heimat"

"Heimat" - ein lange verpöntes Wort erlebt eine Renaissance. Das ist nicht unbedingt ein gutes Zeichen. Kommentar von Wolfgang Lammel
Hände bilden ein Herz vor dem Kirchturm der Landshuter Stadtpfarrkirche.
Heimat - ein Begriff der Geborgenheit oder ein verlogener Begriff?

 

Lange hat man um das Wort einen Bogen gemacht. Wer außerhalb vertrauter Kreise von Heimat sprach, begab sich auf dünnes Eis: flugs einsortiert in eine Schublade, bestenfalls in der Kategorie Kitsch, schlimmstenfalls in der Abteilung Blut-und-Boden-Ideologie. Ausgerechnet eines der deutschesten Wörter der deutschen Sprache wurde entweder überladen und übertüncht mit völkisch-nationalistischen Farbtönen, verramscht in romantisierenden Groschenromanen und pastellfarbenen Kinoschnulzen, degradiert zur Folie einer seichten »volkstümlichen« Unterhaltungsindustrie.

Das sind einige, nicht alle Indizien dafür, weshalb der Begriff »Heimat« bislang eher mit der Kohlenzange angefasst wurde und nicht, wie er es eigentlich verdient hätte, mit Samthandschuhen. »Aus einem Wort der Geborgenheit wurde ein Wort der Verlogenheit« – so brachte es Heribert Prantl, einer der eloquentesten Journalisten unserer Zeit, in einem Kommentar für die Süddeutsche Zeitung auf den Punkt.

Heimat als Politik

Gegen die Verkitschung von Heimat haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht nur ambitionierte Vereine, Brauchtumsforscher und Institutionen, sondern auch kreative und kritische Kulturschaffende gestemmt. Stellvertretend sei erinnert an die epische Film-Trilogie »Heimat« von Edgar Reitz, an den verdienstvollen Dokumentarfilmer Dieter Wieland oder an die legendäre »Biermösl Blosn«, die den Beweis antrat, dass Heimatliebe und urwüchsige Volksmusik durchaus einen Platz in der Gegenwart haben.

Dass das Wort Heimat »in der deutschen Politik zum neuen Lieblingswort« wurde, wie Prantl kurz nach der Bundestagswahl im vorigen Herbst feststellte, lässt sich auf mehrere Arten interpretieren. Es mag die Einsicht gewachsen sein, dass die Deutungshoheit über den Wertebegriff Heimat nicht den Einpeitschern aus den politisch rechten Randbezirken überlassen werden darf, die Heimat als ein Synonym für Ausgrenzung benutzen. Es mag auch mit der – späten – Erkenntnis zusammenhängen, dass eine offene demokratische Gesellschaft ein stabiles Fundament braucht, auf die sie ihr Selbstbewusstsein gründen kann.

Und nun ist »Heimat« an der Spitze der Bundespolitik angekommen. In Zeile 5445 des Entwurfs des Koalitionsvertrags findet sich die Überschrift »Heimat mit Zukunft«. Die Ziele, etwa die Schaffung »gleichwertiger Lebensverhältnisse« oder die Stärkung der Zivilgesellschaft, soll ein neues Ministerium »Innen, Bau und Heimat« verwirklichen, heißt es. Die Diskussion über »Heimat« geht in eine neue Runde.

 

Was denken Sie? Schreiben Sie an Sonntagsblatt-Redakteur Wolfgang Lammel: wlammel@epv.de

 

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