4.07.2017
Kommentar

Was der vergebliche Kampf gegen das Unkraut im Garten mit dem Großen und Ganzen der Gesellschaft zu tun hat. Kommentar von Gabriele Ingenthron
Sprießende Pflanze

 

Der linksintellektuelle Berliner Journalist Jakob Augstein sagte einmal in einem Interview: »Der Garten ist der Ort, der einen die Demut lehrt.« Augstein ist passionierter Gartenliebhaber, er schrieb sogar ein Buch darüber. Wer Saison für Saison vergeblich gegen Unkraut ankämpft, kann das mit der Demut nur allzu gut nachvollziehen.

Aber Augstein wäre nicht Augstein, läge nicht auch ein politischer Hintersinn darin. Er verglich die Gartenarbeit mit der Leidenschaft eines Modelleisenbahn-Sammlers. Er verglich Augstein mit Horst Seehofer. Der eine staune, was sich Jahr für Jahr in seinem Garten tut, dem er nur ein paar Bedingungen vorgebe, den Rest erledigt die Natur von selbst. Der andere, der mit der Modelleisenbahn im Keller, glaube an die Beherrschbarkeit des Systems, daran, dass seine Macht und Gestaltbarkeit grenzenlos sei.

Wie steht es also mit der Demut, ist sie nicht eine ganz unzeitgemäße Tugend? Jeder ist sich doch heute selbst der Nächste. Die Vorstellung, jemandem zu dienen, wie es die Demut vorgibt, stammt aus vergangener Zeit. Wir sind keine Würmer mehr, die demütig am Boden kriechen. Heute sind alle gleich, bestenfalls gleicher.

Demut galt einst als höchste Tugend, sie beschrieb die Beziehung des Christen zu Gott. Aber: Jahrhundertelang hat sie den Menschen damit auch in Unmündigkeit gehalten. Sündhaft und schuldbeladen, war er fügsam zu machen.

Man muss kein toller Typ sein

Luther machte damit Schluss. Welche Errungenschaft der Reformation: Die Welt hängt nicht davon ab, dass man ein toller Typ ist, dass man tolle Dinge tut. Eine Absage an Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung. Zu meinen, dass man alles kann und muss und deshalb den Erwartungen niemals gerecht wird. Das Evangelium als Einladung zu einem entspannten Selbstbewusstsein, das Demut enthält.

Demut als Haltung könnte demnach sein: Kinder großzuziehen, weil sie die nächste Generation sind. Damit ist nicht Aufopferung gemeint, sondern ein Liebesgebot. Sogar ein Doppelgebot: wenn die Eltern schwach sind und der Pflege bedürfen, für sie aufzukommen.

Arbeit von Qualität, in Verantwortung für das Ganze. Schonender Umgang mit Ressourcen. Die Integration von Fremden, Inklusion von Schwachen, soziale Marktwirtschaft. Diese Art von Demut ist eine, die über sich selbst hinauswächst, die uns zu selbstbestimmten Mitgliedern einer Gesellschaft macht.

Demut wäre auf etwas gerichtet, was größer ist als man selbst und die Erkenntnis, dass nichts selbstverständlich ist. Vielleicht bräuchte es nur manchmal ein moderneres Wort für Demut.

 

Was denken Sie? Schreiben Sie an Sonntagsblatt-Redakteurin Gabriele Ingenthron: gingenthron@epv.de

 

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