8.06.2019
Diskussion über Impfpflicht

Die Impf-Debatte - ein Glaubenskrieg?

Kaum ein Thema wird zurzeit so emotional diskutiert wie eine mögliche Impfpflicht. Die Härte der Auseinandersetzung erklärt sich vielleicht auch damit, dass nicht nur unterschiedliche Meinungen, sondern beinahe Glaubensgrundsätze aufeinanderprallen.
Impfen; Spritze

Als Michael K. volljährig wurde, ließ er sich von seiner Mutter die Krankenkassenkarte geben - und ging zum Arzt. "Dann habe ich mir mein größtes Geschenk selbst gemacht", sagt der heute 32-Jährige. Er ließ sich impfen. Als Sechsjähriger war er an Masern erkrankt. Julia L. ist frisch approbierte Ärztin. Ihren knapp einjährigen Sohn will sie nicht impfen lassen. Sie ist von der gängigen Lehrmeinung fürs Impfen nicht überzeugt, viele kritische Studien würden ignoriert. Dirk Bayer erlitt als Jugendlicher eine anerkannte Impfkomplikation - seither hat er immer wieder Migräneattacken.

Impfen - ein emotional aufgeladenes Thema.

Auch deshalb wollen zwei von drei Protagonisten anonym bleiben.

Michael K. legte seinen Eltern, beide überzeugte Impfgegner, nach dem Arztbesuch den Impfausweis auf den Küchentisch. "Ich habe bis heute schlimme Erinnerungen an meine Masern-Erkrankung", sagt er. Vor allem, weil er seinen kleinen Bruder angesteckt hatte, der damals gerade zwei Jahre alt war: "Er lag sogar im Krankenhaus." Beide hätten keine bleibenden Schäden davongetragen, räumt er ein. Aber alleine die Fieberschübe, die schlimme Mund- und Rachenentzündung, der Hautausschlag.

"Unsere Eltern haben Russisch Roulette mit unserer Gesundheit gespielt. Das ist für mich absolut unverzeihlich."

K. hatte noch etliche Kinderkrankheiten mehr, gegen die es heute Impfungen gibt. Mumps, Keuchhusten, Windpocken. "Ich kann mit Impfkritikern nicht sachlich diskutieren - wer Impfungen ablehnt, der verlässt damit selbst die Ebene der Sachlichkeit." Für den 46-jährigen Dirk Bayer aus Bamberg ist das ein Totschlagargument. Er, der selbst Impfbefürworter war, bis seine damalige Freundin schwanger wurde. Er, der mit 14 eine Zeckenimpfung bekam und bis heute Migräne-Schübe hat. Er, der anfing Fragen zu stellen. "Ich will die nicht selbst beantworten müssen - ich will Antworten haben von Experten", sagt er:

"Wer kann denn beweisen, dass Impfungen wirklich wirken?"

Dirk Bayer sagt, er sei um Sachlichkeit bemüht. Und er versteht, dass Impfkritiker angegangen werden von den Medizinern und Forschern: "Angenommen, man glaubt an etwas - und dann stellt das jemand infrage - dann fällt es vielen eben schwer, sachlich zu antworten." Die Wirksamkeit von Impfstoffen sei längst "nicht so eindeutig bewiesen und sauber dokumentiert", wie die Impfbefürworter auch etwa vom staatlichen Robert-Koch-Institut gerne behaupteten. "Ein Beispiel ist die Zahl der Masern-Erkrankungen in Deutschland. Die sind signifikant gesunken, Jahre bevor mit den Massenimpfungen begonnen wurde", sagt er: "Warum ist das so?" Eine Antwort darauf erhielt er nie.

Auch am Herdenschutz-Argument hat er so seine Zweifel. Das besagt, dass bei einer Durchimpfungsquote von 95 Prozent auch die übrigen fünf Prozent geschützt seien, also zum Beispiel kleine Kinder, Senioren oder Kranke, die selbst nicht geimpft werden können. "Das ist nur eine Theorie, bewiesen wurde sie nie", glaubt er. Und auch die Reaktionen der Körper auf die Impfstoffe, die ihm damals seine Impfkomplikation eingebrockt haben, seien größtenteils Reaktionen auf die beigemischten Zusatzstoffe wie Aluminium und Quecksilber: "Unser Körper würde nur wegen der Eiweißmoleküle, die ja der eigentliche Impfstoff sind, keine Antikörper produzieren." Auch dies zeigten verschiedene Studien.

Dirk Bayer würde sich selbst trotzdem nie als Impfgegner bezeichnen, eher als Impfkritiker. Er verstehe beide Seiten - Eltern, die ihre Kinder impfen lassen wollen, und die, die es nicht wollen.

"Was mich stört, ist dieser angedrohte Zwang, wie ihn Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorhat."

Dass nun so emotional über das Thema diskutiert wird, hänge auch damit zusammen, dass die Krankheiten, gegen die man normalerweise impfe, heute kaum mehr jemand kenne. Impfbefürworter nähmen sie als "Schreckgespenst" wahr, Impfgegner nähmen ihre doch nicht kleinzuredenden Gefahr nicht mehr für voll. "Es ist ein Glaubenskrieg."

Das sieht auch Julia L. so. Sie habe sich die Entscheidung, ihren Sohn nicht impfen zu lassen, mit ihrem Mann nicht leicht gemacht. "Kaum jemand weiß davon, weil man dafür extrem angefeindet wird", betont sie. Erste Fragezeichen kamen ihr im Medizinstudium: "Das war extrem einseitig. Impfen ist die Errungenschaft der modernen Medizin. Daran darf man nicht rütteln." Nach einer persönlichen Nutzen-Risiko-Analyse für ihren inzwischen 14-monatigen Sohn kam sie zu der Entscheidung:

"Impfen ist mir persönlich zu riskant. Warum sollte ich meinem Kind eine Spritze mit Quecksilber oder Aluminium geben? Das sind einfach hochtoxische Stoffe. Und die Schulmedizin blendet das völlig aus."

Überhaupt, die Schulmedizin: "Dort werden Krankheiten meist sehr einseitig betrachtet." Sie sei eher für eine ganzheitliche Sicht auf die Dinge, eine "spirituelle Sicht", Menschen seien geistige Wesen. Es sei doch zu überlegen, ob das Durchmachen der Kinderkrankheiten nicht zu einem gesunden Reifungsprozess dazugehöre, auch immunologisch betrachtet: "Es ist jedoch enorm wichtig, dass Kinder von ihren Eltern während der Krankheitsphase begleitet werden." Sollten die Eltern das warum auch immer nicht können, wäre sie in diesem Fall auch für eine Impfung. Sollte eine Impfpflicht kommen, würde sie ihren Sohn impfen lassen: "Gegen so eine Vorschrift würde ich mich nicht stellen."

Kurzum: Das Risiko, dass ihr Kind erkrankt, sei ihr letztlich lieber als eine Impfung. "Ich weiß, dass manche denken, dass ich da große Töne spucke", sagt sie. Und vielleicht denke sie auch ganz anders, sobald ihr Kind dann mal eine der impfbaren Kinderkrankheiten habe: "Das weiß ich schlichtweg nicht. Ich bin ja auch keine radikale Impfgegnerin." Sie bliebe aber auch dann bei ihrer Kritik an den Pharmakonzernen. Diese Konzerne müssten nur die Wirkung eines Impfstoffes nachweisen, nicht aber seine Risiken genau untersuchen, behauptet sie. Mutmaßlichen Impfschäden würde somit nicht konsequent nachgegangen. Dadurch entstünde ein verzerrtes Bild zugunsten von Impfungen, sagt sie.

Impf- und Impfpflichtbefürworter Michael K. sagt, er habe schon auch ein wenig Verständnis für Kritiker und Gegner: "Kritische Geister sind ja wichtig!"

Aber wer sich ernsthaft mit den Fakten beschäftige, der könne gar nicht anders, als die minimalen Impfrisiken gegenüber dem großen Nutzen von Standard-Impfungen hintanzustellen, sagt er.

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