2.10.2019
Nationalsozialismus

Holocaust-Überlebender Ernst Grube über Hass und Gewalt in der heutigen Gesellschaft

Ernst Grube ist einer der Letzten, die aus eigener Erfahrung von der Vernichtung der europäischen Juden erzählen können. Als Holocaust-Überlebender besucht er Schulen, Kirchen und Demonstrationen und wird nicht müde, aktive Erinnerungsarbeit zu leisten. Mit Sorge blicke er heute auf die politische Entwicklung in Deutschland, sagt der 86-Jährige im Interview.
Holocaust-Überlebender Ernst Grube, zu Hause in Regensburg.
Holocaust-Überlebender Ernst Grube, zu Hause in Regensburg.

Ernst Grube war damals noch ein Kind, aber die Erinnerungen haben sich ihm ins Gedächtnis gebrannt. Als Sohn einer jüdischen Mutter erlebt Ernst Grube Diskriminierung, Entrechtung, Deportation und Konzentrationslager am eigenen Leib. "Mir ist wichtig, dass alles, was ich erzähle, ehrlich ist; und dass ich alles, was ich erzähle, auch erlebt habe", sagt er.

Und so wird er nicht müde, unablässig von seinen Erfahrungen zu berichten, in Schulen, Kirchen, auf Gedenkveranstaltungen und Demonstrationen. Dabei wollte dem Überlebenden Ernst Grube jahrzehntelang niemand zuhören.

"Mit mir hat in der Nazizeit keiner mehr gespielt"

Er kommt 1932 als zweites von drei Kindern in München auf die Welt. Seine Mutter ist Jüdin, sein Vater evangelisch. Mit der Machtergreifung Hitlers 1933 beginnt für die Familie die Zeit der Demütigungen und Verfolgung. "Mit mir hat in der Nazizeit keiner mehr gespielt, als ich auf die Straße gegangen bin. Sie sagten: Schleich dich."Mit eigenen Augen sieht er als Fünfjähriger die Zerstörung der Münchner Synagoge. Einen Tag vor der Reichspogromnacht bringen ihn seine Eltern ins jüdische Kinderheim. Weil sie Juden waren, erhielten sie eine Räumungsklage und wurden aus der Wohnung geschmissen.

Nur weil der Vater sich weigert, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, entgehen Ernst, sein Bruder Werner und die Schwester Ruth sowie seine Mutter Clementine der Deportation und dem Vernichtungswahn der Nazis.

Bis zum Februar 1945. Obwohl Auschwitz befreit ist, werden sie mit dem letzten Transport von München nach Theresienstadt deportiert. Im Mai 1945 erlebt Ernst Grube die Befreiung durch die Rote Armee.

Politisch Verfolger in der Bundesrepublik

Diese Geschichte erzählt der ungebrochene Kämpfer Ernst Grube immer und immer wieder. Über das, was ihm nach der Befreiung und Rückkehr nach München widerfährt, spricht er dagegen selten: sein Engagement als Jugendlicher in der FDJ, der Gewerkschaft und der KPD gegen die Wiederbewaffnung. Mehrfach wird er von der Polizei inhaftiert. Wegen einer Flugblattaktion für die illegale KPD wird er in Isolationshaft genommen und vom Bundesgerichtshof verurteilt. Aus dem in der Nazizeit aus rassischen Gründen Verfolgten wird in der Bundesrepublik ein politisch Verfolger.

Anfang der 1970er-Jahre erhält der gelernte Malermeister und Berufsschullehrer zudem Berufsverbot. Die Behörden nehmen es erst zurück, als Ernst Grube dem zuständigen Bearbeiter im Münchner Rathaus den Judenstern auf den Schreibtisch legt. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, deren Sprecher er ist, werde bis heute vom Verfassungsschutz beobachtet, sagt Grube.

Grube ist Präsident der Lagergemeinschaft Dachau, Vizevorsitzender des Fördervereins für Internationale Begegnung, Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Mitglied des Kuratoriums der Evangelischen Versöhnungskirche und im politischen Beirat des NS-Dokumentationszentrums der Stadt München tätig. Im Jahr 2017 wurde ihm der Georg-Elser-Preis verliehen.

"Normalisierung rechter Gewalt" mit Gewöhnungseffekten

Die Erinnerung ist ihm ein "Mittel, um die Ereignisse der Gegenwart besser erklären zu können". Und so fordert er in der aktuellen politischen Debatte eine konsequentere Abgrenzung zu rechtsextremen Positionen in Staat und Gesellschaft. "Gegen Hass und Gewalt helfen keine Argumente mehr", sagt der 86-Jährige. "Wo Hass und Gewalt zum Ausdruck kommen, sind Staat und Justiz gefragt."

Grube warnt vor einer "Normalisierung rechter Gewalt" mit Gewöhnungseffekten. Darüber müsse gesellschaftlicher Konsens bestehen. Mit Blick auf das Erstarken der AfD in Deutschland sagt er: "Wir müssen uns klarmachen, dass die AfD ein anderes, antidemokratisches politisches System will." Dass eine Partei, die an der Ideologie der Nazis angelehnt ist, parlamentarische Verantwortung in Deutschland übernehmen darf, halte er für gefährlich.

Der Antisemitismus sei Teil des erstarkenden Rassismus. Beide Phänomene trieben Menschen in eine "Isolierung und Angstposition". Das erlebten Menschen, "die als Flüchtlinge zu uns kommen oder hier geboren sind, tagtäglich", sagt Grube.

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Sonntagsblatt