4.07.2018
Spiritueller Impuls

Bonaventura: Gottsucher am Schreibtisch

Bonaventura, der scharfsinnige Generalminister des Franziskanerordens im 13. Jahrhundert, verband in seinen Schriften Rationalität und Mystik, Wissenschaft und Glaubenspraxis auf einzigartige Weise. Von seiner Erkenntnis, dass zu einem ganzheitlichen Glauben auch der Kopf und ein scharfer Verstand gehören, können sich Zeitgenossen heute überraschen und inspirieren lassen, meint Cornelius Bohl.
Quellentext Bonaventura

 

BONAVENTURA ist überzeugt: Wer Augen und Ohren aufmacht und ehrlich in sich hineinspürt, stößt auf Gott. So findet er Gottes Spuren in der Schöpfung, denn alles, was ist, kommt aus Gott.

Wer also durch so viel Glanz  in den Geschöpfen nicht erleuchtet wird, ist blind.
Wer durch so viel Rufen nicht aufwacht, ist taub.
Wer nach all diesen Werken Gott nicht lobt, ist stumm.
Wer nach so vielen Zeichen den Uranfang nicht bemerkt, ist stumpfsinnig.

Öffne also die Augen,
spitze die Ohren des Geists,
löse deine Lippen
und mache dein Herz bereit,
damit du in allen Geschöpfen deinen Gott siehst,
ihn hörst, lobst, liebst und anbetest, ihn preist und ehrst,
damit sich nicht etwa der ganze Erdkreis als Zeuge gegen dich erhebt. (…)

Wie herrlich sind deine Werke, Herr!
Mit Weisheit hast du sie alle gemacht, die Erde ist erfüllt von deinem Eigentum.

("Das Pilgerbuch der Seele zu Gott" (I, 15)

Deutlicher noch als im staunenden Blick nach außen wird die Gegenwart Gottes im Inneren: In subtiler psychologischer Reflexion entdeckt er den Menschen als Ebenbild Gottes. Wer dann in Beziehung tritt mit Gott, der in allem gegenwärtig ist und doch hoch darüber erhaben, erhält Anteil an dessen Leben und wird in ihn hinein verwandelt. Von außen nach innen, von innen nach oben verläuft also das "Itinerarium", der Pilgerweg des Menschen mitten in Gott hinein.

So könnte es sein. Aber so ist es nicht immer. Denn die Sünde hat den Menschen verformt. Statt durch die Schöpfung durchzuschauen auf Gott, missbraucht er sie für eigene Zwecke. Er wird blind für den göttlichen Glanz aller Wirklichkeit und taub für Gottes Stimme. Die Wirklichkeit als Leiter zu Gott zerbricht. Gott selbst stellt sie wieder her, indem er Mensch wird. Darum geht nach allen spekulativen Höhenflügen der Blick auf den armen Jesus, er allein ist "Weg und Pforte, Leiter und Gefährt".

Für eine Mystik des Alltags scheint Bonaventura nicht die erste Adresse. Der große Theologe war ein Kopf- und Schreibtischmensch. Wer aber Ganzheitlichkeit will, darf den Kopf nicht draußen lassen. Bei Bonaventura war der Kopf eng mit dem Herzen, den Händen und Füßen verbunden: Das Nachdenken über Gott verändert, führt zu einem neuen Tun und macht Freude, weil es Gott schmecken und genießen lässt.

Ein Mystiker ist Bonaventura nicht durch sein Denken, sondern durch das, was ihm dabei aufgeht: Alles gründet in Gott, der Mensch ist wesenhaft auf Gott bezogen und gottfähig, darum findet er in der Beziehung zu ihm tiefe Erfüllung. Bonaventura entdeckt im Denken,

was im Alltag jeder erfahren kann.

 

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