16.05.2018
Spiritueller Impuls

Im Dreck am Rande der Gesellschaft findet Franziskus Gott. Der Bruch mit seiner Herkunft aus reichem Hause eröffnet ihm ein Leben ohne Angst. Über den Lebensschock, der zum Wendepunkt wird, schreibt Franziskanerpater Cornelius Bohl.
Franz von Assisi.

Der Start entscheidet. Im Anfang steckt oft schon das Ganze drin. In seinem Testament beschreibt Franz von Assisi den Schock, der für ihn zum Wendepunkt wird: die Konfrontation mit den Aussätzigen.

So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben,
das Leben der Buße zu beginnen:

Denn als ich in Sünden war,
kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen.
Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt,
und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen.

Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das,
was mir bitter vorkam,
in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt.

Und danach hielt ich eine Weile inne und verließ die Welt.

Die Begegnung mit Aussätzigen: Ekelerregend ist das, ungewollt, aber genau da beginnt Neues. Für Franz, den jungen Mann aus gutem Haus kehren sich alle Werte um: Statt Geld und Karriere entdeckt er den Menschen. Was für eine Kurzformel für eine Mystik der Straße, nicht in seelischer Erhebung, sondern unten im Dreck am Rand der Gesellschaft: Bitteres wird süß!

In diesem Anfang steckt alles drin. Im Bruch mit dem Vater beginnt ein alternatives Leben. »Mindere Brüder« sollen die sein, die sich ihm bald anschließen: Auch ihr Platz ist unten, gesellschaftlich und kirchlich, eine Bruderschaft ohne Machtstreben und Konkurrenzdruck, provozierend anders für eine reiche Kirchenhierarchie.

Bruder Sonne, Schwester Wasser

Seit diesem Anfang hat Franz auch keine Angst mehr: Er umarmt Aussätzige, begegnet mitten im Kreuzzug freundschaftlich dem muslimischen Sultan und schließt schutzlos mit dem gefährlichen Wolf von Gubbio Frieden. Dies alles ist nicht Folge persönlicher Willensstärke – dorthin hat ihn »der Herr geführt«. Und diesen Herrn kann er wie ein Verliebter überall entdecken, nicht nur in Bruder Sonne und Schwester Wasser, sondern auch in Sturm und Regen und dort, wo Menschen Not und Krankheit ertragen. Bitteres ist süß geworden!

Im Anfang steckt auch schon das Ende. Franz hat sich von den Aussätzigen berühren und verwandeln lassen. Und er hat sich berühren lassen von dem frierenden Kind von Bethlehem, für das er in Greccio die erste Krippe baut, und dem Gekreuzigten von Golgotha. Eigentlich hatte Franz nur eine Idee: Er wollte das Evangelium leben, wie Jesus leben. Kein Wunder, wenn er am Ende seines Lebens dessen Wunden an seinem Leib trägt. Nackt auf der Erde begrüßt er singend den Bruder Tod.

Angst hat er bis zum Schluss nicht mehr gehabt.

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