30.05.2018
Spiritueller Impuls

Hildegard von Bingens Gottes-Visionen

Als "Feder im Windhauch Gottes" hat sich die große Mystikerin Hildegard von Bingen bezeichnet. Noch heute ist die Ordensfrau aus dem 12. Jahrhundert wegen ihrer Heilkunde bekannt. Doch sie war auch Universalgelehrte, Komponistin, Theologin, Ratgeberin - und die vielleicht berühmteste Vertreterin der deutschen Mystik im Mittelalter.
Vers aus Hildegard von Bingens Schriften.

HILDEGARD VON BINGEN spricht in visionärer Schau vom Ursprung des Lebens. Die göttliche Gestalt, die sie mit ihrem geistigen Auge sieht, teilt sich ihr mit und sie schreibt auf, was sie wahrnimmt. Sie leiht der göttlichen Wirklichkeit ihre Worte, die dann Gott selbst spricht für denjenigen, der sich seiner Erfahrung öffnen kann. In einer ihrer lyrischen Beschreibungen heißt es:

Ich, die höchste feurige Kraft,
habe jedweden Funken von Leben entzündet,
und nichts Tödliches sprühe ich aus.
Ich entscheide über alle Wirklichkeit.
Mit meinen höheren Flügeln umfliege ich den Erdkreis:
Mit Weisheit habe ich das All geordnet.

Ich, das feurige Leben göttlicher Wesenheit,
zünde hin über die Schönheiten der Fluren,
ich leuchte in den Gewässern,
und brenne in Sonne, Mond und Sternen.
Mit jedem Lufthauch,
wie mit unsichtbarem Leben, das alles erhellt,
erwecke ich alles zum Leben.

 So ruhe ich in aller Wirklichkeit,
verborgen als feurige Kraft.
Alles brennt so durch mich,
wie der Atem den Menschen unablässig bewegt,
gleich der windbewegten Flamme im Feuer.
Dies alles lebt in seiner Wesenheit, und ist kein Tod darin.

Denn ich bin das Leben.

Der Ausdruck der höchsten feurigen Kraft mag an ihr Lichterlebnis in frühester Kindheit erinnern; Feuer zum Heizen und Kochen war zu ihrer Zeit etwas Alltägliches und vermittelt doch als Urbild dem heutigen Menschen eine Sicht auf die Schöpfung als Gabe Gottes: Feuer hat eine Eigendynamik, die nicht zu fassen ist.

Gott ist es, der mit Weisheit das All geordnet hat, alles zum Leben erweckt, der in aller Wirklichkeit ruht. Der Urgrund allen Seins ist das Leben selbst. Für mich persönlich wird in diesem Text letztendlich eine große Kraft und Zuversicht erfahrbar: Alles lebt in seiner Wesenheit, mag die Welt noch so sehr von Unrecht, Gewalt, vom bösen Verhalten der Menschen dominiert werden.

Gerade mein Leben im Kloster am Rand der KZ-Gedenkstätte Dachau baut auf den Glauben an Jesus, der von sich sagt:

»Ich bin die Auferstehung und das Leben« (Joh. 11, 25).

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Quellen-Zitat des Bernhard von Clairvaux.
Bernhard von Clairvaux, Gründer des Zisterzienserordens, rief im 12. Jahrhundert 68 Tochterklöster seiner Abtei Clairvaux ins Leben. Wasser spielte stets eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben des Klosterbetriebs. Trotzdem oder gerade deshalb sprach er dem lebensspendenden Nass auch eine spirituelle Bedeutung zu, meint Pfarrer Paul Geißendörfer aus Heilsbronn.
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