8.02.2015
Spiritualität

Schellenberger: Kirche muss mystische Traditionen wiederentdecken

Bernardin Schellenberger war viele Jahre Trappistenmönch in einem kontemplativen Orden und Seelsorger einer kleinen katholischen Dorfgemeinde im Schwäbischen. Heute lebt er im oberbayerischen Fischbachau. Er befasst sich mit den mystischen Strömungen des Christentums und erklärt, wie Mystik gelebt werden kann.
Wald und Lichtung mit Lichtstrahl und Nebel

Was machen mystische Strömungen im Christentum aus?

Schellenberger: Den mystischen Strömungen im Christentum ist es wichtig, Gott zu spüren und persönlich zu erfahren. Es geht in der Mystik weniger um die Begrifflichkeiten, die wir von Gott haben, sondern viel mehr um das, was wir empfinden. Gerade das Christentum ist eine Religion, die üblicherweise stark über Glaubenslehren und Dogmen, also über den Verstand, funktioniert. Die Mystik geht einen anderen Weg: den des Herzens.

Was bedeutet das?
Schellenberger: Die theologische Theorie lautet: "Gott liebt die Menschen." Für Mystiker ist es wichtig, dass die Menschen das auch so empfinden. Ein Mensch muss von sich sagen können: "Ich spüre, dass Gott mich liebt." Das ist dann die mystische Dimension. Man kann zwar über Dogmen diskutieren, aber nicht über Empfindungen.

Dossier

Spiritualität und Mystik

In unserem Dossier zum Thema "Spiritualität & Mystik" finden Sie Artikel rund um die christliche Frömmigkeitspraxis. Dazu gehören Mystik, Pilgern und Meditation, spirituelle Impulse und neue Formen der Gottesbegegnung. Hier geht es zum Dossier.

Mystik geht also ans Gefühl?

Schellenberger: Es ist heute das große Problem der Kirchen, dass die Menschen kaum Interesse an der religiösen Theorie haben. Sie wollen Gott spüren und erleben, dass der Glaube ihrem Leben einen Sinn verleiht. Das entspricht auch der mystischen Tradition, die vor allem im Mittelalter mit Meister Eckhart und Teresa von Avila einen Höhepunkt hatte, auch wenn sie von der kirchlichen Autorität meist kritisch beobachtet wurden. In den letzten zwei- bis dreihundert Jahren seit der Aufklärung dominierte allerdings vor allem die theologisch-dogmatische Lehre der Kirchen und die Mystik war weniger wichtig.

Und heute?

Schellenberger: Seit den 1960er-Jahren gewinnt die Mystik wieder an Bedeutung, weil die Menschen nach einem Halt in stressigen Zeiten suchen. Letztlich ist die Mystik derzeit eine große Bewegung, allerdings unter dem Namen "Spiritualität". Zwar wird diese Spiritualität häufig auch zur Selbstheilung instrumentalisiert und dient vor allem der Entspannung, aber die Menschen wenden sich wieder dem Glauben zu, weil sie das Bedürfnis haben nach Erfahrungen, die Kraft geben.

Was könnten die Kirchen von der Mystik lernen?

Schellenberger: Die Kirchen müssten ihre mystischen Traditionen wiederentdecken, denn gerade darin wird die Beziehung zu Gott betont, als demjenigen, der uns trägt. Die Mystik ist eine Glaubensströmung, die die Menschen persönlich anspricht, anstatt verkopft von einem moralisierenden Gott zu berichten. Noch liegen Mystik und Kirchen allerdings auseinander.

Woran liegt das?

Schellenberger: Die Menschen entfernen sich heute still von der Kirche als Institution, weil ihnen der Gottesdienst spirituell nichts mehr gibt. Bischöfe äußern sich in ihren Predigten vor allem zu politischen Dingen. Dadurch kommt das Spirituelle zu kurz. Zu diesem Thema haben die Kirchen anscheinend nichts mehr zu sagen. Die Menschen haben aber ein tiefes Bedürfnis nach Spiritualität. Für ein fruchtbares Zusammenspiel müsste sich allerdings auch die christliche Mystik ein wenig erden, um näher an den Menschen zu sein.

Wie können wir Mystik leben?

Schellenberger: Es ist gelebte Mystik, wenn man Menschen besucht und sie spüren lässt, dass man sie mit allen ihren Eigenarten und Problemen wahrnimmt, und wenn man etwa Asylbewerber spüren lässt, dass sie bei uns herzlich willkommen sind. Im weitesten Sinne ist das schon der Anfang von Mystik.

Unterscheidet die Mystik zwischen den einzelnen Religionen?

Schellenberger: Mystische Strömungen gibt es zwar in allen Religionen, ich finde aber durchaus, dass es Unterschiede gibt, auch wenn manche Mystiker das anders sehen. Die fernöstlichen Religionen tendieren stark dazu, den Menschen im großen Ganzen aufgehen zu lassen. In den mystischen Strömungen der monotheistischen Religionen, also Christentum, Judentum und Islam, steht der dialogische Charakter im Vordergrund. Die christliche Mystik ist ganz klar auf Jesus bezogen. Damit haben die Menschen ein göttliches Gegenüber, mit dem sie ein Gespräch führen und an das sich auch ihre Gebete richten.

VERLAGSANGEBOT

Schellenberger Cover Bernardin Schellenberger: Im Glanz des göttlichen Lichts. Orthodoxe Mystik: Geheimnis und Herausforderung.
Claudius Verlag, Müchen 2014, 160 Seiten, ISBN 978-3-532-62465-4, 14,90 Euro.

 

 

 

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