3.10.2018
Spiritueller Impuls

Sebastian Franck: Wider das Diktat der Schrift

Überkonfessionelle "Geistkirche" der Frommen statt organisierte Kirche mit Dogmen: Luthers Zeitgenosse Sebastian Franck beharrte zeitlebens darauf, dass der Heilige Geist für die Erneuerung des Menschen wichtiger sei, als die Bibel - und zog damit den Zorn des Reformators auf sich. Über Francks Verständnis vom Wort, der Fülle und der Leere schreibt Schwester Nicole von der Communität der Christusbruderschaft Selbitz.
Quellentext Sebastian Franck

Sobald uns das Wort [Gottes] ledig und leer findet, nimmt es uns in Besitz und legt sich wie der Seele Speise an unsere Natur, ja, verkocht und reißt unsere Natur in sich.

Diese Speise aber kann nicht verwesen noch verdaut werden, sondern überwältigt den Gespeisten, dass er zur Natur des Wortes und der Speise, das Fleisch, dass es zu Geist wird und reißt alles in sich, dass es zu Geist, Wort und Christus wird.

Das nennt dann die Schrift: Christum essen, Speise einnehmen, deren Speise wir werden, die wir nicht verdauen können, da wird alles göttlicher Art.

DAS WORT GOTTES – es überwältigt in seiner Kraft und Macht, es reißt die ganze menschliche Natur in sich und verwandelt diese dauerhaft. Denn Gottes Wort des Lebens ist unverweslich, kann nicht verdaut werden; Mensch und Wort werden also eins in göttlicher Art, und das Leben findet zum Ziel.

DAS ÜBERWÄLTIGENDE Geistesgeschehen, das Franck beschreibt, ist das Glück der Seele: ankommen, Trost finden, zu Hause und aufgehoben sein – und das für immer. Doch Gott bindet sich an den Willen von uns Menschen, und so geschieht all dies nicht »einfach so«, sondern braucht unser Zutun. »Ledig und leer« sollen wir werden, um uns ganz von Gott »in Besitz« nehmen zu lassen.

DAS IST VERWEGEN, denn es meint, zur Ruhe zu finden und vor Gott sich selbst und das eigene Wollen zu erkennen – und letztlich beides herzuschenken. Und dies allein auf die Hoffnung hin, dass Gott es wirklich ernst meint mit seiner Lebenszusage.

DAS WORT GOTTES ist also paradox. Es wirbt für die Leere und verspricht dabei die ganze Fülle. Leere wird somit zum Wagnis auf Hoffnung hin, einzugehen im stillen Gebet vor Gott – und sei dies nur für 10 Minuten am Tag. »Hier bin ich, Herr« – das reicht schon.

DORT, IN DER STILLE, werden Herz und Sinne leer, sodass hörbar wird, wie die Seele herausschreit, wonach sie wirklich hungert – während sie gleichzeitig dem begegnet, der sie satt macht: auf göttliche Art, für immer, denn seine Speise verwest nicht, sondern sie überwältigt und verwandelt zum Leben.

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