27.09.2017
Sonntagsblatt-Sprechstunde

Frau D. kommt aus einem sehr frommen Elternhaus und tut sich mit der Ablösung von den Lebensvorstellungen ihrer Eltern schwer.

Ich komme aus einem sehr frommen Elternhaus. Meine Eltern zeichnen sich durch einen großen Ernst aus und durch eine konsequent christliche Lebensführung. »Reich-Gottes-Arbeit« nennen sie es. Ich verspüre Bewunderung für sie. So weit die eine Seite.

Die andere Seite sieht so aus, dass bei mir dieselbe Rigorosität, derselbe Aktivismus herrscht wie bei meinen Eltern. Wenig Lockerheit, wenig Lebenslust, wenig Gelassenheit, wenig Jugend. Von irgendwelchem Heckmeck oder Schabernack ganz zu schweigen. In der Gemeinschaft, in der meine Eltern verkehren, erfahre ich viel Bestätigung und Lob, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich so weiterleben möchte.

Frau D.

 

Darf ich es auch andersherum formulieren? Ich bin mir sicher, dass ich so nicht weiterleben möchte. Dies jedenfalls höre ich Sie sagen, und das ist für mich sinnvoll und nachvollziehbar. Ja, ich sehe darin ein Zeichen einer Lebendigkeit, die ich gern verstärken will.

Zum Erwachsenwerden gehört die Auseinandersetzung mit unserem Elternhaus. Und die findet vor allem an zwei Punkten statt. Einmal geht es um die Frage: Woran will ich festhalten, und was soll bleiben? Und dann um die Frage: Wovon will ich mich lösen, und was soll anders werden? In keinem Fall geht es darum, in der Abhängigkeit zu bleiben, sondern darum, meinen eigenen Weg zu finden.

Ich denke an eine schöne Geschichte im Neuen Testament: Jesus ist wieder einmal unterwegs und kommt dabei in eine kleine Ortschaft. Dort nehmen ihn zwei Schwestern auf, Maria und Martha. Jesus nimmt Platz und beginnt zu erzählen. Die eine der beiden, Maria, setzt sich zu ihm und hört zu. Die andere, Martha, übernimmt die Pflichten der Hausfrau und die Rolle der Gastgeberin. Man hört sie hantieren und vernimmt die bekannten Küchengeräusche. Auf einmal – Stille, und sie steht vor Jesus: »Herr, stört es dich nicht, dass meine Schwester mich so allen arbeiten lässt? Sag ihr doch bitte, sie soll mir helfen.« Jesus antwortet: »Martha, Martha, du machst dir einen Kopf und kümmerst dich um tausend Dinge. Aber nur eines ist not. Maria hat sich richtig entschieden.« (Lukas 10, 38-42)

Bitte umspielen Sie doch ein bisschen dieses altertümliche Wort. Von Ihren Eltern hören Sie: Not ist, dass wir für das Reich Gottes arbeiten, und Sie wissen dies durchaus zu würdigen. Aber was ist noch not?

Not ist,

  • dass ich meine Gefühle ernst nehme und wohlwollend auf meine Bedürfnisse achte,
  • dass ich eine Balance finde zwischen Anspannung und Entspannung, Belastung und Entlastung,
  • dass ich unter die Leute komme, dass ich auch mit Gleichaltrigen zusammen bin,
  • dass es genügend Raum gibt für Muße, Freude, Ausgelassenheit, Sport und Erotik,
  • dass ich mich genügend bewege, genügend Abwechslung ins Leben bringe, herumkomme und meinen Horizont erweitere.

Schauen Sie doch bitte, was Sie anspricht, was Sie unterstreichen möchten. Aber auch darauf, was Ihnen fehlt und was Sie ergänzen möchten. Vor allem aber, ob auf diesem Weg die eine oder andere Öffnung entsteht, die Sie bunter und reicher und jünger macht.

 

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