12.07.2000
Pokémon-Manie

Japanische Taschenmonster begeistern die Kinder

Jan geht meilenweit für Pikachu oder Glumanda. Das sind keine Zigarettenmarken. sondern - Eltern mit Kindern zwischen vier und zwölf Jahren wissen das - sogenannte "Pokémon", "Pocket Monster", gezeichnete, computeranimierte Wesen, die nach dem japanischen und amerikanischen nun auch den europäischen Nachwuchs begeistern.
Pokemon vor Weltkarte

Die Skepsis der Eltern kann sich zu heftigen Reaktionen steigern, wenn sie sich die Objekte der kindlichen Begierde näher anschauen: Was finden unsere Sprösslinge eigentlich an diesen Geschöpfen? Einige wie der gelb-pummelige Pikachu oder der fuchsähnliche Vulpix haben noch etwas Niedliches an sich. Viele andere aber sind hässlich, grotesk oder bedrohlich.

Das sollen sie auch sein. "Pokémon" wurden bewusst als Fantasie-Lebewesen geschaffen. die sich wie Insekten in verschiedene Formen weiterentwickeln kennen. Die höheren Formen sind kampfstärker. Zum Repertoire zählen neben Elektroschocks und Feuer auch Fähigkeiten wie mit "Silberblick" und "Energiefokus" zu kämpfen. 150 Formen von Pokémon gibt es.

Fantasiewelt eines Insektenforschers

Erdacht hat diese Fantasiewelt des Japaner Satoshi Tajiri, der in seiner Jugend einmal Insektenforscher: werden wollte. Der Spiele-Gigant "Nintendo" hat seine Ideen nach anfänglichem Zögern umgesetzt. Die Pokémon treiben es in allen Medien. Pikachu und Konsorten hüpfen, donnern und kämpfen in Gameboy-Spielen (in zwei Versionen), als Spielkarten und Sticker in verschiedenen Versionen. in einer Fernsehserie auf RTL 2, im Kinofilm und sogar in der altmodischen Form einer Zeitschrift. Kinder können dabei (beim Gameboy, aber auch mit den Karten) als eine Art "Trainer" der Pokémon auftreten, die ihre Schützlinge weiterentwickeln. sie in Kämpfen einsetzen und mit ihnen auf diese Weise Spiele gewinnen können.

Über Schulhöfe bis in Kindergärten

Auch wenn die Regeln und Abläufe sich einem begriffsstutzigen Erwachsenen nicht so leicht erschließen, ergeben sich doch viele Möglichkeiten. Die Pokémon-Manie fegt durch Deutschlands Schulhöfe bis hinein in die Kindergärten.

Allein die Gameboy-Edition ging seit Oktober über 1,3 Millionen Mal über den Ladentisch. Die Sammelkarten waren in den ersten Wochen hoffnungslos ausverkauft. Ist das Wahnsinn - oder eine ganz normale Welle, wie sie immer einmal wieder über die Kinder kommt?

In der Pokémon-Welt finden sich Muster, die auch früheren Spielwelten zu Eigen waren: etwa der Kampf Gut gegen Böse. Letzteres verkörpern ein obskures "Team Rocket" und das Pokémon Mewtu, das aus gentechnischen Manipulationen entstanden ist - die Fantasie Tajiris nimmt also auch aktuelle Ängste auf. Gegen den geklonten Mewtu tritt das geheimnisvolle Pokémon Mew an, um, wieder einmal, die Welt zu retten.

Neu ist der fast komplette Medienverbund, der aufgeboten wird, um die Kinder an diese Fantasiewelt zu fesseln und ihnen und damit letztlich den Eltern das Geld aus der Tasche zu ziehen Es zeigt, dass die Versuche einer global agierenden Spielzeugindustrie, auch die jüngste Generation an den Tropf ununterbrochenen Konsumierens zu schließen. in ein neues Stadium getreten sind.

Bedenklich erscheinen zwei typische Züge der Pokémon-Welt. Die Wesen selber können selten sprechen; die meisten bringen höchstens unverständliches Gestammel hervor - "Pika, pika" piept Pikachu.

Die wachsende Spracharmut unserer Zeit spiegelt sich im Gebaren der Nintendo-Monsterchen wider. Entscheidend bei Auseinandersetzungen sind nicht Worte, sondern die Strategie sowie vorher festlegende Eigenschaften wie die verschiedenen "Angriffsweisen".

Zerstörung und Aggression

Bedenklich ist deshalb die Fixierung auf das Kämpfen. Gewiss, zu allen Zeiten haben Kinder Kampfspiele durchgeführt, ihre Aggressionen ausgetobt. Aber bei den Pokémon wird der positive Begriff "Entwicklung" ausschließlich mit größerer Kampfkraft, also mit mehr Zerstörungs- und Aggressionsfähigkeiten gleichgesetzt. Schlichtere Gemüter könnten die Botschaft verinnerlichen: Du bist nur dann etwas, du giltst nur dann etwas, wenn du dich, wie auch immer, gegen möglichst viele durchsetzen kannst. Das widerspricht natürlich dem christlichen und genauso dem humanistischen Menschenbild.

Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass Pokémon so erfolgreich sind in einer Zeit, in der gebetsmühlenhaft "Durchsetzungsfähigkeit" und "Flexibilität" beschworen werden, so dass es auch schon in den Schülern und Schülerinnen in den Ohren klingt. Heißt es nicht, die Kinder leben unser ungelebtes Leben? Im Büro und am Konferenztisch wird korrekt in der Form, aber hart in der Sache gerungen - am Gameboy landet Pikachu einfach einen satten Donnerschlag.

Entscheidend beim Umgang mit den Pokémon wird, wie sonst auch, die Vorprägung des Kindes sein. Ist es schon etwas älter, kann es zwischen Fiktion und Wirklichkeit trennen. Ist es sprachlich gut entwickelt und widmen ihm die Eltern nach wie vor einen guten Teil ihrer Zeit, dann ist die Gefahr geringer, dass es völlig in dieser Welt aufgeht und ihre "Regeln" zu ernst nimmt. Leider gelten solche Bedingungen für viele Kinder in unserer Gesellschaft nicht mehr.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Religion & Erziehung

Mutter mit Kind beim Kerzen anzünden.
Jüngste Zahlen zeichnen kein schönes Bild: Immer mehr Menschen wenden der Kirche den Rücken zu, immer seltener geben Oma und Opa, Mutter und Vater ihren Glauben an die nachfolgende Generation weiter. Dabei kann es auch Eltern bereichern, mit Kindern über Gott zu sprechen. Und die brauchen, das sagt zumindest der Theologe Friedrich Schweitzer, religiöse Erziehung sogar, um gesund aufzuwachsen.
Sonntagsblatt