30.03.2008
Sonntagsblatt-Sprechstunde

Die 92-jährige Mutter wird immer schwächer. Darf ihre Familie sie zur Entlastung in die gewohnte Kurzzeitpflege geben, auch wenn sie befürchtet, die Mutter könnte gerade dann sterben? Pfarrerin Barbara Hauck antwortet.

Meine Mutter (92) ist seit 10 Jahren ein Pflegefall. Sie wird immer schwächer und nun kann sie schon lange gar nicht mehr reden. Wir pflegen sie bei uns zu Hause, am meisten Arbeit hat meine Frau mit ihr. Unsere Kinder (14 und 17) helfen mit, meine Schwester, die in der Nähe wohnt, kommt und hilft auch.

Eigentlich sind wir uns in der Familie einig, die Mutter einmal im Jahr in eine Kurzzeitpflege hier in der Nähe zu geben, damit wir mal ein wenig Pause haben. Urlaub kommt sowieso nicht mehr in Frage. Aber je älter und schwächer sie wird, desto mehr haben wir Angst, dass sie im Pflegeheim stirbt und dass wir dann nicht bei ihr sein können bzw. sie nicht zu Hause ist. Wir wollen doch alles für sie tun - aber zugleich ist es auch eine Belastung.

Herr T.

Seit 10 Jahren leisten Sie als Familie eine Pflege-Arbeit, die das ganze Familienleben prägt und bestimmt. Ich bin froh, dass Sie für sich wenigstens die Möglichkeit gefunden haben, Ihre Mutter einmal im Jahr in eine Kurzzeitpflege zu geben, wo sie gut und kompetent betreut wird. Damit haben Sie zunächst einmal einen guten Kompromiss gefunden in einem Dilemma, das Sie eindrucksvoll schildern.

Zu der Belastung gehört neben der Pflege auch die Tatsache, dass Sie nicht wissen können, wie lange Ihre Mutter noch lebt. Ihre Mutter ist in den letzten Jahren immer schwächer geworden, hat sich immer mehr von Ihnen entfernt; zugleich ist sie - das erleben viele pflegende Angehörige - als pflegebedürftiger Mensch ganz intensiv im Mittelpunkt, Gedanken und Gefühle drehen sich um sie. Das ist eine starke Bindung - obwohl es doch jetzt, am Ende dieses langen gemeinsamen Lebens, unabweisbar ums Loslassen geht. Auch das ist ein Dilemma. Und die Seele spürt das.

Ich möchte gerne Ihren Blick von der ungewissen Zukunft zurücklenken auf die Gegenwart. Versuchen Sie, innerlich einen Schritt zurückzutreten und - statt auf die fantasierte letzte Lebensstunde Ihrer Mutter - auf das Ganze der letzten Lebensjahre zu schauen, in denen es Ihre Mutter bei Ihnen gut gehabt hat und immer noch gut hat. Wie viel ist Ihnen allen zusammen gelungen!

Und vielleicht können Sie sich überlegen, wie Sie im Rahmen Ihrer Kräfte und Möglichkeiten die Beziehung jetzt gestalten können. Sie sind durch die Kurzzeitpflege ein paar Tage von der Rund-um-die-Uhr-Versorgung entlastet. Gestalten Sie die Zeit so, dass Sie selbst Kräfte sammeln für den Abschiedsweg, der vor Ihnen liegt.

Vielleicht können Sie in dieser Zeit sogar manchmal wie ein Gast ans Bett ihrer Mutter treten. Sie können Zeit mitbringen, die Sie im Pflegealltag sonst nicht haben. Genießen Sie, was dann möglich ist: am Bett sitzen, sich durch den Kopf gehen lassen, was Sie gemeinsam erlebt haben, wofür Sie ihr dankbar sind, was schön war. So schenken Sie Ihrer Mutter und sich selbst Lebens- und Abschiedszeit.

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