14.08.2016
Sonntagsblatt-Sprechstunde

»Ich fühle mich so alleine in diesem Sommer«, schreibt Frau S. »Ich kann mir keinen Urlaub leisten, muss aber meine freien Tage nehmen.«

Alle sind weg - ich fühle mich so alleine in diesem Sommer. Ich kann mir keinen Urlaub leisten, muss aber meine freien Tage nehmen. Ich kriege richtig Angst, wenn ich in meinen Kalender schaue. Niemand ist da, mit dem ich mich verabreden kann, ich muss aber auch nicht zur Arbeit ... Meine beste Freundin ist drei Wochen mit ihrem Mann und den Kindern an der Nordsee.
Das ist natürlich kein richtiges Problem, aber ich glaube manchmal, es gibt viele, denen es so geht, und keiner redet drüber. Alle sind in Ferienlaune, und jeder erzählt nur vom Urlaub. Daheimbleiben ist eine richtige Herausforderung.

Frau S.

Da liegt ein richtiges Sommerloch vor Ihnen. Ich finde schon, dass das zum Problem werden kann. Wenn ich Ihren Brief sorgfältig lese, sehe ich aber, dass Sie die allerwichtigste Ausstattung zusammenhaben, um heil durch die Ferienzeit zu kommen. Sie haben erkannt, dass Sie eine Struktur brauchen (auch wenn Sie Urlaub haben), dass Sie gerne mit anderen Menschen in Kontakt sind (auch wenn Ihre beste Freundin drei Wochen nicht da ist) und dass es Ihnen guttut, eine Aufgabe zu haben. Wie lässt sich das nun umsetzen?

Manche Menschen führen einen Ferienterminkalender und bereiten sich gerade auf die Ferienzeit sorgfältig vor. Vielleicht gibt es ja doch die eine oder andere Veranstaltung oder Verabredung, die Ihnen in den kommenden Wochen wichtig ist und die Sie bereits jetzt festhalten wollen.

Aber Sie können diese Sommerwochen auch ganz bewusst zu etwas Besonderem für sich selbst machen. Sie können zum Beispiel jeden Tag eine Stunde als neugierige Touristin durch Ihre eigene Stadt laufen und erkunden, was da zu sehen ist. Sie können mit dem, was Sie da erleben, ein Ferienbuch kreieren und jeden Tag eine Seite gestalten mit Bildern, kleinen Souvenirs, ein oder zwei Sätzen, die Ihre Entdeckung beschreiben.

Und Sie könnten Ihrer Freundin einmal in der Woche eine Postkarte schicken von einem besonders interessanten Ort, den Sie entdeckt haben. Aufgaben entdecken, ihnen Gestalt geben, davon weitererzählen: Ich bin sicher, es findet sich einiges, was Sie unter diesen Überschriften machen können.

Es gibt ein wunderbares Gedicht von Walt Whitman. Ich liebe es sehr, weil es mir die Augen öffnet für die ganz alltäglichen Wunder. Es ist dieses Jahr mein Sommergedicht:

Was mich betrifft, ich kenne nichts anderes als Wunder, / Ob ich durch die Straßen Manhattans gehe / Oder mein Blick über die Dächer zum Himmel schweift / Oder ich barfuß am Strand laufe, genau an der Wasserlinie, / Oder in Wäldern unter Bäumen stehe, / Ob ich am Tag mit jemand, den ich liebe, rede / Oder des Nachts im Bett mit jemandem schlafe, den ich liebe,

Oder mit den anderen zum Essen am Tisch sitze / Oder Fremde betrachte, die mir im Auto begegnen, / Oder an einem Sommervormittag die geschäftigen Honigbienen bei ihrem Stock beobachte / Oder Vögel oder das Wunder der Insekten in der Luft / Oder das Wunder des Sonnenuntergangs oder der Sterne - so leise / und hell schimmernd ...

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