23.02.2017
Reformationsjubiläum

Deftiges Glaubenssymbol: Die Luther-Wurst

Auch eine Wurst kann dazu dienen, den eigenen Glauben nachdrücklich zu bezeugen. So brachten Glaubensflüchtlinge aus Kärnten die "Lutherische" nach Schwaben.
Lutherwurst
Eine deftige, leicht geräucherte Wurst aus Schweine- und Rindfleisch: Das ist die »Lutherische«. Noch heute wird sie in einigen schwäbischen Metzgereien hergestellt.

Manche schwäbische Metzgerei zwischen Memmingen und Ulm stellt sie noch selbst her: die "Lutherische", eine deftige, leicht geräucherte Brühwurst, die auch "Balzheimer Wurst" genannt wird und aus Schweinefleisch und Rindfleisch hergestellt wird. Pfeffer, Muskat und Knoblauch gehören in die Wurstmasse, die in Schweinedärme eingearbeitet wird. Man serviert die Lutherische gern gesotten mit Sauerkraut, zu Linsen und Spätzle oder auch kalt mit derbem Bauernbrot. Und natürlich gehört auch ein Bier zur "Lutherischen Wurst". Aber was hat die Wurst eigentlich mit Luther zu tun?

Zwar wusste Martin Luther Würste durchaus zu schätzen und setzte sie sogar in seinen Tischreden als Glaubensgleichnis ein. Die Geschichte der "Lutherischen" in Schwaben jedoch begann im Dreißigjährigen Krieg. Damals legte die deftige Spezialität einen langen Weg von Kärnten über Baden-Württemberg nach Bayern zurück.

Weil zwei Drittel der Bewohner der Ulm unterstehenden Gemeinde Wain im heutigen Baden-Württemberg im Dreißigjährigen Krieg und in der Folgezeit durch Hunger und Seuchen ums Leben gekommen waren, hatte die Gemeinde 1650 nur noch 97 Einwohner. Daher entschloss sich der Rat der Stadt Ulm, Glaubensflüchtlinge in Wain anzusiedeln. Protestantisch mussten sie sein, das war Voraussetzung. Im habsburgisch-katholischen Kärnten und in der Steiermark waren die Gläubigen, die sich im 16. Jahrhundert der Lehre Luthers zugewandt hatten, im Januar 1651 vor die Wahl gestellt worden, entweder wieder katholisch zu werden oder die Heimat zu verlassen.

Von Wain über Balzheim nach Memmingen

Wie genau diese Protestanten davon erfahren hatten, dass sie in Ulm willkommen waren, bleibt im Dunkel der Geschichte. Doch bereits zu Pfingsten 1651 gab es in Wain fünf Konfirmanden aus Kärnten. Wohl etwa 300 evangelische Glaubensflüchtlinge waren von Kärnten und der Steiermark aus nach Wain eingewandert. Sie brachten das Rezept einer Kärntner Hauswurst mit, die sich dann mit den Zugezogenen von Wain aus nach Balzheim ausbreitete. Und weil man im bayerischen Memmingen gerne die Hausangestellten, Knechte und Mägde aus Balzheim holte, weil die evangelisch waren, kam die Wurst nach Memmingen. Dort bekam sie den Namen "Lutherische" und wurde so zu einem Glaubenssymbol.

Das traf freilich während der Reformation nicht nur auf die "Lutherische" zu. So berichtet der Vöhringer Pfarrer Jochen Teuffel von einem noch älteren Beispiel, wonach das Wurstessen zum Protest gegen die katholischen Fastengebote eingesetzt wurde. "In Zürich begann die Reformation am ersten Sonntag der Fastenzeit 1522 mit einem Wurstessen", erzählt Teuffel. Ehrbare Bürger hätten sich dazu im Haus des Druckers Christoph Froschauer getroffen und gemeinsam dünne Scheiben von Rauchwürsten gegessen.

Mit diesem offensichtlichen Verstoß gegen das kirchliche Abstinenzgebot zur Fastenzeit sollte demonstrativ evangelische Freiheit wider unbiblische Kirchengebote gezeigt werden. Der Schweizer Reformator Ulrich Zwingli veröffentliche kurz darauf seine Predigt "Von Erkiesen und Freiheit der Speisen".

In der Ersten Zürcher Disputation vom 29. Januar 1523 überzeugte Zwingli mit seiner These: "Kein Christ ist zu den Werken, die Gott nicht geboten hat, verpflichtet. Er darf also zu jeder Zeit jegliche Speise essen." Der städtische Rat habe daraufhin die kirchlichen Fasten- und Abstinenzgebote aufgehoben, erklärt Jochen Teuffel. Fortan sollte in Zürich allein die Bibel – in Zwinglis Auslegung – als Grundlage kirchlichen Lebens gelten.

Auch Luther war überzeugt, dass sich der Mensch nicht durch Fasten Gott gefällig machen könne. In einer seiner Tischreden benutzte er sogar einmal die Wurst, um zu erläutern, dass die Rechtfertigung des Menschen vor Gott keine Leistung des Menschen sei, sondern allein göttliche Gnade: "Es ist schwer, daß ein Mensch soll glauben, daß ihm Gott gnädig sei. Christus bietet sich uns an mit der Vergebung der Sünden, und wir fliehen vor seinem Angesicht.

So wie es mir, als ich noch ein Junge war, in meiner Heimat passierte, da wir (vor den Häusern) sangen, um Würste einzusammeln. Dort ruft ein Mann aus Spaß: Was macht ihr, ihr Buben? Und zugleich läuft er mit zwei Würsten auf uns zu. Da machte ich mich mit meinem Freund aus dem Staube und laufe davon vor einem, der sein Geschenk bringt. Geradeso geht es uns mit Gott. Er hat uns Christus gegeben mit allen seinen Gaben, und dennoch fliehen wir vor ihm und glauben, daß er unser Richter sei."

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