26.01.2012
Reformatorinnen

Argula von Grumbach: Reformatorin in Bayern

Auf Argulas Spuren: Eine Reise zu den bayerischen Wirkungsstätten der Mitstreiterin von Martin Luther.
Argula von Grumbach
Argula von Grumbach war eine protestantische Publizistin und Reformatorin. Heute erinnert die
Argula-von-Grumbach-Stiftung an die Reformatorin: Sie fördert die Gleichstellung von Mann und Frau in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Sie will die Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen im gesellschaftlichen und kirchlichen Kontext unterstützen.

Vor 500 Jahren sorgte die fromme Adlige Argula von Grumbach mit dafür, dass die Reformation in Franken und Bayern Tritt fasste. Wer mehr über sie wissen möchte, kann ihre Spuren nun leicht verfolgen. Die Frauengleichstellungsstelle der Landeskirche lädt mit einem Faltblatt ein zur Reise an die Wirkungsstätten der Mitstreiterin Luthers. Uwe Birnstein hat sich auf den Weg gemacht.

Hier fahre ich, ich kann nicht anders: Denn die 700 Kilometer des Argula-Wegs wie empfohlen mit dem Drahtesel zu bewältigen habe ich aufgegeben. Nicht nur wegen der Zeit, auch wegen der Berge. Denn der Weg führt von Hausham südlich Münchens bis Coburg. Eine steile Strecke. Also habe ich doch das Auto gewählt.

»Typisch protestantisch«, unkte mein katholischer Kollege, »ihr habt noch nicht begriffen, dass Pilgern auch mit Entbehrung und Schmerzen zu tun hat!« »Ich pilgere ja auch nicht«, entgegnete ich trotzig, »ich möchte sehen, staunen, lernen!« Also kurve ich auf vier Rädern durch die Bilderbuch-Landschaft Frankens, durchs Altmühltal, vorbei an Fachwerkhäusern und Wiesen.

Erste Station: Beratzhausen

Die Kirche mitten im Dorf ist katholisch, stellt sich heraus. »Zur Staufferin wollen Sie?« Die ältere Dame auf dem Supermarktparkplatz zeigt sich hilfsbereit und kundig. »Oben, bei der Erlöserkirche!« Baujahr 1971, ein Beton-Kirchturm ragt in den bayerischen Himmel. Und tritt doch in den Hintergrund. Denn davor steht Argula. Auf einem Sockel, wie es sich gehört für ein evangelisches Denkmal. Auf den ersten Blick könnte sie eine Heiligenstatue sein. Bei näherem Hinsehen nicht. Denn Argulas Blick geht nicht heilig-sehnsüchtig in himmlische Sphären. Ihre Augen blicken resolut in die Welt. Mit beiden Händen hält sie eine Bibel. Dieses Buch muss ihr wichtig gewesen sein.

Der Standort ist übrigens Heimspiel für Argula. Auf dem Berg, der Beratzhausen überragt, soll sie geboren worden sein, etwa im Jahr 1492. Dort finden sich heute nur noch die Ruinen der Stauffer-Burg Ehrenfels. »Für unsere evangelische Kirchengemeinde ist sie eine ganz wichtige Frau«, sagt Pfarrer Max Lehnert und erzählt, dass ausgerechnet ein katholischer Landrat die bronzene Argula-Statue gestiftet habe. Offenkundig fasziniert die couragierte Argula Katholiken wie Evangelische.

Hier in Beratzhausen soll ihr Vater der Zehnjährigen eine frühe deutsche Bibelübersetzung gegeben haben. Legenden mischen sich mit den Bruchstücken historischer Forschungen. Mönche sollen die junge Frau vor der Lektüre gewarnt haben. Fest steht: Früh verschaffte sich Argula einen eigenen Einblick in die Heilige Schrift, war nicht mehr angewiesen auf die Auslegungen der Priester und der Kirche. Bestärkt in ihrer Neugier und ihrem Wissensdrang, wurde sie in München von der gebildeten Herzogin Kunigunde. Sie hatte Argula von 1508 an am Münchner Herzogshof unter ihre Fittiche genommen.

Nächster Halt: Dietfurt

Am Fuße der schmucken gelben Stadtkirche enge Gassen. Hier, im Schatten des Turmes, erlebte Argula - frisch verheiratet mit Friedrich von Grumbach - von 1515 an ihre Familienjahre. Vier Kinder wurden geboren. Dietfurts Bürgermeister Stephan Franz, Katholik, ist stolz auf die prominente Tochter der Stadt. Sogar eine Straße im Neubaugebiet ist nach der Reformatorin benannt worden. Am katholischen Pfarrheim bezeugt eine Tafel: Hier stand früher das Schloss, hier lebte Familie von Grumbach. Hier las Argula die Schriften Martin Luthers und Philipp Melanchthons. Und sie gab den beiden Wittenberger Reformatoren recht: Die Kirche ihrer Zeit habe sich von der Botschaft der Bibel entfernt. Zölibat, Heiligenverehrung, Papsttum und klerikale Prasserei: Darüber steht nichts in der Heiligen Schrift.

Sendbriefe werden zu Bestsellern

Als 1523 in Ingolstadt ein 18-jähriger Student namens Arsacius Seehofer des evangelischen »Irrglaubens« bezichtigt wird, greift Argula selbst zum Griffel und liest den Granden der Universität, Politik und Kirche die Leviten. Ihre »Sendbriefe« werden zu Bestsellern der Reformation. Ein Titelbild zeigt Unerhörtes: Eine Frau belehrt vier Professoren - mit der Bibel in der Hand. Die Fränkin ist hart, aber nicht polemisch und fragt unnachgiebig: »Zeigt mir, wo es steht, Ihr hohen Meister, ich finde es an keinem Ort der Bibel, dass Christus noch seine Apostel oder Propheten jemanden eingekerkert, gebrannt noch gemordet haben oder das Land verboten.«

Auch Herzog Wilhelm, dem mächtigsten Mann Bayerns, hält sie beherzt die Sünden der Kirche vor. »Die Pfarren sind selten mit geschickten Leuten besetzt; man nimmt lauter Narren, die nichts können, wenn sie nur billig gedungen sind.« Argulas Ruf als mutige, fromme Frau breitet sich aus. In Dietfurt müssen sich Ehedramen abgespielt haben. Argulas Mann Friedrich blieb dem alten Glauben verhaftet, konnte seine aufmüpfige Frau aber nicht zurückpfeifen. Schließlich wurde er seines Amts enthoben.

Martin Luther beobachtet Argula von Grumbach

Aus der Ferne beobachtete Martin Luther das Schicksal Argulas. Sowohl aus deren Briefen als auch aus den Schilderungen anderer Reformatoren kann er erahnen, was sie zu erleiden hat. Einem Freund schreibt er: »Die edelste Frau Argula von Stauffen kämpft einen gewaltigen Kampf in diesem Land mit großem Geist und reich an Worten und Erkenntnis Christi. Sie ist wert, dass wir alle für sie beten, damit Christus durch sie triumphiere. Ihr Mann, schon von sich aus gegen sie ein Tyrann, wurde jetzt von der Präfektur vertrieben. Du kannst dir denken, was er tun wird. Sie lebt allein unter diesen Monstern - fest im Glauben, aber - wie sie selbst schreibt - nicht ohne Furcht des Herzens. Sie ist ein einzigartiges Werkzeug Christi. Auf dass Christus durch dieses schwache Gefäß vernichte die Mächtigen und Herrlichen!«

Nähe zu Luther

Die Nähe zu Luther rief die Altgläubigen gegen Argula auf den Plan. »Man heißt mich lutherisch«, entgegnete Argula, »ich bin es aber nicht. Ich bin im Namen Christi getauft, den bekenne ich, nicht Luther. Aber ich bekenne, dass ihn Martinus auch als treuer Christ bekennt.« Als Martin Luther im Juni 1530 in der Nähe war, besuchte sie ihn auf der Veste Coburg. Die beiden tauschten sich nicht nur über Glaubensthemen aus. Argula gab ihm Tipps, wie die daheimgebliebene Katharina von Bora ihre Tochter abstillen könne. Im selben Jahr erfuhr das Dietfurter Familienleben ein jähes Ende: Friedrich starb. Von nun an lebte Argula nach und nach in Zeilitzheim, einem der Grumbach-Schlösser.

Zeilitzheim

Nach zweihundert Kilometern Fahrt gen Nordwesten komme ich im schmucken Zeilitzheim an, kurz vor Schweinfurt. »Herzlich willkommen«, öffnet mir dessen heutiger Schlossherr Alexander von Halem die dicke Tür. Er hat das jetzige Schloss liebevoll zum Hotel und Kulturzentrum umgebaut. Ein barockes Kleinod mit Brunnen im Hof und efeubewachsenen Mauern.

Zimmer für Argula von Grumbach

Eines der Zimmer, Ehrensache, ist jener Frau gewidmet, die an diesem Ort vor rund 470 Jahren lebte. »Es gibt immer wieder mal Gäste, die gerade deswegen zu uns kommen, die das interessant finden oder die von der Argula wissen und deswegen uns finden und sich hier einbuchen«, erzählt Alexander von Halem. Und berichtet von neuesten archäologischen Entdeckungen. Es könnte sogar sein, dass Argula in der Gruft der Zeilitzheimer Kirche bestattet wurde.

Der 23. Juni gilt als Todestag; ob 1568 oder schon einige Jahre früher, ist umstritten. Im Heiligenkalender ist er nicht verzeichnet. Vielleicht lockt das Geburtstagswochenende dennoch viele Menschen in die eine oder andere Wirkungsstätte Argula von Grumbachs. Egal ob mit dem Fahrrad, Zug oder Auto. Nicht, um zu pilgern. Wohl aber, um sich mit dieser mutigen frommen Frau zu beschäftigen.

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