23.03.2018
Zukunft der Kirche

Neues vom PuK-Reformprozess "Profil & Konzentration"

Die bayerische Landeskirche verändert sich. Allein 2016 hat sie rund 48.500 Mitglieder verloren. Gründe dafür sind die demografische Entwicklung, aber auch die fortschreitende Säkularisierung der Gesellschaft. Andererseits gehören in Bayern immer noch rund 2,4 Millionen Menschen der evangelischen Kirche an – so viele wie im Jahr 1970. Während die Kirche damals nur 1.400 Pfarrerinnen und Pfarrer zählte, ist die Zahl inzwischen auf rund 2.400 angewachsen. Der Reformprozess "Profil und Konzentration" untersucht diesen Wandel – und möchte Anstoß geben für Veränderungen.

Veränderungen erfordern Mut. Und je mehr Menschen beteiligt oder betroffen sind, desto schwieriger wird es. Wohl jeder, der schon einmal umgezogen ist, kennt den körperlichen und emotionalen Stress, der damit verbunden ist. Andererseits birgt jeder Abschied auch die Chance zu etwas Neuem.

So geht es auch dem Reformprozess "Profil und Konzentration" (PuK) der bayerischen Landeskirche. Die jahrhundertealte Institution will sich neu ausrichten. Um diesen langen und mühsamen Weg zu bewältigen, ist sie angewiesen auf zielorientierte, verbindliche und unbeirrbare Moderatoren. Zeit also für ein Gespräch mit dem Kirchenjuristen Florian Baier und dem Theologen Thomas Prieto-Peral aus dem Projektteam "Profil und Konzentration". Denn über den Reformprozess wissen sie vermutlich mehr als jeder andere innerhalb der Landeskirche.

Infografik PUK 2018 - Teil 1

Im Frühjahr 2016 wurde auf der Synode in Coburg das Impulspapier zum Reformprozess "Profil und Konzentration" von der Begleitgruppe vorgestellt, im Herbst 2017 wurde ein Zwischenbericht vorgestellt. Demnach gab es verteilt über ganz Bayern bereits rund 150 Auftaktveranstaltungen für kirchliche Haupt- und Ehrenamtliche. Daneben wurden sechs Thinktanks gegründet, in denen Mitarbeiter und Ehrenamtliche regelmäßig über der Kirche der Zukunft brüten.

Reformprozess lebt von der Beteiligung

Doch worauf zielen all diese Aktionen? Es gehe darum, Kirche durch einen "positiven Impuls" weiterzuentwickeln, sagt Florian Baier. Dazu gehört zum Beispiel, die Attraktivität kirchlicher Berufe zu verbessern, erläutert Prieto-Peral: "Wenn es uns gelingt, das gesamte Personal vom Pfarrer bis zur Kindergarten-Leiterin zu entlasten, dann verändern sich die Berufsbilder zum Positiven." Konkret hieße das, die eigentlichen Aufgaben einer Berufsgruppe zu identifizieren und zu entscheiden, welche Bereiche wegfallen oder anderen Menschen übertragen werden können. Das aktuelle System führe dazu, dass mit immer weniger Personal immer mehr Zuständigkeiten abgedeckt werden müssten, so der Theologe. Daher wird in PuK-Veranstaltungen gefragt: Wo wollen wir zukünftig Energie hineingeben – und: was kostet uns viel Energie und kann womöglich wegfallen?

"Nicht jede Struktur der Kirche wird in Zukunft unverändert so bleiben, und manch Liebgewonnenes muss aufgeben werden. Viele Probleme von heute sind in die Jahre gekommene Lösungen. Aber es wird Neues wachsen, wenn wir uns trauen loszulassen." Thomas Prieto-Peral

Der Reformprozess soll möglichst viele Evangelische beteiligen, so das Projektbüro, und nicht – wie einige an der Basis befürchten – Entscheidungen aus der Führungsebene dem Rest der Landeskirche überstülpen. Es gehe um mehr als Ressourcenverteilung: "Wir müssen Debatten über Inhalte führen", betont Prieto-Peral, "über das, was uns bei der Arbeit wirklich umtreibt, beschäftigt und erfüllt. Was macht heute Gemeinde aus und wie bringen wir auf einfache Art Menschen mit Jesus Christus in Kontakt?"

Das PuK-Projektbüro gebe dabei keine Linie vor, sondern versteht sich als Ort des Austausches: "Hier werden Anfragen und Informationen gebündelt und an die entsprechenden Experten weitergeleitet", erklärt Baier.

Infografik PUK 2018 - Teil 2

Mitglieder diskutieren über die Zukunft der Kirche

Am Anfang des Reformprozesses standen die Informationsveranstaltungen. Seit September 2017 haben in diesem Rahmen mehr als 6.000 Haupt- und Ehrenamtliche über die Zukunft der Kirche diskutiert. "Uns war wichtig, dass in jeder Gemeinde, in jedem Dekanat deutlich wird, dass sich jeder Einzelne am PuK-Prozess beteiligen kann", erklärt Prieto-Peral.

Insgesamt sei die Bereitschaft, dem Prozess einen Erfolg zuzutrauen, mittlerweile größer geworden, nachdem am Anfang sehr deutlich die Skepsis überwog, schildert Prieto-Peral die Erfahrungen dieser Zukunftsworkshops. Skeptisch seien meist die älteren Hauptamtlichen, die schon diverse Reformprozesse erlebt haben und dabei wenig positive Veränderungen erfuhren. Das nehme er sehr ernst: "Es darf uns aber nicht davon abhalten, Veränderung zu wagen und mutige Entscheidungen zu treffen".

"Noch haben wir die Chance, Kirche zu gestalten. Wenn wir das nicht machen, werden veränderte Rahmenbedingungen wie Personal- und Mitgliederentwicklungen uns gestalten." Thomas Prieto-Peral

Infografik PUK 2018 - Teil 3

In einem zweiten Schritt wurden sechs Arbeitsgruppen gegründet. Diese beschäftigen sich mit den Themenfeldern "Kirche im Raum", "Gemeinde im Raum", "Geistliche Profilierung", "Kirche und Diakonie", "Vernetztes Arbeiten" und "Digitaler Raum". Jede Arbeitsgruppe besteht aus etwa zehn kircheninternen und -externen Personen, die von Landeskirchenrat und Landessynodalausschuss benannt wurden. 

Die Auswahl erfolgte nicht nach Proporz, vielmehr sollte sie "möglichst viele Arbeitsbereiche berücksichtigen", sagt Baier. Jede Gruppe könne aber bei Bedarf weitere Mitglieder benennen und Experten einladen. "Wie die Gruppen arbeiten, ist ihnen freigestellt", betont Baier. Manche Gruppen befassten sich mit "Good-Practice-Beispielen" aus anderen Landeskirchen, der öffentlichen Verwaltung oder Unternehmen, andere organisierten Treffen mit Haupt- und Ehrenamtlichen.

Infografik PUK 2018 - Teil 4

Dekanatsbezirke und Gemeinden beteiligen sich am Prozess

Einen weiteren wichtigen Baustein innerhalb des Prozesses bildet die enge Abstimmung mit den  sogenannten „Erprobungsdekanatsbezirken“, die im Rahmen der Landesstellenplanung mit PuK-Methoden arbeiten. Sie sind über ganz Bayern verteilt und wurden so ausgewählt, dass sie „die Vielfalt der landeskirchlichen Struktur abbilden“, erklärt Baier. Dazu gehören die Dekanatsbezirke Erlangen, Fürstenfeldbruck, Dinkelsbühl, Feuchtwangen, Wassertrüdingen, München-Ost, Nürnberg-Süd, Passau und Selb.

Die Verantwortlichen innerhalb dieser Bezirke sollen in einer Art Planspiel erkunden, wie eigenständig und flexibel Ressourcenplanung geschehen kann. Viele Dekanatsbezirke seien außerdem längst in Veränderungsprozesse involviert, die bereits vor Beginn von PuK angestoßen worden sind. Dazu gehören der Landesstellenplan 2020 ebenso wie die Frage nach dem Aufgabenbereich von Pfarramtspersonal oder die Immobilienplanung.

Infografik PUK - Teil 5

Wo Veränderung passiert, wird auch kritisiert

Natürlich gab und gibt es immer wieder Kritik an dem Prozess. Viele beklagten, der Reformprozess sei nur eine verkappte Sparmaßnahme. Der frühere Dekan Martin Ost aus Markt Einersheim bezeichnet PuK als einen weiteren "Prozess der Selbstbesinnung", dessen eigentlicher Zweck die "Kürzung von Stellen und Geld und die Neuverteilung von Aufgaben ohne Neuzuweisung von Möglichkeiten" sei. Andere bemängelten das Vorgehen der Kirchenleitung, die Zusammensetzung der Arbeitsgruppen, mangelnde Intransparenz oder die fehlende Berücksichtigung von bisherigen Analysen oder Experten.

Das Thema Kommunikation wurde offenbar bei dem gesamten Prozess tatsächlich etwas unterschätzt. So dauerte es mehrere Monate, bis endlich ein Projektbüro eingerichtet, eine Intranetseite aufgesetzt und ein Infobrief verschickt waren. Wie bei jedem Prozess lernten laut Baier alle Beteiligten dazu, und so soll es weitere Kommunikationsmaßnahmen geben, darunter ein Erklärvideo und eine eigene Webseite, die nicht nur für Kirchenmitglieder zugänglich ist.

Wie die Information aus den Arbeitsgruppen an die Öffentlichkeit gehen soll, ist ein weiteres Kommunikationsthema. Einerseits müsse jeder das Gefühl bekommen, mitgenommen zu werden, sagt Prieto-Peral. Andererseits müsse genau überlegt werden, welche Inhalte wann kommuniziert werden, damit nicht der Eindruck entstehe, dass unfertige Ideen, über die in den Arbeitsgruppen nachgedacht werden, längst beschlossen seien. "Bis Ende dieses Sommers werden die einzelnen Gruppen ihre Ergebnisse zusammenstellen, und dann gibt es für alle die Gelegenheit zur Debatte", verspricht Prieto-Peral.

Damit die Informationen rund um den Reformprozess auch in der kleinsten Einheit, den Kirchengemeinden, ankommen, wird derzeit ein Materialpaket für Kirchenvorstände erarbeitet. "Damit bekommt jede Gemeinde die Möglichkeit, sich zu beteiligen", sagt Baier.

"Wenn uns nicht gelingt, am Ende von PuK zu zeigen, dass eine Entlastung passiert, wenn uns nur noch mehr Arbeit aufgelastet wird, dann ist der Prozess schlicht und ergreifend gescheitert." Thomas Prieto-Peral

Herbstsynode soll erste Ergebnisse diskutieren

In noch einem weiteren Punkt wurde beim Prozess nachjustiert: Weil sich einige Themen überschneiden, die in den sechs PuK-Arbeitsgruppen behandelt werden, soll es nun Querschnittsveranstaltungen geben. Bereits am 24. Februar wurde bei einem Fachtag in Nürnberg über das Thema "Profil und Konzentration im ländlichen Raum" diskutiert. Am 11. Mai folgt eine Konsultation der landesweiten Dienste in Augsburg, am 22. Juni treffen sich in Nürnberg die Experten aus dem Bereich "Kirche und Diakonie". Geplant ist außerdem eine "akademische Konsultation" für den Hochschulbereich. Die Ergebnisse dieser Veranstaltungen werden ebenfalls in den  PuK-Prozess einfließen, so Baier.

Der enge Zeitplan, der bei der Synode in Coburg 2016 formuliert wurde, kann Baier und Prieto-Peral zufolge eingehalten werden. Auf der Herbstsynode im November 2018 in Garmisch-Partenkirchen sollen erste Ergebnisse und weitere Schritte diskutiert werden. Bis zur Sommerpause können die Arbeitsgruppen die letzten Rückmeldungen aus den Konsultationen in ihre Dokumentation einarbeiten. Im Frühjahr 2019 soll der Synode dann ein Gesamtbericht vorliegen.

Doch damit ist der Reformprozess nicht beendet. Denn anschließend bekommen alle Gremien, Institutionen und Organisationen die Gelegenheit, die Ergebnisse zu kommentieren. "An diesem Verfahren soll sich jede und jeder Evangelische in Bayern beteiligen können", betont Baier. Erst nach dem Beteiligungsverfahren können überhaupt konkrete Umsetzungsbeschlüsse zur Abstimmung entworfen werden. Diese Beschlüsse können konkrete Handlungsempfehlungen oder auch Entwürfe für die Änderung kirchlicher Vorschriften enthalten. Wie genau das aussehen soll, steht allerdings noch nicht fest.

Die Anspannung, die bei dem Projektbüro und allen Beteiligten zu spüren ist, wird also noch eine Weile anhalten. "PuK ist kein Top-Down-Prozess, sondern lebt von der intensiven Beteiligung", betont Prieto-Peral. Und Baier ergänzt: "Wir beobachten, dass sich in vielen Gremien das Gefühl und die Haltung zur Arbeit jetzt schon verändert – auch ohne Beschlüsse".

 

Infografik "Profil & Konzentration" PuK 2018

Kostenlose Infografik für den Gemeindebrief

Die Infografik "Profil & Konzentration" zum PuK-Prozess kann kostenlos abgedruckt werden. Sie kann als PDF oder als JPG-Bild heruntergeladen werden.

Thumbnail
Reformprozess Profil und Konzentration PuK / Infografik als PDF

Kirchlicher Reformprozess: »Profil & Konzentration« (PUK)

Die bayerische Landeskirche hat 2016 mit einem umfassenden Reformprozess begonnen. Unter dem Titel »Profil und Konzentration« soll bis 2022 die Kirche grundlegend umstrukturiert werden. Das Sonntagsblatt begleitet den Prozess mit einer Artikelserie. Verlinken Sie uns: Alle Artikel zum Thema »Profil & Konzentration« finden Sie unter www.sonntagsblatt.de/puk

Schreiben Sie uns Ihre Meinung zum Reformprozess: online@epv.de

Infografik zu den PuK-Arbeitsgruppen

Zu den sechs PuK-Arbeitspaketen sind jeweils Arbeitsgruppen gebildet worden. Sie sind als "ThinkTanks" konzipiert, in denen verschiedene berufliche, fachliche und persönliche Profile zusammenwirken. Ihre  Aufgabe besteht darin, den für das jeweilige Thema angemessenen Weg der gründlichen Beratung zu organisieren. Dazu können je nach Thema Expertenbefragungen, Workshops, Konsultationen und andere Formate dienen.

Worüber die Arbeitsgruppen diskutieren, haben wir hier zusammengestellt:

Weitere Artikel zum Thema:

Reformprozesses "Profil und Konzentration"

Martin Brons und Annette Lichtenfeld
Autor
Während sich vielerorts Kirchengemeinden und Geistliche in Bayern fragen, wie man die "Strategischen Leitsätze" des im März 2017 auf der Landessynode in Coburg angestoßenen kirchlichen Reformprozesses "Profil und Konzentration" (PuK) in die Tat umsetzt, bleibt man in Nürnberg gelassen: Vier Gemeinden der Innenstadt setzen schon seit rund zehn Jahren gemeinsame Konzepte in die Tat um.

Comments

Von Johann-Albrech… (nicht überprüft) am Donnerstag, Mai 10, 2018 - 18:43

Sie schreiben: "Während die Kirche damals (1970) nur 1.400 Pfarrerinnen und Pfarrer zählte, ist die Zahl inzwischen auf rund 2.400 angewachsen." Was soll dieser Zahlenvergleich? Damals gab es fast nur "ganze" Pfarrstellen! Heute gibt es neben 1,0 Stellen alle möglichen Teilstellen bis hinunter zu 0,12 Stellen. Es ist unfair "nur die Köpfe" zu zählen! Ehrlicher wäre es, alle Stellen zusammenzuzählen und die absolute Gesamtstellenzahl anzugeben. Dann schaut das Verhältnis 1970 zu heute wieder ganz anders aus.
Bitte serösere Statisken!
Sie schreiben: "Das Thema Kommunikation wurde offenbar bei dem gesamten Prozess tatsächlich etwas unterschätzt." Das ist wohl wahr. Haushaltsmäßig wurden ja schon Tatsachen geschaffen, obwohl der Meinungsbildungsprozess noch nicht abgeschlossen ist...

Von Rieke Harmsen am Dienstag, Mai 15, 2018 - 17:29

In reply to by Johann-Albrech… (nicht überprüft)

Hallo, 
 
vielen Dank für diese Frage. Die Redaktion hat im Projektbüro nachgefragt. Hier die Antwort von Thomas Prieto-Peral:
 
"Es ist richtig, dass der direkte Vergleich der Personenzahl im Pfarrdienst noch nicht präzise genug ist, Daher gebe ich Ihnen gerne einige detaillierte Zahlen. Der Vergleich mit dem Jahr 1970 ist interessant, weil die Landeskirche damals in etwa genauso viele Mitglieder hatte wie heute. Wir haben aus dem Jahr 1970 allerdings keine Stellenzahl, da es damals noch keine Stellenplanung im heutigen Sinne gab. Wir kennen aus diesem Jahr aber die Zahl der Pfarrer im aktiven Gemeindedienst. Es waren 1401. Andere Dienste sind zahlenmäßig nicht genau zu erfassen. Heute sind gut 2400 Pfarrerinnen und Pfarrer auf 2067 ganzen Stellen tätig (wenn man alle Voll- und Teilstellen zusammenrechnet). Diese Zahl verteilt sich auf  Stellen im Gemeindedienst (81%, 1675 Stellen), im Schuldienst (11%, 243 Stellen) und im allgemeinkirchlichen Dienst (alle weiteren Aufgaben von der theologischen Ausbildung über Spezialseelsorge bis zu theologischen Referaten und Beauftragungen, 8%, 150 Stellen).
 
Wenn man annimmt, dass die genannten Pfarrer in 1970 zu 100% im Gemeindedienst gearbeitet haben, dann sind seither mindestens 274 Stellen im Gemeindedienst errichtet worden. Das Verhältnis Gemeindeglieder zu Gemeinde-Pfarrstellen betrug 1970  1830 :1, heute beträgt es 1545 : 1 bei Gemeindestellen und 1222 : 1 bei allen Pfarrstellen. Diese Verhältniszahlen sollen nicht geändert werden und werden der neuen Landestellenplanung zugrunde gelegt.
 
Ich hoffe, diese Zahlen illustrieren die Entwicklung im Pfarrdienst besser. Die Zahlen sagen nichts über die Frage nach veränderten Belastungen im Pfarrdienst aus oder über die verschiedenen regionalen Entwicklungen in Bayern. Sie geben nur eine landesweite statistische Sicht wieder."

Von Katharina Hamel am Freitag, Juni 1, 2018 - 16:12

Lieber, geschätzter Herr Pietro-Peral!

Herzlichen Dank für Ihre Antwort und der Berichtigung des etwas schiefen Vergleichs 1970 zu heute. Ich kann mich noch erinnern, dass die Gemeinden in den 60er und 70er Jahren aufgefordert wurden, "um Pfarrer zu beten", weil es eben zu wenig gab. D.h. aber auch, dass damals schon Pfarrstellen vakant waren. Deshalb kann man davon ausgehen, dass es damals (wie auch heute) noch mehr Pfarrstellen gab und diese von den Nachbarpfarrern vertreten wurden. Ob damit die errechnete durchschnittliche Mitgliederzahl pro Gemeinde von 1970 zu halten ist ...?

Als ich 1985 meinen Dienst antrat, galt die allgemeine Devise: "Eine Gemeinde sollte mind. 1000 Mitglieder haben, um einen(ganzen) Pfarrer zu bekommen!" Ich höre heute, dass man nun von 1.500 Mitgliedern als Untergrenze ausgeht (Immerhin weniger als in den "Leuchtfeuern", die der ehemalige Ratsvorsitzende und Bischof Wolfgang Huber vorschlug!).

Kleinere Gemeinden hatten sich damals schon einen Pfarrer, eine Pfarrerin zu teilen, bzw. bekamen einen "Stellenteiler" ab. Manche Stellen wurden im Laufe der Zeit prozentual zu einer 100 % Stelle beschrieben. Das führte in vielen Fällen zu Überlastung von (Teilzeit-) Kolleginnen und Kollegen bzw. zu einer Unterversorgung der Gemeinde. Denn die Arbeit und die Anforderung (v.a. verwaltungstechnisch) blieben/bleiben ähnlich groß. Einen befriedigenden Lösungsweg sehe ich bis heute nicht.

Deshalb gestatten Sie mir eine gewisse Skepsis, wenn Reformvorschläge "von oben" kommen, die die Gemeinde bitte zu befolgen hätte. Im Laufe meines Dienstes in der Landeskirche habe ich kaum eine Gemeinde kennengelernt, die nicht schon (v.a. in den letzten beiden Jahrzehnten) von sich aus und ohne Direktive von oben (vielleicht unwissentlich?) PuK betrieben bzw. die von den Arbeitsgruppen theologisch gut formulierten Arbeitspakete geöffnet und die Entwicklungsfelder betreten haben:

Kirche und Gemeinde im Raum, geistliche Profilierung, (wieder) Zusammenarbeit von Diakonie und Kirche, vernetztes Arbeiten und Arbeiten im digitalen Raum. Natürlich ist noch vieles zu verbessern, aber die Gemeinden sind auf einem guten Weg!

Vieles geschieht ganz unverbindlich und eben nicht schriftlich! Ich verstehe, dass eine verfaßte und strukturierte Kirche gern alles schriftlich und in Verträgen hätte. Aber an der Basis haben wir gelernt, dass viel von Spontanität, Ideen und Improvisation abhängt  - und natürlich auch von Personen, die da miteinander arbeiten. Nun leben wir aber in einer Gesellschaft, die stark durch Fluktuation geprägt ist. Menschen sind nicht mehr Wohnort gebunden, sei es wegen der Arbeit, sei es aus familiären Gründen (eben auch die Pfarrer und Pfarrerinnen). Immer wieder neue Kombinationen der Zusammenarbeit tun sich auf. Papier würde da hemmen. Aber bei der finanziellen Grundsicherung der Gemeinden werden diese gefordert.

Manchmal drängt sich das Gefühl auf - Herr Pietro-Peral: Sie verzeihen mir das - , als ob die Landeskirche mit dieser "anarchistischen" Arbeitsweise der Gemeinden nicht zurecht kommt.

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