3.06.2012
Franziskanerpater

Richard Rohr: Letzte Vortragsreise nach Deutschland

Am 1. Juni 2012 wird der US-amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr in der Münchner Lukaskirche wahrscheinlich zum letzten Mal einen öffentlichen Vortrag in Deutschland halten. Das Thema: "Pure Präsenz - Was uns die Mystiker lehren". Die Rede dürfte eine Art "Vermächtnis" werden. Da Rohr nächstes Jahr 70 wird, will er künftig das Reisen drastisch einschränken und vor allem in seinem eigenen geistlichen Bildungshaus in New Mexico tätig sein.
Richard Rohr im Franziskaner-Habit.
Richard Rohr.

Vor genau 30 Jahren war er zum ersten Mal zu Gast im Land seiner Vorfahren, die aus der Bamberger Gegend stammten. Damals sprach er vor etwa 30 jungen Leuten im Nürnberger "Lorenzer Laden" zum Thema "Unterwegs zu einer neuen Kirche". Seither war er fast jedes Jahr in Deutschland und gefragter Referent bei fast allen evangelischen Kirchentagen. 26 seiner Bücher sind in deutscher Sprache erschienen, viele davon im evangelischen Claudius Verlag. Zum Katholikentag wurde er niemals eingeladen. Auch seine Vorträge und Seminare wurden fast ausschließlich von evangelischen Trägern organisiert.

Seine zentralen Themen waren und sind neben dem "Enneagramm" (einer Persönlichkeitstypologie, die Wurzeln im frühen Mönchtum hat) und christlicher Meditation und Kontemplation vor allem die Förderung und Erneuerung einer christlichen Männerspiritualität. Die Beobachtung, dass spirituelle Themen auffällig oft Frauen in der zweiten Lebenshälfte interessieren, führte ihn zur Frage, ob Männer anders glauben und eigene Zugänge zu Gott, Christus und Gebet brauchen. Der Erfolg gibt ihm Recht: Seine Männerbücher sind Bestseller, seine Männerarbeit ist weltweit einzigartig und global vernetzt.

Richard Rohr widmet sich Enneagrammen und Kontemplation

Ich habe Richard Rohr 1977 kennengelernt. Als Student unternahm ich damals zusammen mit einigen Freunden eine Studienreise in die USA, um die dort überall aufsprießenden jungen geistlichen Bewegungen kennenzulernen. Unsere erste Station war Cincinnati/Ohio. Dort hatte es 1971 - inspiriert von dem jungen Franziskanerpater Richard Rohr - eine geistliche Aufbruchbewegung junger Menschen gegeben. Schon bald entstand daraus die Laien- und Familienkommunität "New Jerusalem", die bis heute existiert.

Als erste europäische Besuchergruppe wurden wir mit offenen Armen aufgenommen, durften als Gäste in den Wohngemeinschaften der Gemeindemitglieder mitleben, die Gottesdienste mitfeiern und wie selbstverständlich an der Eucharistie teilnehmen: "Wenn ich Gäste habe, kann ich sie doch nicht vom Essen ausladen" - so "Father" Rohr. Er nahm sich viel Zeit für uns - als Gruppe, aber auch zum seelsorgerlichen Einzelgespräch. Diese vorbehaltlose Gastfreundschaft brachte unsere Vorurteile gegenüber dem Katholizismus im Nu zum Einsturz. Wir waren tief bewegt und erstaunt, dass es diese Art von Kirche tatsächlich gab.

Ich selbst blieb danach in brieflichem Kontakt mit dem charismatischen Franziskaner. Seine offene, väterliche Ausstrahlung faszinierte mich. Schon damals konnte er ohne Manuskript über fast jedes beliebige Thema druckreif reden oder schreiben und sein Publikum stundenlang fesseln. Seine Sprache hatte nichts Verstaubtes oder Klerikales, die alten christlichen Wahrheiten klangen und klingen aus seinem Mund frisch, überraschend und überzeugend. Er hatte und hat die Gabe, Dinge zu formulieren, die "man" irgendwie immer schon wusste aber so nie hätte ausdrücken können. Vor allem die Verbindung von einem ernsthaften Glaubens- und Gebetsleben und sozialer Weltverantwortung hat meine eigene Vision von Kirche imprägniert und geschärft.

Richard Rohr in den 1980er Jahren mehrfach verhaftet

Mehrfach wurde Rohr in den 80er-Jahren in den USA wegen zivilen Ungehorsams verhaftet. Ein Bild des Paters in franziskanischem Habit mit Handschellen ging um die ganze Welt. Eine Gruppe christlicher Aktivisten hatte in Washington im Kapitol öffentlich für Frieden und Gerechtigkeit gebetet. "Im Kapitol ist das Beten verboten!" hatte der Leiter des Sicherheitskommandos dreimal durchs Megafon gerufen - dann wurden Rohr und Hunderte Beterinnen und Beter abgeführt.

Schon in New Jerusalem war Richard Rohr aufgefallen, dass die Frauen in der Gemeinschaft, in der alle Leitungsämter von Anfang an von Frauen und Männern paritätisch besetzt waren, die Männer in vielfacher Hinsicht überflügelten. Die Emanzipation der Frauen warf die Frage nach der Rolle der Männer neu auf, auch die Frage nach einer spezifisch männlichen Glaubensweise - jenseits des Patriarchats.

Richard Rohr begann, sich mit den jungen Männern der Gemeinschaft gesondert zu treffen. Seine ersten Gedanken zu einer männlichen Spiritualität nahm er unter dem provozierenden Titel "The Wild Man" (Der wilde Mann) auf Band auf. Ich bat ihn um Erlaubnis, diese Gedanken in Buchform auf Deutsch zu veröffentlichen. Das Buch schlug ein und wurde über 100.000-mal verkauft. Fast über Nacht wurde Richard Rohr im deutschsprachigen Raum bekannt.

Richard Rohrs erfolgreichstes Buch "Das Enneagramm"

1986 verließ Richard Rohr "New Jerusalem" und gründete in Albuquerque/New Mexico das Einkehr- und Studienhaus "Center for Action and Contemplation", das er bis heute leitet. Weitere Veröffentlichungen folgten, vor allem das Buch "Das Enneagramm - die neun Gesichter der Seele", das wir beide gemeinsam schrieben und das allein auf Deutsch eine halbe Million Mal verkauft und in 16 weitere Sprachen übersetzt wurde. Zahlreiche Einladungen aus aller Welt folgten.

Vor allem Männer ließen sich immer wieder von seinen Ideen faszinieren. Ausgangspunkt seiner Männerspiritualität ist seine Beobachtung, dass viele Männer der westlichen Welt eine "Vaterwunde" mit sich herumtragen. Abwesende Väter, gefühlskalte Väter, vom Krieg traumatisierte Väter hinterlassen - so Rohr - ein Vakuum in den Söhnen. Das führt häufig zu einer Verunsicherung und verhindert eine im guten Sinne selbstbewusste und gesunde männliche Identität. Falsche Stärke und das übergroße Streben nach Bestätigung sind die Folge. Das hat auch Auswirkungen auf die Gottesbeziehung, in der sich häufig die Vaterwunde spiegelt. Auch Gott wird dann als kalt, fordernd oder abwesend erlebt.

Als junger Kaplan hatte Rohr bei Pueblo-Indianern gearbeitet. Dort war ihm aufgefallen, wie wichtig die "Initiationsriten" für pubertierende junge Männer sind. Sie verschwinden zusammen mit den älteren Männern eine Zeit lang im Wald, wo sie unter anderem in der Einsamkeit fasten und beten. Von den älteren Männern werden sie in die spirituellen Traditionen des Stammes eingeführt. Sie erhalten einen neuen Namen. Nach dieser Phase kehren sie als erwachsene Männer ins Dorf zurück und dürfen künftig an allen Entscheidungen des Männerrats teilhaben.

Richard Rohr am 1. Juni in München

Richard Rohr kam zu dem Schluss, dass eine ähnliche Erfahrung jungen Männern der westlichen Zivilisation fehlt. So entwickelte er eine fünftägige Seminarform für Männer, die er "Passage-Riten" nannte. Bis zu 150 Männer aller Altersgruppen kommen bei diesen Seminaren zusammen - meist in einer ländlichen Umgebung, in der Wüste oder im Wald. Durch Vorträge, Gruppenarbeit, Rituale, gemeinsames Trommeln und Zeiten der Einsamkeit und Meditation gehen sie einen Weg, den viele Teilnehmer im Nachhinein als überaus heilsam beschreiben. Sie finden dabei häufig einen tieferen Zugang zu sich selbst und auch einen neuen Zugang zu Gott.

Biblische Texte wie 1. Korinther 13 oder die Geschichte vom Verlorenen Sohn gehören zu den Leitplanken dieses Prozesses. Inzwischen hat Rohr viele Männer dazu ausgebildet, solche Initiationsriten selbst anzuleiten. In Deutschland ist es die Gruppe "Männerpfade", die jetzt unter dem Dach des evangelischen Spirituellen Zentrums St. Martin in München beheimatet ist, die alle zwei Jahre solche Tagungen organisiert - auch wenn der "Erfinder" sich jetzt zurückzieht.

Von konservativen katholischen Gruppen wurde die Rechtgläubigkeit Rohrs immer wieder angezweifelt, aber es kam bisher weder zu einer Verurteilung noch zu einem Lehrverbot. Richard Rohr ist im Grunde ein scharfer Kritiker der Amtskirche und dennoch ein loyaler Reformer. Bei aller Kritik am bestehenden kirchlichen System kann an seiner Rechtgläubigkeit kein Zweifel bestehen. Er ist von ganzem Herzen Christ und Franziskaner. Er hat eine hohe Wertschätzung für Martin Luther, dem er sich wesensverwandt fühlt. Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb ihn deutsche Protestanten so mögen und verstehen.

Auch wenn er künftig nicht mehr selbst nach Deutschland und Europa kommen wird - seine Ideen, seine Bücher und Menschen, die ihm begegnet sind, wirken weiter. Am 1. Juni kann man ihn in München noch einmal live erleben.

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Der Franziskanerpater, Mystiker und Erfolgsautor Richard Rohr im Interview mit dem Sonntagsblatt.
Richard Rohr wurde am 20. März 1943 in Topeka im ländlichen Kansas, also in den USA, geboren. Mit 14 ging er von zu Hause weg und zog nach Cincinnati. Dort trat er mit 18 in den Franziskaner-Orden ein. Er hat unzählige Bücher geschrieben und gilt heute als einer der bedeutendsten christlichen Mystiker und spirituellen Lehrer unserer Zeit. Der an Krebs erkrankte Theologe war noch einmal zu zwei Vorträgen in Bayern. Markus Springer hat ihn interviewt.
Sonntagsblatt