19.05.2013
Geist und Verstand

Was einen guten Geist ausmacht

Das Pfingstfest bringt Menschen in Bewegung. Das liebliche Fest, wie Goethe es nannte, lockt zu Wanderungen und Reisen, Motorradrennen und Kirchweihfesten, und es lockt zu mehr: Die Sehnsucht nach Leben, Bewegung und neuem Aufbruch teilt sich allenthalben mit.
Pfingsten

Die christliche Kirche feiert Pfingsten als Fest der Ankunft des Geists Gottes, und sie redet von Gottes Geist wie von Gott selbst. Aber es gibt sehr unterschiedliche Geister. Welcher ist der wahre? Enthusiasmus, Ekstase und Begeisterung an sich sind kein Ausweis für einen guten Geist. Menschen können besessen sein vom Geist der Selbstzerstörung oder der Gewinnmaximierung, es gibt den Geist der Machtbesessenheit und des Größenwahns, der Menschen und Leben verbraucht. Es gibt aber auch den Geist der Mutlosigkeit, Angst und Resignation. Der Geist Gottes ist die Kraft der Barmherzigkeit, mit der Gott sich im Tode Jesu Christi hingegeben und gegen Tod und Sünde, Lebenszerstörung und Lieblosigkeit durchgesetzt hat. Dieser Geist bewahrheitet sich im menschlichen Leben als Belebung, Ermutigung und Befreiung. … Und plötzlich nimmst Du die Fahrt wieder auf … So wirkt Gott.

Gottes Geist ist der »intimste Freund des gesunden Menschenverstands«. Er orientiert nicht diffus und aufgeregt, sondern nüchtern und klar. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählt das so: Der Geist öffnet die Augen dafür, Not zu sehen und rasch entschieden das Not-Wendende zu tun mit Verstand, Plan und Liebe.

Terminklau aus dem Judentum

In den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche wurde die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten als eine Festzeit gefeiert, in der die österliche Überwindung des Todes und die Gegenwart Gottes mit der Ankunft des Geists vergegenwärtigt wurden. Die Termine waren vorgegeben durch die jüdischen Feste, das Passa-Massot-Fest und am 50. Tag danach das jüdische Wochenfest (Shavu'ot). So knüpfte die christliche Gemeinde an ihre Ursprünge im Judentum an.

Der Autor der Apostelgeschichte erzählt, dass der Geist Gottes in Jerusalem Menschen, die aus aller Welt zum Fest versammelt waren, in wunderbarer Weise überfiel und wirkte, dass sie einander verstehen konnten. Diese Geisterfahrung war vielen Beobachtern nicht eindeutig. Sie hielten die Begeisterten für betrunken. Erst die Predigt des Petrus schaffte Eindeutigkeit. Der Pfingstgeist bezieht Menschen auf Jesus Christus und teilt ihnen vom Geist des Erbarmens mit. So entsteht Kirche.

Der Geist schafft Leben, Wachstum und Beziehungen buchstäblich aus nichts, wie einst der Geist über den Urwassern, wie all Morgen neu der Menschen belebende Geist. Er ist nicht immer ein Geist des Erfolgs, aber er ist lebensförderlich, er schafft neue Herzen. Er hegt und pflegt gerade auch die, die nicht stark und fit sind, »das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.« So stellt er sich dem Zeitgeist entgegen.

Fest der Gemeinsamkeit

Das liebliche Fest lädt zu Freude ein, es gibt die Chance, den Alltag zu unterbrechen. Freude ist die unverfügbare, heitere Stimmigkeit, von der ein Fest lebt, bei dem Menschen aufeinander zugehen und aufeinander eingehen. Pfingsten ermutigt zum Aufbruch, um aller Welt vom Geist Gottes mitzuteilen. Der Geist durchbricht fest gefügte Besitz- und Habementalität, er teilt Brot und Wasser, Leben und Liebe in aller Welt, denn er hat ein Gespür für die Bedürftigkeit der Menschen.

Der Geist Gottes ist der Geist der Freiheit, er überwindet Angst und Abhängigkeit. Menschen erhalten im Geist Anteil an der Macht der Liebe Gottes. So werden sie wahr und geraten in Bewegung, mitunter in geradezu stürmische Pfingstbewegung.

In der alten Pfingstinvokation wird darum gebetet: Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe.

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Sonntagsblatt