14.08.2016
Paradies

Wissenschaftler suchen biblischen Garten Eden

Seit Anbeginn des Christentums versuchen Menschen, den Garten Eden zu finden. Die UNESCO hat das Al-Ahwar-Marschland im Südirak zum Welterbe erklärt. Mittelalterliche Weltkarten haben das Paradies fest verortet, und einige Wissenschaftler glauben, den Garten Eden wiederentdeckt zu haben. Gab es das Paradies also tatsächlich?
Baum Sonne Garten

Als Kolumbus vor mehr als 500 Jahren Amerika entdeckte, stand für ihn fest: Das Paradies kann nicht mehr weit sein. Immerhin wähnte sich der Seefahrer im Osten - die Weltkarten seiner Zeit verzeichneten allesamt das Paradies am äußersten östlichen Rand der Erde.

Nicht nur für die Seefahrer des ausgehenden Mittelalters war die Vorstellung, das Paradies wiederzufinden, Antrieb für ihre todesmutigen Entdeckungsreisen. Die Suche nach dem Garten Eden zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der abendländischen Kultur. Der Mythos vom Paradies fasziniert die Menschen - das Leben im Überfluss, frei von allen menschlichen Mühsalen, Schmerzen und Tod. Und schließlich liefert die Bibel auch konkrete Hinweise auf den Ort, an dem sich das einstige Paradies befunden haben soll - der Hauptanhaltspunkt für alle, die im Garten Eden mehr als nur einen Mythos sehen.

Die Angaben der Genesis lassen sich lesen wie die Koordinaten zu einem realen Ort. Es werden dort vier Flüsse genannt. Euphrat und Tigris sind heute noch bekannt. Und auch das Reich Assyrien kennen wir als den nördlichen Teil des alten Mesopotamiens - ein fruchtbares Gebiet zwischen Ost-Türkei und Persischem Golf, an das heute die Länder Syrien, Iran, Irak und Kuwait angrenzen. Mit den anderen Angaben wird es schwierig: Die Flüsse Gihon und Pischon sind heute in Vergessenheit geraten, auch das Wissen um die Lage des Lands Kusch und des Lands Hawila ist verschüttet.

Paradise Lost?

Während die Juden Spekulationen um die Lage des Paradieses aus Angst vor Anbetung oder Pilgertum vermieden, stellten bereits die ersten Christen Überlegungen zur Lage des verlorenen Paradieses an.

Schon im Altertum fingen die Gelehrten an, die Ortsangaben aus der Genesis zu übertragen: Den ersten Versuch unternahm der Geschichtsschreiber Flavius Josephus im 1. Jahrhundert. Er deutete den Pischon als den indischen Fluss Ganges und den Gihon als Nil. Eine klare Ortsbestimmung des Gartens Eden konnte der Gelehrte jedoch nicht geben.

Im 5. Jahrhundert nach Christus inspirierte vor allem die Lehre des Kirchenvaters Augustinus spätere Paradies-Sucher, den Garten Eden zu lokalisieren.

Während Augustinus selbst die genaue Lage des Gartens als zweitrangig erachtete, lieferte die altlateinische Übersetzung des hebräischen Texts des Buchs Genesis, die "Vetus Latina", die Grundlage für zahlreiche Lokalisierungsversuche des irdischen Paradieses. Dort wird der Garten Eden "gegen Osten hin" beschrieben. Die meisten Lokalisierungsversuche konzentrierten sich daher auf die Gegenden in Asien und Indien.

Einer der bedeutendsten Gelehrten des Frühmittelalters, der angelsächsische Benediktinermönch Beda Venerabilis, vermerkt in einer seiner Schriften, dass das östliche Eden vom Rest der Welt durch eine weite Land- und Meeresfläche abgetrennt sei und so hoch liege, dass es die Sintflut im Gegensatz zur gesamten übrigen Erde verschont habe.

Das Paradies war ein real existierender Ort.

Darin waren sich die mittelalterlichen Gelehrten einig. So folgten gemäß den mittelalterlichen Gelehrten auch die Weltkarten dem gleichen Schema: Jerusalem war das Zentrum der Welt, das Paradies lag ganz im Osten.

Mit den Entdeckungsreisen der Seefahrer wurde die Erde mehr und mehr erschlossen. Ende des 15. Jahrhunderts verschwand der Garten Eden komplett von den Weltkarten. Dies lag jedoch nicht nur an den zunehmenden geografischen Kenntnissen, sondern entstammte vor allem auch einer theologischen und geistesgeschichtlichen Wende: Das Paradies wurde in eine transzendentale Sphäre verlagert. Die Suche nach dem Garten Eden sollte aber nicht abbrechen.

Mitte des 19. Jahrhunderts rücken Archäologen erstmals ins Zweistromland vor - in die Region, die die Genesis beschreibt. Die Ausgräber stoßen auf Zeugnisse einer 3000 Jahre alten Kultur: In den Ruinen von Babylon, Ninive und Assur, den früheren Zentren des Morgenlands, entdecken sie die Wurzeln der Bibel. Die Ausgräber stoßen auf steinerne Tiermenschen, die "Karibu", die auf Plaketten als Wächter des "Lebensbaums" dargestellt sind - wie die Cherubim aus der Bibel. Die bislang älteste bekannte Darstellung von einem Mann und einer Frau, die vor einem Baum stehen und von einer Schlange verführt werden, ist ein 4000 Jahre altes Rollsiegel aus jener Region.

Eine neue Fährte: das Gilgamesch-Epos

1853 entdeckt der Syrer Hormuzd Rassam die ersten Fragmente des Gilgamesch-Epos. Die Keilschriften gelten bis heute als die ältesten schriftlich fixierten Dichtungen - und als Quelle der Genesis.

Das Epos erzählt von König Gilgamesch und seiner Suche nach dem ewigen Leben. Nach langer Fahrt erreicht er einen wunderschönen Park. Danach erfährt er, wo die Pflanze der Unsterblichkeit wächst. Kaum hat er das Kraut in seinen Besitz gebracht, entwindet es ihm - eine Schlange!

Die Keilschriften berichten weiter von einem Gott Enki, der den Menschen aus Ton formen lässt, und einer Sintflut, die der Held im selbst gebauten Schiff überlebt. Das sumerische Wort "Edin", das mit Steppe übersetzt wird, ist wahrscheinlich die Vorlage für das hebräische Wort "Eden". Wie man heute annimmt, haben die Juden ältere religiöse Stoffe aus dem Zweistromland mit neuer theologischer Wendung in ihre Schriften einfließen lassen.

Die Entdeckung des Gilgamesch-Epos ist für viele Christen ein Schock, nimmt sie doch den Offenbarungscharakter des Alten Testaments. Der Assyrologe und Kritiker des Alten Testaments Friedrich Delitzsch ging sogar so weit, in einer Rede im Jahr 1902 Mose als "eifrigen Kopisten" zu bezeichnen.

Ansichten eines Ägyptologen

Einen aufsehenerregenden Befund lieferte kurz vor der Jahrtausendwende der britische Ägyptologe David Rohl. Der früheren Annahme, bei dem in der Bibel genannten Land "Kusch" handle es sich um das alte Königreich der Nubier südlich des Landes der Pharaonen, dem heutigen Sudan, widerspricht der Professor an der Oxford-Universität. Mit den Koordinaten früherer Wissenschaftler würde ein viel zu großer Bereich vom Nil bis an den Ganges als Paradiesgarten beschrieben.

Für Rohl spielt eine entscheidende Rolle die zeitliche Einordnung: So muss der Garten Eden in einem Zeitraum existiert haben, als der Mensch sesshaft wurde und das Leben als Jäger und Sammler hinter sich ließ. Der Sündenfall von Adam und Eva und deren späteres Leben als Ackerbauern markierten für ihn diese Zeitenwende. Die sogenannte neolithische Revolution ereignete sich etwa 10 000 Jahre v. Chr. - eine Zeit, die sich mit den ersten Funden der sumerischen Frühkultur deckt.

Für Rohl der Beweis, dass sich in jener Gegend das einstige Paradies befunden haben muss. Auch der heute in der Türkei gelegene Berg Ararat, an dem einige auch den Landeplatz der Arche Noah vermuten, ist für Rohl wie für frühere Paradies-Sucher ein zentraler Anhaltspunkt. Der Fluss Aras, der den Ararat nördlich passiert, war noch bis im 7. Jahrhundert n. Chr. unter dem Namen "Gyhun" bekannt, dem längst vergessenen Fluss "Gihon", von dem die Genesis berichtet.

Als Schlüssel zum früheren Garten Eden dienen Rohl die geografischen Angaben des frühsumerischen Enmerkar-Epos, das die Reise eines Gesandten zum König nach Aratta erzählt. Aratta wird als überaus reiches Land hinter sieben Gebirgszügen beschrieben - für Rohl nichts anderes als das frühere Paradies: die heutige Stadt Täbris in der iranischen Provinz Ost-Aserbaidschan.

Kritik an David Rohls Theorie

Hauptkritikpunkt an Rohls Theorie ist, dass er außer Acht lässt, dass die Sumerer sehr wohl eine bestimmte Landschaft kannten, die sie Gu-an Eden nannten - ein Name, der sehr an das hebräische Gan Eden (Garten Eden) erinnert. Im Sumerischen wird Edin/Eden wie gesagt schlicht mit Steppe übersetzt. Diese Landschaft lag jedoch nicht am Urmiasee, wo sie Rohl verortet, sondern am Rande Südmesopotamiens (siehe Karte).

Weiterer Kritikpunkt: Rohls starke Ausrichtung am Berg Ararat. Der deutsche Alt-Orientalist Manfried Dietrich glaubt nicht an die "Ararat-Hypothese". 30 Jahre lang beschäftigte sich der heute 81-jährige Alt-Orientalist und evangelische Theologe mit dem Paradies und seiner Verortung. "Mein Hauptargument gegen den Blick auf den Ararat - die Berge habe ich gerne bereist - ist, dass im Altertum ein derart weit entfernter geografischer Raum allenfalls schemenhaft bekannt war. Und dazu passen nicht die äußerst präzisen Angaben im Genesis-Bericht, die offensichtlich ins nachbarliche Elam mit dem östlich angrenzenden Zagros-Gebirge reichen."

Dietrich ist sich auch sicher zu wissen, wo der Garten Eden einst gelegen hat. Seiner Forschung nach muss der Paradiesgarten die Tempelanlage von Eridu im heutigen Irak gewesen sein. Dietrich stützt seine These darauf, dass auch in der älteren Mythologie des Zweistromlands der Tempelgarten als exklusiver Bereich der Götter bei der Erschaffung der Menschen eine Rolle spielt - was Dietrich in die irakische Stadt Eridu geführt hat.

"Forscher entdecken Garten Eden"

Diese Meldung machte vor sieben Jahren Schlagzeilen. Göbekli Tepe, der "Nabelberg" in Südost-Anatolien nahe der heutigen Stadt Sanliurfa, soll das biblische Paradies sein. Göbekli Tepe gilt als die älteste von Menschenhand erschaffene Kultstätte und wird auf ca. 7000 bis 10 000 Jahre v. Chr. datiert. 2014 der Sensa­tionsfund: eine Plakette mit einem nackten Paar, einem Baum und einer Schlange. Der heutige Chef-Ausgräber Lee Clare relativiert dagegen die These von Göbekli Tepe als Garten Eden.

"Als Wissenschaftler gehen wir grundsätzlich nicht davon aus, dass es das Paradies tatsächlich gegeben hat", lautet seine Begründung. Die Archäologen gingen davon aus, dass es sich um einen Mythos und um keinen real existierenden Ort handle.

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