19.04.2018
Interreligiöser Dialog

Der Pfarrer und Islamwissenschaftler Thomas Amberg leitet die "Brücke" als Einrichtung der bayerischen Landeskirche in Nürnberg. Die "Brücke" (türkisch "Köprü") ist ein einzigartiger Lernort der christlich-muslimischen Bildungsarbeit. Und nach 25 Jahren werden die geistlichen Reisen, auf die sich Christen und Muslime begeben, immer bunter. Wohin diese führen sollen, weiß Reiseleiter Thomas Amberg.
Thomas Amberg, Leiter der »Brücke« in Nürnberg, genießt seinen türkischen Tee auf einem orientalischen Sofa und syrischem Inventar.
Thomas Amberg, Leiter der »Brücke« in Nürnberg, genießt seinen türkischen Tee auf einem orientalischen Sofa und syrischem Inventar.

Wie schmeckt Ramadan?

Und das hier ist also die "Brücke"?" Wie ein Ort, an dem religiöser Dialog zwischen Christen und Muslimen stattfindet, sieht es im oberen Geschoss der Evangelischen Familienbildungsstätte in Nürnberg eigentlich nicht aus. "Die Brücke ist an sich unsichtbar. Sie entsteht aber zwischen den Menschen, die hier zusammenkommen", sagt Pfarrer und Islamwissenschaftler Thomas Amberg. Das tun Anhänger christlicher Kirchen und die der verschiedenen islamischen Gemeinden in dieser bayernweit einzigartigen Einrichtung der evangelischen bayerischen Landeskirche hier beinahe täglich im christlich-muslimischen "Vereinsheim". Und das schon seit 25 Jahren.

Thomas Amberg weiß, dass der Nürnberger Stadtteil Gostenhof wegen seines hohen Anteils an Muslimen gerne scherzhaft "Gostanbul" betitelt wird. Und kann selbst darüber lachen. Vielleicht gerade weil er in regem Austausch mit den Menschen aus den Moscheegemeinden steht, die in der Nürnberger Südstadt ihre Einrichtungen haben und die sich vielleicht untereinander eher aus dem Weg gehen, in der "Brücke" aber anscheinend doch neutralen Boden finden. Bei Diskussionsveranstaltungen zu Fragen wie "Glauben wir an denselben Gott?" ebenso wie bei "Speise-Reisen" unter dem Motto "Wie schmeckt der Ramadan?".

Wanderer zwischen den religiösen Welten

Das Halbjahresprogramm mit den Veranstaltungen zum Jubiläum liest sich jedenfalls beachtlich. Eine Hälfte ist in türkischer Sprache geschrieben, die Amberg ebenso lesen kann. Um besser türkisch zu sprechen, nimmt er derzeit Sprachunterricht – beim Döner-Wirt um die Ecke. Den besten Kaffee weit und breit trinkt er regelmäßig bei einem seiner "Kollegen", dem Imam einer albanischen Moschee ganz in der Nähe. Amberg ist mittendrin im christlich-muslimischen Leben. Und weiß, dass er in keiner Scheinwelt lebt. "Wir müssen weiterdenken, in Richtung eines interreligiösen Lehrhauses der Religionen", zeigt sich Amberg im Jubiläumsjahr kritisch.

In der "Brücke" begegnen sich regelmäßig "Wanderer zwischen den Welten": Menschen, die auf der Suche nach ihrer eigenen Religiosität sind, missionarisch Beflissene, an anderen Weltanschauungen Interessierte. Im Lauf der Jahre seien Freundschaften gewachsen. Frauen suchen sich Refugien in entsprechenden Gruppen. Andere haben einen deutschstämmigen, christlichen Partner und wollen ihn und seine Religion besser verstehen lernen – wenn es beispielsweise um die Erziehung der gemeinsamen Kinder geht. Dabei wollen Amberg und seine Mitarbeiter bewusst nicht im klassischen Sinn missionieren. "Wir verstehen darunter den Dialog zwischen religiös interessierten Menschen. Für viele Muslime ist ihr Glaube ähnlich wie bei vielen Christen lediglich einer der Faktoren, die ihr Leben kennzeichnen", meint Amberg.

Fragen nach der verfassungsgemäßen Form des Islam

Das war 1993 noch anders, als die "Brücke" im Sinn eines Zeugnisdiensts unter Muslimen durch das finnische evangelisch-lutherische Missionswerk in Helsinki gemeinsam mit dem Missionswerk Neuendettelsau und der Nürnberger Kirchengemeinde St. Johannis als "Begegnungsstube" vom damaligen Nürnberger Dekan Johannes Friedrich eingeweiht wurde. Seit 2008 ist das Dekanat Nürnberg vor Ort Träger.

Im Lauf der Zeit hat sich die Einrichtung immer wieder konzeptionell weiterentwickelt, nicht zuletzt durch die Fluchtbewegungen der letzten Jahre. Zu Begegnungen mit Muslimen kommen solche mit Aleviten, Alawiten und Jesiden hinzu. Da muss es Thomas Amberg doch den Magen herumdrehen, wenn er derzeit die Diskussionen um die Frage verfolgt, ob der Islam zu Deutschland gehöre? "Wenn die Auseinandersetzung dazu führt, dass wir die drängenden Fragen nach der verfassungsgemäßen Form des Islam und die Teilnahme von Muslimen an unserer Gesellschaft konstruktiv lösen, dann hat sie auch etwas Positives", erwidert Amberg. Dazu müssten aber noch viele Brücken gebaut werden – zwischen Christen wie Muslimen gleichermaßen.

 

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