1.02.2017
ZEITZEICHEN

Schluss mit der To-go-Kultur

Einfach einen Kaffee-To-Go unterwegs schnappen - klingt lecker, produziert aber Tonnen an Müll. Schon zu Luthers Zeiten war dieses Laster bekannt.

Immer wieder verschwinden Worte aus unserem Sprachschatz. »Laufkundschaft« zum Beispiel ist einer dieser vom Aussterben bedrohten Ausdrücke. Schuld daran ist nicht etwa der Internethandel, der dazu verführt, sich die ganze Warenwelt ins traute Heim zu holen. Bereits ein beiläufiger Blick auf die Einkaufsstraßen der Städte zeigt: Hier ist immer noch genügend Laufkundschaft unterwegs.

Die aber wird schon seit Langem umworben mit Produkten »to go«, was für deutsche Ohren womöglich sinnlicher klingt als »Waren zum Mitnehmen«. Natürlich ist es müßig, diese Straßenkultur mit ihren Anglizismen als Sittenverfall zu beklagen. »to go« funktioniert, weil es die Beschleunigung unserer Lebenswelt unterstützt, so wie Amazon funktioniert, weil es das, was wir haben wollen, schnell liefert und, wenn wir es dann doch nicht haben wollen, unkompliziert wieder
zurücknimmt.

Eine Folge: Riesige Mengen an Verpackungsmaterial reisen um die Welt. Fast drei Milliarden Kaffee-Einwegbecher werden in Deutschland jährlich von der To-go-Kultur verbraucht. Tendenz steigend. Kein Wunder, dass die Verpackungsmüllberge rapide wachsen. Nicht zuletzt deshalb wurde in Frankreich im vergangenen Jahr ein Gesetz verabschiedet, das Plastikgeschirr und To-go-Becher ab 2020 völlig verbietet.

Sollte der Kampf gegen den Mitnehm-Müll wirklich erfolgreich sein, endet ein erstaunlich langer Abschnitt der Geschichte der Wegwerfkultur. Archäologen haben kürzlich auf dem Wittenberger Schlosshof Schichten von zerbrochenen Ton-Trinkbechern aus der Lutherzeit gefunden. Vor gut 500 Jahren gehörte es in adeligen Kreisen bei Gelagen zur guten Sitte, seinen Wein nur einmal aus demselben Becher zu trinken. Danach wurde ein neuer gereicht. Der alte landete auf dem Schlosshofpflaster.

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Sonntagsblatt