11.12.2016
Verfolgung im Nationalsozialismus

Auschwitz-Überlebende spricht mit Schülern

45554 ist die Nummer, die Batsheva Dagan auf ihrem linken Oberarm trägt. Tätowiert in Auschwitz. "Ein Anagramm, eigentlich eine Glückszahl, oder?", lächelt die 91-Jährige die Gymnasiasten an, die ihr im Doku-Zentrum auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände lauschen. Sie sollen in den kommenden Wochen lernen, anderen Schülern die Geschichte des "Dritten Reiches" näherzubringen. Und wer könnte dabei eine bessere Lehrerin sein, als eine Holocaust-Überlebende?
Die Holocaust-Überlebende Batsheva Dagan vor Schülern des Martin-Behaim- sowie des Albrecht-Dürer-Gymnasiums Nürnberg im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände.
Batsheva Dagan vor Schülern des Martin-Behaim- sowie des Albrecht-Dürer-Gymnasiums aus Nürnberg. Die Auschwitz-Überlebende zeigt selbstbewusst die Nummer, die ihr im Konzentrationslager tätowiert wurde.

Die tätowierte Ziffer sollte Batsheva Dagan zur Nummer machen, entmenschlichen, in den maschinellen Vernichtungsprozess des Konzentrationslagers eingliedern. Die 1925 in Lodz geborene Kinderpsychologin trägt sie heute als ein ewiges Mahnmal mit sich, aber auch mit einem gewissen Stolz.

"Ich habe überlebt, bin ein Happy End", ruft sie den Nürnberger Schülern des Martin-Behaim- sowie des Albrecht-Dürer-Gymnasiums zu, die Dagan mit Astrid Betz, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Memoriums Nürnberger Prozesse, sowie Lehrerin Monika Friedlein treffen, die seit Jahren "Schüler-führen-Schüler"-Projekte umsetzt.

Das Konzept: Oberstufen-Schülern soll vermittelt werden, wie man jüngeren Schülern ab etwa der achten Klasse Nürnberger Institutionen wie das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände oder das Memorium näher bringt. "Schüler können besser einschätzen, was andere Schüler interessant finden und wovon sie bereits Kenntnis haben. Außerdem bedienen sie sich der Sprache, die sie untereinander benutzen", sagt Astrid Betz. Zunächst besuchen die Lehrer und die wissenschaftlichen Mitarbeiter gemeinsam mit den Schülern die Ausstellung, dann erarbeiten die Schüler unter Anleitung und Betreuung ein Skript und werden nach und nach als Museumsführer eingesetzt.

Zeitzeugin als Coach

Mit Batsheva Dagan stand den Schülern nun eine Zeitzeugin als "Coach" zur Verfügung. Und die hatte Botschaften mitgebracht: "Sprecht miteinander, lasst Sprache nie zur Barriere werden", zum Beispiel. Heimlich habe sie selbst in Auschwitz Französisch gelernt, abgehört von den anderen Insassen. Bildung stand nicht auf der Tagesordnung im KZ, aber "Sprache bedeutete für mich Hoffnung und war mein spirituelles Bedürfnis."

Dass Nürnberger Schüler nun anderen die Geschichte der Shoah näherbringen wollen, ist ganz in ihrem Sinne: Batsheva Dagan hat ihr Leben der Erinnerung und der Bildung gewidmet. Sie heiratete, gebar zwei Kinder, wurde erst Erzieherin, studierte Psychologie, arbeitete als Kinderpsychologin mit verhaltensauffälligen und behinderten Kindern und bildete Lehrer und Psychologen aus. Dabei war Erzählen immer ihr inneres Bedürfnis. Bis heute ist Batsheva Dagan ehrenamtlich Gastdozentin in Colleges und in der Gedenkstätte Yad Vashem. Sie lehrt und entwickelt Workshops zum Thema Shoah in Mexico-City, London, Russland, Nordamerika, Kanada, England und Deutschland.

Ihre Geschichte vom Verlust der Familie, der Unterdrückung als Jüdin, den Gefängnisaufenthalten und den schrecklichen Diensten in Auschwitz hat Batsheva Dagan immer wieder erzählt. Von der Krätze, die als "Eintrittskarte in den Ofen" verstanden wurde, vom Raustragen kalt gewordener Körper aus Stockbetten, von der Rampe. Meist spricht sie vor Kindern und Jugendlichen, die Altersklasse, bei der sie ansetzt.

Auch die Nürnberger Schüler wollten wissen, wie sie heute zu Deutschland und zum Deutschen steht. "Die Sprache ist nicht schuld. Und auch wenn ich nicht vergessen und vergeben kann, die nachfolgenden Generationen tragen keine Schuld." So werde sie als Botschafterin für ein friedliches Zusammenleben immer weitermachen, Lesungen halten, Menschen treffen. Und dem Nachwuchs ihre Werte mit auf den Weg geben. "Ihr habt immer eine Wahl, vieles hängt von euch ab."

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