1.04.2019
Europäische Verständigung

Brückenbauerpreis für deutsch-tschechisches Pfarrerspaar

Ein Pfarrer-Ehepaar mit besonderem Auftrag: Über ein Jahrzehnt waren Cordula Winzer-Chamrad und Petr Chamrad für die Begegnung und Verständigung im deutsch-tschechischen Grenzgebiet zuständig. Am 1. April wird ihnen der Brückenbauerpreis 2019 verliehen.
Ehepaar Chamrad
Die Eheleute Chamrad waren Botschafter über Gräben und Grenzen hinweg.

Eigentlich sei sie schon immer eine Grenzgängerin gewesen, sagt Pfarrerin Cordula Winzer-Chamrad. Spätestens seit ihrer Heirat (1993) mit dem gebürtigen Tschechen Petr Chamrad habe sie den Wechsel zwischen Bayern und Böhmen, zwischen "zwei entfremdeten Systemen" intensiv erlebt. Der Wechsel von Ort zu Ort, Grenze zu Grenze sei aber nur ein Aspekt gewesen.

Während sie ab 2001 in Selb als Pfarrerin arbeitete, war ihr Mann Petr Chamrad Pfarrer bei der evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder in Pisek. Was sie damals besonders intensiv erlebt habe, seien die Wunden, Gräben und Grenzen im Inneren der Menschen gewesen. "Das können nur menschliche Beziehungen heilen – keine Willensbekundungen, Entschuldigungen oder Erklärungen." Schon damals fühlte sich die Theologin als Botschafterin und "kleine Brücke", wie sie sagte.

Am 1. April erhalten die beiden Theologen nun den Brückenbauerpreis 2019 zuerkannt. Er wird seit 2007 verliehen für "unermüdliches, beispielgebendes und richtungsweisendes Engagement bei der Vertiefung einer guten Nachbarschaft zwischen tschechischen und bayerischen Nachbarregionen".

Würdigung für die Projekt-Stelle

Die Ehepartner verstehen die Auszeichnung als Würdigung ihrer Arbeit, die sie bis 2018 im kirchlichen Auftrag erfüllten. Die Anerkennung gelte daher nicht nur ihnen beiden, sondern ebenfalls der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB) und der Evangelischen Landeskirche in Bayern (ELKB), die eine entsprechende Projekt-Stelle gefördert haben, sagt Petr Chamrad. Seit vergangenem Jahr sind beide auf Pfarrstellen in St. Markus und St. Lukas in Regensburg tätig.

Im November 2003 wechselte Winzer-Chamrad als Gemeindepfarrerin auf eine halbe Stelle nach Hohenberg/Eger. Die anderen 50 Prozent war sie für das Sonderpfarramt tätig, das die Landeskirche für übergemeindliche Aufgaben im Grenzgebiet eingerichtet hatte.

40 Jahre Sozialismus hinterlassen Spuren

Keine leichte Aufgabe in einem Gebiet, das von Vorurteilen und Klischees geprägt war. 40 Jahre Sozialismus waren an den der tschechischen Kirche nicht spurlos vorübergegangen. "Die Menschen waren kaum in der Kirche verankert. Die Kommunisten haben dann ihren eigenen Glauben gepredigt", sagt Petr Chamrad.

Die christliche Konfession sei damals als unmenschlich und lebensfeindlich deklariert worden. Keiner wagte es mehr, sich öffentlich zur Kirche zu bekennen. Diese historisch begründete antikirchliche Haltung galt es aufzuweichen. Ein Prozess, der laut Chamrad bis heute andauere. Er hatte seit 2010 die Projektstelle für deutsch-tschechische Zusammenarbeit in Hohenberg/Eger inne. Die Kirche der Böhmischen Brüder hat etwa 100 000 Mitglieder, das sei ca. ein Prozent der Bevölkerung. Tschechien sei ein maximal säkularisiertes Land.

Deutsch-tschechischer Freundeskreis

2003 hatte Winzer-Chamrad in Selb auch zusammen mit dem tschechischen Pfarrer Pavel Kucera den Kreis "Freunde der deutsch-tschechischen Verständigung" gegründet, in dem beide Chamrads mitarbeiteten. Mit neuen Gottesdienstformen machten sie Bewusstseinsbildung.

Petr Chamrad entwickelte außerdem zusammen mit einem Kirchenmusiker ein interaktives Heft mit einer Sammlung von 20 Weihnachtsliedern, die in deutscher und tschechischer Sprache gesungen werden können.

Gemeindepartnerschaften, zweisprachige Gottesdienste, deutsch-tschechische Kinderkirchentage oder die Gedenkveranstaltungen zur deutsch-tschechischen Geschichte: "Petr und Cordula Winzer-Chamrad nutzten ihre Kontakte und ihre Zweisprachigkeit, um Begegnungen zu ermöglichen. Mittlerweile in Regensburg tätig, setzen beide ihre Lebensaufgabe für die deutsch-tschechische Verständigung und Versöhnung fort. Sie kennen die verbindende Kraft des Glaubens und der Kultur und nutzen sie für ihre Begegnungsarbeit", heißt es in der Laudatio des Brückenbauerpreises.

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