24.08.2017
"Jesus wäre auch gekommen"

Metal-Festival Dinkelsbühl: Im Kirchenzelt beim "Summer Breeze"

Inzwischen gehört es dazu: das Kirchenzelt mit Handyladestation und einem Kreuz aus Bierdosen auf dem Festivalgelände.
Das »Summer Breeze« bei Dinkelsbühl ist das größte Metal-Festival Süddeutschlands. Während Geistliche in den vergangenen Jahren vor dem »dämonischen Einfluss« des Musik-Events warnten, baut der evangelische Pfarrer Michael Wolf und sein Team ein Zelt auf.
Das »Summer Breeze« bei Dinkelsbühl ist das größte Metal-Festival Süddeutschlands. Während Geistliche in den vergangenen Jahren vor dem »dämonischen Einfluss« des Musik-Events warnten, baut der evangelische Pfarrer Michael Wolf und sein Team ein Zelt auf.

Immer im August säumen langhaarige, schwarzgekleidete Menschen die Landstraßen Richtung Festivalgelände. In diesem Jahr waren es rund 40 000. Wer dem Teufel begegnen will, der möge dieses Festival besuchen, warnte vor einem Jahr der Pfarrer einer nahe gelegenen Gemeinde. Dem dämonischen Einfluss dort könne sich niemand entziehen. Einige versuchten, den dunklen Mächten mit einem Plakat zu begegnen, auf dem der Bibelspruch "Jesus ist das Licht der Welt" zu lesen war.

"Jesus wäre wahrscheinlich selbst zum Festival gegangen", mutmaßt Michael Wolf. Ein langhaariger, bärtiger Gottessohn wäre hier nicht aufgefallen. Michael Wolf ist Pfarrer in Nürnberg und steht im schwarzen Shirt mit der Aufschrift "Love your neighbour" vor dem Festivalzelt der evangelischen Kirche. An der Bar nebenan wirbt eine Schnapsmarke mit "Teufelsaustreibungen zu jeder vollen Stunde". In der Ferne brüllt der Sänger einer Death-Metal-Band seinen Text ins Mikro.

Seelsorger für den Notfall

Ein junger Mann stolpert angetrunken ins Kirchen-Zelt, schaut sich um und greift nach einer Bibel, die auf einem der Tische liegt. "Darf ich die mal mit zum Zeltplatz nehmen?", fragt er. Michael Wolf willigt ein: "Klar! Solange ihr sie nicht verbrennt!"

Die Bierbänke und Liegestühle im und ums Zelt sind an diesem Nachmittag fast alle besetzt. Die meisten kommen nicht wegen der Bibel, gibt Michael Wolf zu, sondern um ihr Handy aufzuladen. Aber manche bleiben dann doch ein bisschen.

Wolf geht es nicht darum, Menschen zu missionieren, sondern da zu sein, wo die anderen sind, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. So habe es "der Chef" – Wolf meint Jesus – auch gemacht.

Zum dritten Mal ist das Zelt der Kirche beim Summer Breeze vertreten, organisiert vom Amt für Gemeindedienst in Nürnberg und vom Dinkelsbühler Dekan Uland Spahlinger.

Mittlerweile fühlt sich sein Team angekommen, wird vom Veranstalter auf der Homepage angekündigt. Der sei, erzählt Wolf, nach anfänglicher Skepsis froh über die geistlichen Festivalteilnehmer. Denn sollte einmal ein Unglück geschehen, sind die Seelsorger gleich vor Ort.

"Schade, wenn so was hier verteufelt wird"

Die angehende Pfarrerin Madalina aus Herzogenaurach ist leidenschaftlicher Metalfan und der Meinung, dass Christentum und Metal die optimale Kombination sind: "Ich finde es schade, wenn so was hier verteufelt wird. Hier ist es wie in einer großen Familie. Ich habe selten eine Gemeinschaft, in der ich mich so angenommen fühle."

Dass man auf einem Festival wie dem Summer Breeze der Kritik vieler Besucher ausgesetzt ist, auch mal angebrüllt wird, nimmt Michael Wolf in Kauf. Dafür kommen andere zu ihm und bitten ihn, für sie zu beten, diskutieren mit ihm über Kirchensteuer oder die Abschaffung des Religionsunterrichts. Wieder andere lassen sich segnen. Ein Paar hatte Wolf letztes Jahr sogar um eine Festival-Trauung gebeten, die allerdings nicht möglich war.

Einige Festivalbesucher machten Wolf darauf aufmerksam, dass seinem Zelt noch etwas Entscheidendes fehle: Bei einer spontanen Bastel-Aktion entstand ein Kreuz aus Bierdosen und Klebeband, das nun vom Zeltdach baumelt – mit dem langen Ende nach unten, versteht sich.

 

ShareFacebookTwitterGoogle+Share

Weitere Artikel zum Thema:

Taubertalfestival

Publikum beim Taubertal Openair 2017
Autor
Regen, Schlamm und Rock'n'Roll – für viele der Dreiklang, den das Taubertal Open Air auf den Rothenburger Eiswiesen ziert wie selbstverständlich. Und auch wenn es bei der 22. Auflage des dreitägigen Spektakels an der Tauber wieder mal ungemütlich von oben her war – die Botschaften auf und rund um die Bühne waren ebenso fröhlich wie die Stimmung der Gäste. Wer genau hinsah, der erlebte auch so manchen politischen oder gesellschaftskritischen Ton.
Sonntagsblatt