20.07.2018
Ökumene

Lebenszentrum auf Schloss Craheim wird 50

1968 war nicht nur das Jahr, das große gesellschaftliche und politische Umbrüche einleitete: Auch in den Kirchen gab es eine ökumenische und spirituelle Aufbruchstimmung. Jetzt feiert das "Lebenszentrum für die Einheit der Christen" auf Schloss Craheim bei Stadtlauringen sein 50-jähriges Bestehen.
Team und die Bewohner des Lebenszentrums Schloss Craheim
Sie freuen sich auf die 50-Jahr-Feier: das Team und die Bewohner des Lebenszentrums Schloss Craheim.

Für die meisten Zeitgenossen war es damals allenfalls eine ferne Utopie: Viereinhalb Jahrhunderte nach Luthers historischem Thesenanschlag sahen Christen unterschiedlicher Konfessionen allerdings die Zeit für gekommen, die Kirchenspaltung zu überwinden, ohne dabei die eher schwerfälligen Prozesse in den Amtskirchen abzuwarten.

Zum Geburtshelfer für den ambitionierten Selbstversuch auf Schloss Craheim wurde eine unterfränkische Adelsfamilie. 1966 hatten engagierte Christen um den lutherischen Pfarrer Arnold Bittlinger den Verein "Oekumenischer Dienst" gegründet. Auf der Suche nach einem Haus als Schulungs- und Seelsorgezentrum wurden sie in Wetzhausen (heute Teil des evangelischen Dekanatsbezirks Rügheim) fündig. Baron Crafft Truchseß, der später die evangelische Kirchenpolitik in den Synoden der bayerischen Landeskirche und der EKD mitgestalten sollte, vermittelte im Sommer 1968 das erst knapp 60 Jahre alte pittoreske Schloss der Familie bei Wetzhausen mitsamt weitläufigem Park an den jungen Verein.

Bunte Mischung aus katholisch, freikirchlich und evangelisch

Unter Stuckdecken und hinter Jugendstil-Glasmalereien startete dann das junge Lebenszentrum mit rund zwei Dutzend Bewohnern als "ebenso dynamisches wie gefährdetes Experiment", wie sich Siegfried Großmann, ein Craheimer der ersten Stunde, erinnert: "Wir haben in diesen ersten Jahren viel zusammen gebetet. Wir haben viele Gottesdienste gefeiert. Und das war eine bunte Mischung aus katholisch und charismatisch und freikirchlich und evangelisch. Und wir haben die Liturgien manchmal in einer atemberaubenden Art und Weise kombiniert und vermischt."

Die anfängliche Euphorie in der "Glaubens-Kommune" stieß bald an ihre Grenzen. Im täglichen Zusammenleben traten die unterschiedlichen Profile nicht etwa in den Hintergrund, sondern wurden sogar geschärft. Reibungsverluste entstanden zudem durch die – von den Initiatoren ja durchaus gewollte – Gemeinschaft von "konfessionellen" Christen und Angehörigen verschiedener geistlicher Bewegungen. Nach gerade mal zehn Jahren hatten sich die Gründerfamilien verabschiedet. Die "ökumenischen Flitterwochen", wie es ein späterer theologischer Begleiter formulierte, waren erst einmal vorbei.

Ökumenische Offenheit als Basis

Die einzigartige Ausstrahlung als spiritueller Lern- und Begegnungsort, als "geistliche Brunnenstube" indes ist geblieben, hat sich in den Jahrzehnten durch manche strukturelle, bisweilen auch finanzielle Durststrecken gerettet und immer wieder neu belebt. Maßgeblichen Anteil daran hat die bayerische evangelische Landeskirche. Sie finanziert im Lebenszentrum seit über 30 Jahren nicht nur die Pfarrstelle für einen geistlichen Leiter; 1992 erwirbt sie auch die Liegenschaft Craheim, die bis dahin im Privatbesitz von Baron Crafft Truchseß von und zu Wetzhausen war. Unterstützt wird die Arbeit mittlerweile unter anderem auch von der 2003 gegründeten Craheim-Stiftung.

Die ökumenische Offenheit ist nach wie vor die Basis der gesamten Arbeit in Craheim, das genauer gesagt nicht allein aus dem Schloss besteht. Seit 1973 gehört dazu die evangelische Kommunität Jesu Weg, die sich auf dem Gelände ein eigenes Schwestern- und Exerzitienhaus baute. Der ursprünglich von der katholischen San-Damiano-Gemeinschaft getragene Franziskushof wird inzwischen im Rahmen der Begegnungsstätte genutzt.

Der Ehe wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt

In der Vielfalt von Seminaren und Tagungen im Jahresprogramm der Begegnungsstätte gelten bis heute vor allem die Eheseminare und die Seelsorge für Ehepaare als beispielhaft. Gewürdigt wurde dies 2013 mit dem ersten ökumenischen Ehefest, zu dem der evangelische Kirchenkreis Bayreuth und das katholische Erzbistum Bamberg gemeinsam eingeladen hatten: Rund 150 konfessionsverbindende Ehepaare kamen damals nach Craheim. Seit jenem Jahr ist im Schlosspark der "Craheimer Eheweg" installiert, sechs Stationstafeln, an denen Paare über ihre Beziehung miteinander ins Gespräch kommen können. "So wird auch für Tagesbesucher oder Touristen erkennbar: An diesem Ort wird der Ehe zwischen Mann und Frau besondere Aufmerksamkeit geschenkt", erklärt Pfarrer Heiner Frank, der die Seminare zusammen mit seiner Frau Dietlinde leitet.

Übrigens: Aufmerksame Kinogänger könnten Schloss Craheim auch als Filmkulisse wiedererkennen: 2003 entstanden dort Szenen für den Kinderfilm "Sams in Gefahr".

INFO

Auftakt des Jubiläumswochenendes auf Schloss Craheim ist am Samstag, 21. Juli, um 19 Uhr ein Open-Air-Konzert mit dem Pfarrer und Liedermacher Clemens Bittlinger. Am Sonntag, 22. Juli, beginnt um 10 Uhr der Festgottesdienst mit anschließendem Festprogramm. Prediger ist Pfarrer Wolfgang Oertel, Vorsitzender des Vereins Ökumenischer Dienst.

ShareFacebookTwitterGoogle+Share

Weitere Artikel zum Thema:

Oase der Ruhe und letzte Ruhestätte

Bethalle auf dem evangelischen Friedhof in Regensburg.
In einer Oase der Ruhe Kaffee trinken und Kuchen essen und dabei den Blick über die Gräber schweifen lassen. Was es in Berlin schon gibt und in München geplant ist, soll bald auch in Regensburg Wirklichkeit werden. In einer historischen Bethalle auf dem Evangelischen Zentralfriedhof will das Kirchengemeindeamt ein Friedhofscafé errichten.

Interreligiöser Dialog

Thomas Amberg, Leiter der »Brücke« in Nürnberg, genießt seinen türkischen Tee auf einem orientalischen Sofa und syrischem Inventar.
Autor
Der Pfarrer und Islamwissenschaftler Thomas Amberg leitet die "Brücke" als Einrichtung der bayerischen Landeskirche in Nürnberg. Die "Brücke" (türkisch "Köprü") ist ein einzigartiger Lernort der christlich-muslimischen Bildungsarbeit. Und nach 25 Jahren werden die geistlichen Reisen, auf die sich Christen und Muslime begeben, immer bunter. Wohin diese führen sollen, weiß Reiseleiter Thomas Amberg.
Sonntagsblatt