28.12.2016
Kochkurs für alle

Mehr Begegnungsprojekte mit Zuwanderern

Zuwanderung und Integration waren die gesellschaftlichen Top-Themen von 2016. Sie bleiben es auch im neuen Jahr, denn die Krisenherde in Nahost und in Afrika zwingen Millionen Menschen zur Flucht. Kirchengemeinden und Wohlfahrtsverbände bieten zahlreiche Konzepte, um den Geflüchteten den Start in die Gesellschaft zu erleichtern. Wenn es nach der Inneren Mission München geht, sollen sie 2017 noch häufiger Einheimische und Zugezogene zusammenbringen.
Frauen aus Somalia und Bulgarien in einer Münchner Backstube.
Handwerk verbindet: Frauen aus Somalia und Bulgarien in einer Münchner Backstube.

Ein Projekt, das in diese Richtung weist, hat die Migrationsberatung der Inneren Mission bereits im Dezember organisiert: Acht Frauen aus Somalia, Bulgarien und dem Kosovo rückten zum Plätzchenbacken in der Backstube des Cafés Kustermann an. Beim Teig kneten und Plätzchen ausstechen mit dem Konditormeister und zwei Azubis gab es wenig Verständigungsschwierigkeiten: »Sprache ist hier nicht so wichtig«, sagt Café-Inhaber Thomas Ritz. Die Frauen könnten einfach mitmachen und bekämen so Rückhalt und Selbstvertrauen.

»Es wurde viel gelacht, denn Backen ist etwas Handwerkliches, es schafft Begegnung und verbindet«, sagt auch Andrea Betz, Leiterin der Abteilung Flüchtlinge, Migration und Integration bei der Inneren Mission. Neu an diesem Nachmittag sei gewesen, dass vier Frauen aus einer Flüchtlingsunterkunft mit vier Frauen, die schon länger in München leben, zusammengearbeitet hätten.

Begegnungsprojekte mitten in der Gesellschaft: Das plant die Innere Mission München im Jahr 2017, um die Integration geflüchteter Menschen voranzubringen. Bislang fände zu viel Separierung statt, sagt Andrea Betz. »Kochkurse für syrische Frauen, ein Stammtisch für Männer aus Afghanistan – das macht für uns wenig Sinn«, findet Betz. Integration brauche mehr gesellschaftliche Teilhabe in gemischten Gruppen.

Mix mitten im Leben

Mit Rückblick auf das Jahr 2016 zieht Betz eine vorsichtig positive Bilanz. Es sei gelungen, »Flüchtlinge würdig unterzubringen und sozial gut zu betreuen«. Allerdings fehle in der Asylsozialarbeit Geld, um die für Beratungsgespräche dringend benötigten Dolmetscher zu bezahlen. Auch die Migrationsberatung für Menschen mit Bleiberecht müsse dringend ausgebaut werden: »Auf einen Mitarbeiter kommen derzeit 500 bis 600 Fälle«, kritisiert Betz.

Fehlender Wohnraum sei neben Arbeitssuche und Familiennachzug das Top-Thema in der Beratung. Denn von den Gemeinschaftsunterkünften zögen die meisten anerkannten Flüchtlinge direkt in die Notunterkünfte der Wohnungslosenhilfe. »Es gelingt nur selten, in eigenen Wohnraum zu vermitteln«, ist Betz' Erfahrung.

Der Geschäftsführer der Inneren Mission, Günther Bauer, lobt das Bauprogramm »Wohnen für alle« der Stadt München, das bis 2019 rund 3000 Wohnungen für einkommensschwache Münchner schaffen wolle. »Wir brauchen aber mindestens 15000 Wohnungen«, sagt er.

Bauer verweist darauf, dass die verschleppten Asylanträge beim Bundesamt für Migration (BAMF) zu einer doppelten Schieflage in der öffentlichen Wahrnehmung führten. Bis Ende November 2016 hätte das BAMF 723.027 Anträge bearbeitet. Neu angekommen seien 2016 aber nur rund 300.000 Flüchtlinge. Und während bei den BAMF-Anträgen immer noch Menschen aus Syrien die stärkste Gruppe stellten, befänden sich unter den Neuankömmlingen vorwiegend Menschen aus der Subsahara: »Dort hungern derzeit 25 Millionen Menschen, im Südsudan herrscht Bürgerkrieg und in Nigeria wütet Boko Haram.« Es gäbe für die Menschen dort »sehr nachvollziehbare Fluchtgründe«, sagt Bauer. In der deutschen Öffentlichkeit käme das jedoch kaum vor.

Das Engagement des evangelischen Wohlfahrtverbands in der Flüchtlingshilfe sei theologisch begründet: »Die Bibel ist voll von Fluchtgeschichten«, sagt Günther Bauer. Menschen dürften nicht wegen ihres Menschseins abgelehnt werden. »Der barmherzige Samariter hat nicht nach Herkunft, Kultur, Religion und Parteibuch des Verletzten gefragt, dem er geholfen hat«, so der Theologe.

Somalierin und Bäcker in einer Münchner Backstube.
Wo der Teig verbindet: gemeinsam in der Backstube.
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Sonntagsblatt