8.07.2020
Polizeiseelsorge in Bayern

"Polizisten schauen auf die Schattenseiten des Lebens" - Kirchenrat über 100 Jahre Polizeiseelsorge in Bayern

Die Polizeiseelsorge in Bayern feierte am 6. Juli 2020 mit einem Festgottesdienst in München ihr 100-jähriges Bestehen.
Einsatz der Notfallseelsorge (Symbolbild)

Die Polizeiseelsorge in Bayern wurde 1920 auf Bestreben der katholischen Frauenrechtlerin und Politikerin Ellen Ammann gegründet: zunächst mit einem hauptamtlichen katholischen Seelsorger.

Inzwischen gibt es zwei katholische und zwei evangelische hauptamtliche Polizeiseelsorger, die für Nord- und Südbayern zuständig sind und vom Freistaat Bayern finanziert werden. Unterstützt werden sie von weiteren Polizeiseelsorgern, die von den katholischen Diözesen oder der evangelischen Landeskirche bezahlt werden.

Der zuständige Beauftragte der bayerischen Landeskirche, Matthias Herling, erzählt im Gespräch mit dem Sonntagsblatt, wie seine Arbeit aussieht, dass Polizisten auch gerne mal eine Auszeit im Kloster nehmen und wie sie mit den aktuellen Rassismus-Vorwürfen umgehen.

Die Polizei - dein Freund und Helfer. Manchmal braucht aber auch sie jemanden, der sich um sie kümmert...

Matthias Herling: Die Polizistinnen und Polizisten schauen in ihrer Arbeit regelmäßig auf die Schattenseiten des Lebens - Gewalt, Mord, Unfälle, sexueller Missbrauch... Dieser Schatten legt sich bei dem ein oder dem anderen auch auf die eigene Seele. Ihnen bieten wir als Kirche einen "Schutzraum für Schutzleute".

Sie helfen also den Polizisten nach belastenden Einsätzen...

Herling: Nicht nur. Wir decken mehrere Bereiche ab: Wir erteilen den angehenden Polizeibeamten Berufsethischen Unterricht während ihrer Ausbildung, denn sie brauchen in ihrer Arbeit später Handlungs- und Haltungssicherheit. Zum einen muss ein Polizist wissen, was er rechtlich alles tun darf, etwa bei einer Zeugenbefragung oder einer Unfallaufnahme.

Dazu gehört aber auch, dass er alle Menschen den gleichen Respekt entgegenbringen muss. Oder wir behandeln mit ihnen das Thema "Sterben, Tod und Trauer". Denn Polizisten bekommen ja immer wieder Suizid-, Unfall- oder gar Mordopfer zu sehen oder müssen Todesnachrichten überbringen.

Außerdem bieten wir ihnen Seminare, Rüstzeiten und Reisen an. Besonders beliebt sind hier die Auszeiten im Kloster und die Schweigeexerzitien meiner katholischen Kollegen. Mehrtägige spirituelle Angebote, aber auch Pilgern, Bergwandern oder Segeltörns sind häufig sofort ausgebucht. Außerdem betreiben wir Netzwerkarbeit, besuchen zum Beispiel Dienststellen und begleiten die Polizisten bei großen Einsätzen.

Wir weihen Dienstgebäude ein, feiern Gottesdienste oder taufen die Kinder von Polizisten. Ein bunter Strauß an Angeboten, die auch gerne angenommen werden. Ein wichtiger Teil davon sind Klausurtage für besonders belastete Dienststellen und die Begleitung der Polizisten nach potenziell traumatisierenden Ereignissen.

Haben Sie ein Beispiel für solch ein traumatisierendes Ereignis?

Herling: Der Vierfachmord in Gunzenhausen im vergangenen Jahr, als ein Familienvater seine Ex-Frau und seine drei Kinder umgebracht hat. Das lässt niemanden kalt. Die Polizisten haben ja auch Kinder und Familie und fragen sich, wie ein Vater zu so einer Tat fähig sein kann.

Die eigenen Gedanken und Gefühle einfach zu unterdrücken oder zu verdrängen, hilft nicht auf Dauer.

Denn irgendwann kommt der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Um dem vorzubeugen, laden wir dazu ein, in einem geschützten Rahmen all das, was sich im Lauf der Zeit angestaut hat, zu benennen und loszulassen.

Aber Sie sind auch bei Einsätzen selbst dabei und helfen?

Herling: Neben Gespräch und Gebet kann ich manchmal auch ganz praktisch Hilfe leisten. Im Rahmen eines Großeinsatzes habe ich mich einmal um zwei Polizistinnen gekümmert, die bei einem Autounfall Erste Hilfe geleistet haben und in deren Armen zwei der Opfer gestorben sind.

So etwas zu erleben ist auch für routinierte Einsatzkräfte sehr belastend. Ich habe die beiden erst einmal nach Hause gefahren. Eine auf den ersten Blick vielleicht nur kleine praktische Hilfe. Aber die Kollegen waren mit dem Unfall beschäftigt und hatten keine Zeit für die beiden. Die Polizistinnen waren einfach nur froh, dass sich jemand um sie gekümmert hat und sie sich nicht noch überlegen mussten, wie sie am besten nach Hause kommen.

Nehmen die Beamten Ihre Angebote eigentlich gerne an? Oder gibt es da Hemmschwellen?

Herling: Am Beginn der Ausbildung fragen sich schon manche der jungen Leute, was sie im Berufsethischen Unterricht wohl erwartet, den zudem noch ein Pfarrer hält. Aber meistens ist das Eis schnell gebrochen. Insgesamt sind wir fest etabliert. Unser Dienstherr ist unsere Kirche, nicht die Polizei.

Wir gehören hier keiner Hierarchie an und sind auch nicht weisungsgebunden. Das bedeutet: Alles, was uns Polizisten erzählen, bleibt vertraulich, nichts davon landet in der Personalakte. Von daher genießen wir schon ein besonderes Vertrauensverhältnis.

Hat sich die Polizeiarbeit in den vergangenen Jahren verändert und damit auch Ihre Seelsorgetätigkeit?

Herling: Oh ja, sehr. Allein was das Thema Kinderpornografie im Internetzeitalter angeht. Die Beamten ersticken quasi in Terabyte Datenmüll, aber sie müssen sich Foto für Foto genau ansehen und entscheiden, ob es sich um Kinder-, Jugend- oder legale Pornografie handelt. Dies nimmt sehr viel Zeit in Anspruch und ist - trotz aller professionellen Distanz - recht belastend. Es ist schlicht unfassbar, was einzelne Menschen Kindern alles antun und wer sich daran aufgeilt.

Auch die Terroranschläge der letzten Jahre, in Paris, London und in Berlin am Breitscheidplatz, haben die Polizei verändert. Das Verhalten der Polizei in sogenannten "lebensbedrohlichen Einsatzlagen" wird nun intensiv geübt. Wir als Seelsorger sind gefragt, wenn Polizisten selbst in Lebensgefahr schwebten, massiv Gewalt ausüben oder gar von ihrer Dienstwaffe Gebrauch machen mussten. Denn die Polizisten sollen ja nicht alles in sich hineinfressen und allein mit sich ausmachen oder ausschließlich ihren Ehepartner als "Müllschlucker" missbrauchen. Denn dies belastet oder überfordert eventuell ihre Ehe.

Weltweit wird derzeit nach dem Tod des schwarzen US-Amerikaners George Floyd über Rassismus bei der Polizei debattiert, auch in Deutschland. Wie gehen die Beamten mit den Vorwürfen um?

Herling: Dieser Vorwurf trifft sie schon. Denn sie wollen nicht mit ihren US-Kollegen in einen Topf geworfen werden, weil dort die Polizei ganz anders aufgebaut ist. So ist die Ausbildung erheblich kürzer. Viele ehemalige Soldaten werden anschließend Polizisten und sehen tendenziell in einem Straftäter einen Feind, den es zu bekämpfen gilt.

In Deutschland dagegen haben wir seit Jahrzehnten eine bürgernahe Polizei, der beigebracht wird, dass die Würde des Menschen unantastbar ist und dass bei der Anwendung unmittelbaren Zwangs die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt werden muss. Natürlich lernen auch hier Polizistinnen und Polizisten, mit entsprechenden Handgriffen oder dem Teleskopstock Gewalt auszuüben. Aber das Knie auf den Hals eines wehrlosen Festgenommenen zu drücken - das kenne ich von der deutschen Polizei definitiv nicht.

Im Übrigen: Ich weiß, dass viele Polizisten sich gerne mit den Leuten auf den Anti-Rassismus-Demonstrationen solidarisieren würden.

Aber sie müssen neutral bleiben. Das führt immer wieder zu Irritationen, wenn zum Beispiel rechtsradikale Demonstranten und Gegendemonstranten aufeinandertreffen. Da muss die Polizei auch die vermeintlich "Guten" in ihre Schranken weisen, denn in einer Demokratie haben auch Populisten und Radikale ein Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Werden sie darin von anderen gehindert, muss die Polizei eingreifen. Das heißt aber nicht, dass sie selbst radikale Ansichten unterstützt.

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